Es war eine guter Gedanke dieses Buch im direkten Vergleich zu Goethes Werther zu lesen. Ich kannte es schon, aber unmittelbar im Anschluss wird die Aussage und vor allem die Leistung von Ulrich Plenzdorf deutlicher.
Es gelingt dem Autor, die Handlung des Werther in die 1970er Jahre in der DDR zu versetzen und eine zeitgemäßen Jugendlichen darzustellen. Auch Edgar W. ist empfindsam und kann sich nicht in die Gesellschaft einfügen, wie es von ihm erwartet wird. Beide Gesellschaften können anderseits nichts mit Menschen anfangen, die stark vom Durchschnitt abweichen und freiheitlichere Entscheidungen treffen wollen. Dabei verhalten sich die Mitmenschen sowohl bei Werther als auch bei Edgar überwiegend wohlwollend. Sie bemühen sich, ihn in die Gesellschaft bzw. in das Normverhalten zurückzuholen, das sie selbst als den besten Weg zum Glück betrachten. Auch Edgar projiziert seine Wünsche und Vorstellungen auf eine Frau, die er nicht Lotte, sondern Charlie nennt und die nicht viele Geschwister hat, sondern Kindergärtnerin ist. Aber die unglückliche Liebe spielt nicht so die zentrale Rolle, wie es bei Werther erscheint. Es wird viel deutlicher, dass diese Liebe in einziges Hirngespinst ist und seine Probleme ganz anderer Art sind. Die Figur des Dieter passt grandios zum Kestner und gleichzeitig in die DDR-Norm.
Der Aufbau des Buches ist ganz anders als bei Goethe, ein Briefroman hätte sicher kaum Erfolg gehabt. Aber die Rückblicke des bereits toten Edgar, die Suche des Vaters, der den Sohn mit 5 Jahren letztmalig sah, nach der Person Edgar und die immer wieder genial eingestreuten Zitate aus dem Klassiker sind genial gemacht. Absolut authentisch sind die Situationen, in denen Edgar sich befindet: die Lehre bei einem schikanierenden Lehrmeister (sinnlose Arbeiten in der Lehrausbildung kamen mir sehr bekannt vor), Wohnen in der Gartenlaube, die Wohnung von Dieter, die Malerbrigade, der Jeanskauf usw. Vieles lebte für mich auch von eigenem Erleben in ähnlicher Zeit. In der Figur des Edgar sah ich Jugendliche, die ich kannte, schwankend zwischen Schüchternheit und Selbstbewusstsein, überzeugt, alles schon zu wissen und jede Situation einschätzen zu können (und doch bezeichnet er sich im Rückblick immer wieder als Idiot), rebellierend und provozierend, aber erkennend, dass in einem gewissen Maße Anpassung überlebensnotwendig ist.
Mir gefiel auch, dass Edgar keinen Selbstmord begeht. Genau dieser Punkt war für mich bei Goethe nicht ganz schlüssig, hier ist der Ablauf logischer. Es allen beweisen zu wollen, was wirklich in einem steckt ist als Motiv stark.
Die Sprache gefiel mir weniger. Dabei war sie durchaus der Zeit gemäß, so sprachen Jugendliche in den 70ern. Und es wurde deutlich, dass es eine Referenz an Salingers „Der Fänger im Roggen“ war, dessen Autor ich für die genaue Beobachtungsgabe und Umsetzung in Literatur zwar achte, aber dessen Sprache ich deswegen trotzdem nicht mochte. Sowohl Holden Caulfield als auch Edgar Wibeau sind keine Personen, in die ich mich hineinversetzen konnte.
Wer Salingers Buch mochte, für den ist dieses bestimmt absolut lesenswert, ebenso im Vergleich zu Goethe. Ansonsten vermag ich nicht einzuschätzen, wie es auf jüngere Leser heute wirkt.