Sehr wichtiges Buch, das jeder Marxist gelesen haben sollte. Aber mit erheblichen begrifflichen und methodologischen Schwächen.
Ein Problem ist, dass Biel sehr richtig feststellt, dass nationale Bewegungen und Klassenkampf keine Widerprüche sind, dass sie letztlich aus einer Quelle, der Ausbeutung, fließen. Nur kann er das begrifflich nicht kohärent erfassen, denn er benutzt zwei sich widerpsrechende methodologische Ansätze, zwei Sätze von Theorien. Einmal sieht er, dass Ideologien Ausdruck bestimmter Praxen sind, ein andernmal sagt er, dass Ideologie autonom ist (nicht tendentiell oder teilweise autonom, wie das Engels sagt, sondern ganz autonom). Dass geht dann auch in eine ganze Reihe von Problemen über: Entfremdung ist ein ganz zentrales Problem, das er mit der Frage der Ideologie verknüpft, aber er benutzt ganz unbedarft den idealistischen Begriff vom Garrungswesen, den Marx ja nicht ohne Grund abgelegt hat. Dann gehen in der Kritik der Stadientheorie und ihres Begriffs der Entwicklung moralische und historische Faktoren kreuz über quer, so dass letztlich gar kein objektiver Begriff der progressiven Seite des Kapitalismus mehr übrig bleibt, bzw. dies auf bürgerliche Demokratie und Menschrechte (also Überbauphänomene) reduziert wird.
Zentral ist auch das Problem, dass Biel zwar richtig sagt, dass der Eurozentrismus zum mechanischen Denken führt, dies aber nicht aus dem Klassencharakter der Ideologie und Praxis ableitet (freilich vermittelt durch den Imperialismus), sondern direkt aus der Ideologie selbst. Gleichzeitig kritisiert er an anderer Stelle sehr richtig einen Denker dafür, dass er *aufgrund seines Klassenstandpunktes* in anti-dialektisches und damit eurozentristisches Denken verfällt, bemerkt aber nicht, dass er damit gerade selbst seine eigene Theorie vertiefen müsste.
Also das geht so durch den ganzen Text. Es fehlt einfach an begrifflicher Gründlichkeit, so dass die Kategorien tendentiell von organischen in diskrete zerfallen. Aber die Elemente der organischen Theorie sind alle da, er bekommt sie nur nicht zusammen. Mit anderen Worten kann man sagen, dass das Buch selbst noch vom Eurozentrismus geprägt ist, womit freilich die zentrale Theorie nur gestärkt wird.
Trotzdem, gerade für deutschen Leser, die international durch besondere Provinzialität und Chauvinismus auffallen, ist das n sehr wichtiges Buch.