Eine junge Frau führt ein erfolgreiches Leben als Influencerin – bis ihr Expartner gegen ihren Willen ein intimes Video von ihr veröffentlicht. Ihr Account wird daraufhin überschwemmt von Nachrichten, in denen sie gedemütigt und bedroht wird. Sie geht offline, flieht in eine fremde Stadt, in die Anonymität des öffentlichen Nahverkehrs. Der Bus wird zu ihrem Rückzugsort und zu einem Spiegel: Sie beobachtet ihre Mitfahrenden, gibt ihnen Namen, stellt Vermutungen über sie an – und richtet dabei immer wieder den Blick zurück auf sich selbst. Der Roman erzählt eindringlich von sexualisierter, von digitaler Gewalt, von Blicken, Hass und Scham. Und er erzählt von den ganz alltäglichen Grausamkeiten: von sexistischen Rollenbildern, von dauernden Belästigungen und ständiger Angst. In der Protagonistin wächst die Wut über all das – und es erwacht in ihr eine Stimme, die nicht länger schweigen will.
Heute erscheint „Öffentlicher Nahverkehr“ von Thea Mengeler - doppeldeutig ist der Titel, denn einerseits hat sich die Protagonistin, eine erfolgreiche Influencerin, komplett aus den sozialen Medien zurückgezogen, nachdem ihr Ex ein ohne ihr Einverständnis aufgenommenes intimes Video veröffentlicht hat. Andererseits spielt der kurze Roman zu 80 Prozent in einem Bus.
„Ich sitze in der vorletzten Reihe der Ringlinie 100. Auf einem Zweiersitz, keinem Vierer. Ich will niemanden gegenüber. Ich will niemanden, der mich anschaut. Es ist an mir zu schauen. Es ist an mir, euch anzuschauen. Spürt ihr meinen Blick?“
Die Protagonistin fährt durch eine imaginäre Stadt (zumindest habe ich nur ein Gemenge an Straßennamen aus Berlin, Hamburg und Wien erkannt, aber vielleicht täusche ich mich). Sie bleibt stets in Bewegung, seit sie aus ihrem Leben und ihrem Job geflohen ist.
Den Leuten, die ihr auf ihren Fahrten regelmäßig begegnen, gibt sie Usernamen. Ihr Internetblick hat sich verselbstständigt. Nach und nach beginnt sie, ihre Umgebung wieder anders wahrzunehmen als durch die Social-Media-Linse.
Thea Mengeler findet in ihrem leicht und schnell lesbaren, aber vielschichtigen Buch klare Worte für Dinge, die selten so deutlich benannt werden. Diese Analyse ist oft schmerzhaft. Es geht um Selbstdarstellung, Abhängigkeit und den Zwang, sich und andere konstant zu bewerten. In ihrem inneren Monolog voller Scham verfestigt sich für die Protagonistin endlich die Wut nach außen. Die Wut auf den Missbrauch durch eine nahestehende Person, auf das zerstörte Vertrauen, auf die Hasskommentare.
Ein wichtiges Buch über Themen, die noch nicht oft genug verhandelt werden, aber die viele von uns betreffen.
Die noch namenlose junge Icherzählerin lebt in einer nahezu leeren Wohnung, in die sie offenbar nur das Nötigste mitnehmen konnte. Sie könnte sich in einem Safe House in Sicherheit gebracht haben – aber vor welcher Gefahr? Judith, wie wir später erfahren werden, lebt dort nur nachts, weil sie tagsüber offenbar nonstop mit dem Bus der Ringlinie 100 fährt. Die angezeigten Haltestellen stehen für Stationen ihres Lebens, wie z. B. ihre aktuelle Wohnung. Im Bus etikettiert sie die beobachteten Fahrgäste mit sprechenden @-Nicknames, ebenso gut könnte sie in Gedanken mit Prototypen von Influencern oder Kommentatoren streiten, denen sie zuvor in den Sozialen Medien begegnet ist. Zugleich mit Ereignissen und Figuren, die die Erzählerin streift, arbeitet sie Begriffe der aktuellen Diskussion um Misogynie, Relativierung männlicher Gewalt, sowie das Frauenbild ab, das Gewalt gegen Frauen verharmlost.
Judith muss mit Hilfe der betagten Künstlerin Rosa (die sie aus dem Bus kennt) jedoch im übertragenen Sinn erst ihren Unterschlupf verlassen, damit auch für sie die Scham die Seite wechselt.