Der exzentrische Howard übernimmt in den 60er Jahren ein heruntergekommenes Hotel in London und möchte es wieder nach ganz oben bringen. Das gelingt ihm auch, das "Hotel Alpha" zählt bald zu den besten Häusern in der Stadt. Einer der Pfeiler des Erfolgs (und Vertrauter von Howard) ist Graham, der sich ohne große Hoffnungen damals für die Rezeption beworben hatte und nun seit Jahrzehnten auf seine freundliche und ein wenig altmodische Art die Gäste in Empfang nimmt.
Die schlimmste Episode in der Hotelgeschichte war sicherlich der Brand, der in den oberen Etagen gewütet und ein Todesopfer gefordert hat. Die Frau, die in den Flammen ums Leben kam, hatte einen kleinen Sohn, der zwar gerettet werden konnte, aber infolge seiner Verletzungen erblindet ist. Howard adoptiert den kleinen Chas, nicht zuletzt, weil er Schuldgefühle hat. Der Junge wächst fortan zwischen Hotelgästen und Personal auf, seine Welt besteht aus dem Hotel, in dem er sich auskennt und sich sicher fühlt. Nach draußen traut er sich wegen seiner Behinderung nicht, doch als er einen Computer mit Sprachfunktion geschenkt bekommt, eröffnen sich ihm auf diese Weise neue Welten.
Graham hingegen steht mit Computern und überhaupt mit moderner Technik auf Kriegsfuß, aber deren Siegeszug kann er nicht aufhalten, auch wenn er überhaupt keine Lust hat, seine akribisch geführten Rezeptionsbücher durch Computergetippsel zu ersetzen und der Zeit nachtrauert, als das Business Center noch der Rauchsalon des Alpha war und er selbst den Gästen noch Tips für Unternehmungen und Sehenswürdigkeiten geben durfte und die nicht einfach alles auf ihren Smartphones nachschlagen konnten. Und er vermisst Agatha, die gutgelaunte Kollegin von der Rezeption, die eines Tages Knall auf Fall gegangen ist.
Als er sich schon langsam dem Rentenalter nähert, muss Graham immer wieder an Agatha denken und an den Brand und an viele andere Dinge, die sich damals abgespielt haben. Gleichzeitig beginnt Chas, nach seiner Herkunft zu fragen, vor allem nach seinem leiblichen Vater. Und allmählich beschleicht Graham der Verdacht, dass es da Geheimnisse geben könnte, mit denen er nie gerechnet hätte.
Das Hotel im Wandel der Zeiten mochte ich sehr als Kulisse. Einerseits ist es ein zeitloses Luxusetablissement und es gibt immer rauschende Partys, menschliche Dramen und kleine und große Alltagsärgernisse, andererseits gehen weder technische Entwicklungen noch die Ereignisse in London und auf der ganzen Welt spurlos am Alpha vorbei. Von einer Stippvisite der Rolling Stones über Y2K und 9/11 bis zu den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn wird das Weltgeschehen immer wieder nett in die Handlung eingeflochten.
Im wesentlichen dreht sich jedoch alles um Graham und Chas, aus deren Perspektiven wir das Buch erleben, und das war der Punkt, der mir nicht ganz so gut gefallen hat, weil ich beide im Verlauf des Buches als recht klischeehaft empfunden habe. Der leicht verschrobene Graham wirkt anfangs liebenswert altmodisch mit seinem Hang zur Nostalgie, irgendwann nervt es aber ein wenig, wie vehement er sich weigert, auch nur das geringste bisschen mit der Zeit zu gehen. Chas war mir ein bisschen zu sehr um den Aspekt seines Handicaps herum konstruiert. Natürlich ist das fraglos extrem prägend, aber dass er im Teenageralter immer noch nicht großartig vor der Tür gewesen sein soll, nicht einmal in Begleitung, erschien mir seltsam. Und auch das Thema Blindheit ist unausgegoren dargestellt - wenn Chas keinerlei Erinnerungen mehr an visuelle Wahrnehmung hat, kann er sich auch nicht sinnvollerweise vorstellen, wie seine Freundin beim Joggen aussieht oder ähnliches.
Die Handlung gefiel mir, so lange sie angenehm dahinplätscherte und man im Alltag des Alpha mitschwimmen konnte. Als es dann verstärkt um das große Geheimnis ging, dem Graham auf der Spur ist, habe ich das als recht konstruiert empfunden und war nicht mehr so begeistert wie am Anfang, es wurde mir zu überzeichnet.
Aber ganz zum Schluss hat mich Watson dann doch wieder ein wenig versöhnt, denn es gibt nach dem "offiziellen" Schluss noch einige kurze Kapitel, die das Alpha und einige Figuren aus dem Buch noch mal aus ganz anderer Perspektive betrachten. Das gefiel mir wiederum sehr.
Und falls man nach dem Lesen noch nicht genug hat: es gibt (oder gab?) auch online noch zahlreiche Kurzgeschichten aus dem Alpha-Universum, darauf bin ich durchaus neugierig geworden.