1961 reist die 18-jährige Ulrike zu einem Sprachkurs ins sommerliche Cannes – und kehrt schwanger zurück. Auf Drängen ihrer Eltern geht sie eine Scheinehe ein, die bald zerbricht. Für einen Neuanfang folgt sie dem sephardischen Geschäftsmann Adem nach Istanbul. Während die Kinder Barbara und Danyal dort Wurzeln schlagen, verliert Ulrike zunehmend den Halt und sucht Trost im Alkohol. Vierzig Jahre später erinnert sich Barbaras Tochter Charly an ein Leben zwischen Mutter und Großmutter, die bis zuletzt nicht mehr miteinander gesprochen haben. Auf der Suche nach dem verschwundenen Onkel Danyal beginnt sie zu begreifen, wie sehr die Konflikte der vorherigen Generationen in ihr fortwirken.
Ein eindrucksvolles Debüt über Mütter und Töchter – und die Frage, welche inneren Konflikte tatsächlich die eigenen sind und wessen Gefühle wir eigentlich in uns tragen.
Jennifer Segebrecht erzählt mit großer Sensibilität von drei Frauen, die aneinander leiden und wachsen.
Der Pfleger bringt Charly zu Ulrike. Ihre Mutter hatte sie angerufen und Charly versteht nicht, warum sie es vor ihr wusste, schließlich sprachen die beiden seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander. Ulrike war schon öfter ins Krankenhaus gekommen, weil sie trank und stürzte. Bei ihrem letzten Aufenthalt sagte man ihr, dass es das jetzt war. Sie kam von der Klinik direkt ins Pflegeheim, in ein Zweibettzimmer. Die Bettnachbarin starrte an die Decke und stöhnte melodiös. Bewegen konnte sie sich nicht mehr. Die Selbstaufgabe dieser Frau motivierte Ulrike. Zuerst machte sie auf ihren Rollator gestützt nur drei Schritte und sank wieder auf den Bettrand. Dann erarbeitete sie sich das Badezimmer und einige Wochen später erkundete sie die gesamte Station. Bald darauf bekam sie ein Einzelzimmer in einem Gebäude, in dem die Patienten Gäste genannt wurden und verpflegte sich wieder selbst. Obwohl sie selbst in den kleinen Markt einkaufen gehen konnte, überredete sie einen Zivildienstleistenden, ihr eine Flasche Whisky zu besorgen. Sie glaubte immer noch an ihren Charme und wollte sich das beweisen. Als Charly einmal Liebeskummer hatte, sagte Ulrike ihr: „Es ist nicht schwierig, einen Mann zu halten, ihn loszuwerden dagegen schon“. Charly sieht sie hinten am Fenster liegen, blass und klein. Zierlich war sie immer, doch jetzt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Charly fühlte sich immer der Loyalität ihrer Mutter gegenüber verpflichtet, die von der eigenen schlecht behandelt worden war.
Das Leben meiner Großmutter ging zu Ende, und meine Gefühle für sie waren nicht mehr als ein einziger Altglascontainer voll bunt gemischter Scherben. Seite 18
Cannes 1961
Ulrike ist ganz allein an der Côte d´Azur. Sie ist gerade achtzehn geworden, besucht eine Sprachschule und teilt sich mit Liya ein Zimmer. Sie werden auf eine Party eingeladen und lernen den älteren, gut aussehenden Arthur kennen. Der umgarnt die beiden jungen Frauen, blitzt aber an Liyas kalter Schulter ab. Ulrike entflammt und kehrt frühzeitig schwanger nach Hause zurück.
Fazit: Die Wirtschaftspsychologin und Autorin Jennifer Segebrecht hat in ihrem Romandebüt eine fein ausgearbeitete Familienfiktion gezeichnet. Sie zeigt mir, wie weit der Konflikt zwischen Mutter und Tochter in die nächste Generation hineinspielt. Die Großmutter Ulrike wird tragischerweise mit achtzehn schwanger. Um dem Skandal zuvorzukommen, arrangieren ihre Eltern eine Scheinehe, die scheitern wird. Ulrike lernt am Bosporus den Geschäftsmann Adem, Liyas Bruder kennen und verliebt sich. Sie zieht nach Istanbul und genießt das Leben in Wohlstand. Als sie das zweite Kind bekommt, fürchtet sie in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Die Tochter Barbara leidet unter der mütterlichen Selbstbezogenheit. Barbara wächst zu einer bodenständigen Frau heran, die den Schmerz der Demütigungen durch die Mutter in ihrem Herzen eingekapselt hat. Die Enkelin Charly wächst mit der Angst vor mütterlicher Ablehnung auf, weil Barbara allergisch darauf reagiert, belogen zu werden. Und Charly kann ihren eigenen Gefühlen nicht trauen, weil Barbara jeden Frust ihrer Tochter herunterspielt: „Man muss sich eben auch mal zusammenreißen“. Die Autorin hat die Gabe, Charaktere zu zeigen. Hier ist ein Bild dreier unterschiedlicher Frauen entstanden, die in die großen transgenerativen Konflikte verwebt sind. Es zeigt auch ganz wunderbar, wie Schmerz, Demütigung, aber auch die Liebe zu einem Land in die Seelen der kommenden Generationen eingeschrieben werden, welchen Einfluss die Epigenetik auf uns hat. Eine feinfühlige Erzählung mit schöner Stimmfarbe, die mich durch die Geschichte getragen hat.
Charlies Großmutter liegt im Sterben, trotzdem kann sich ihre Tochter nicht dazu überwinden, sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Charly hat sich schon lange daran gewöhnt, dass das Verhältnis ihrer Mutter zu deren Mutter zerrüttet ist, aber sie hat nie den Grund dafür erfahren. Als die beiden Frauen nach der Beerdigung gemeinsam die Sachen der Verstorbenen durchsehen, beginnen sie das erste Mal ehrlich miteinander zu reden.
Das Zerwürfnis zwischen Mutter und Tochter begann vor Barbaras Geburt. Ihre Mutter wurde ungeplant schwanger und wurde von ihren Eltern in eine Ehe gedrängt, die für alle Seiten nur dem Zweck diente, den schönen Schein zu waren. Nachdem sie sich aus dieser Ehe gelöst hatte, fand sie im sephardischen Geschäftsmann Adem eine neue Liebe. Aber auch dieses Glück ist nicht von Dauer.
Ulrikes Schwangerschaft bedeutet das Ende aller Träume. Sie kennt den Mann kaum, den sie heiratet. Zwischen den beiden gibt es nur Gleichgültigkeit. Ulrike hat niemand, mit dem sie darüber reden kann. Sie flüchtet sich in den Alkohol und vernachlässigt ihre Tochter. Als sie endlich aus der Ehe ausbrechen kann, hat sie sich emotional schon von ihrer Tochter entfernt. Als Ulrike Adem heiratet und nach Istanbul zieht, beginnt für ihre Tochter die schönste Zeit ihres Lebens. Aber sie ist nur von kurzer Dauer und in Deutschland verfällt Ulrike in die Rolle, die ihr ihre Mutter vorgelebt hat.
Ich kann für jede der drei Frauen Verständnis aufbringen. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass sie in die gleichen Muster verfallen, die ihnen von ihren Müttern vorgelebt wurden und unter denen sie unglücklich waren. Aber während Barbara auf mich den Eindruck macht, dass sie im Umgang mit ihrer Mutter resigniert hat, versucht Charly immer wieder, mit ihrer Mutter zu reden. Durch die Gespräche lernt Charly, ihre Großmutter durch die Augen ihrer Mutter zu sehen und kann Barbaras Verhalten ihr gegenüber besser verstehen.
Die vorsichtige Annäherung zwischen Mutter und Tochter wird auf eine harte Probe gestellt, als Barbaras Bruder Danyal wieder in ihr Leben tritt. Plötzlich ist Barbara nicht nur eine Mutter, sondern auch die große Schwester und diese Person ist ihr fremd.
Jennifer Segebrecht erzählt eine Geschichte von Müttern und Töchtern, in der vieles schief gelaufen ist. Es hat immer wieder Möglichkeiten gegeben zu verhindern, dass sich das Verhältnis verschlechtert. Aber Ulrike hat sich oft komplett aus ihrem Leben zurückgezogen, ohne dass sie Hilfe bekommen hat. Barbara konnte das in ihrer Kindheit und Jugend nicht verstehen und hat sich immer weiter von ihrer Mutter entfernt. Sie versucht, es bei der eigenen Tochter besser zu machen, Aber es gelingt ihr nicht immer und Charly macht ihrer Mutter die gleichen Vorwürfe, die sie auch ihrer Mutter gemacht hat. Der Unterschied ist aber, dass Barbara und Charly versuchen, das Schweigen zu überwinden.
Ein Mehrgenerationenroman, der mir gefallen und mich gleichzeitig auch ganz schön gefordert hat.
Der Debütroman von Jennifer Segebrecht 'Muttertage' nimmt uns mit auf eine Reise durch die Geschichten von drei Generationen von Müttern und Töchter - und in deren kompliziertes, manchmal liebevolles, manchmal schwieriges Mit- und Gegeneinander.
Charly, die jüngste Generation, möchte nach dem Tod ihrer geliebten Oma Ulrike endlich herausfinden, warum das Verhältnis zwischen ihrer Mutter Barbara und ihrer Oma so abgekühlt und schließlich praktisch nicht mehr vorhanden war. Und dann ist da noch die Frage: Was ist eigentlich mit ihrem verschollenen Onkel Danyal passiert?
Nach und nach wird die Geschichte auf der Vergangenheitsebene aufgedröselt. Dabei bin ich immer mal wieder mit Ulrike und Barbara durcheinandergekommen - keine Ahnung warum, aber ich musste mich teilweise wirklich konzentrieren, um den Überblick zu behalten.
Trotzdem habe ich diesen Roman sehr gerne gelesen und bin dabei so oft zwischen Mitgefühl und Antipathie geschwankt. Besonders Ulrike hat es mir nicht leicht gemacht. Auf der einen Seite ist sie eine ziemlich coole Oma, auf der anderen Seite aber auch eine sehr unberechenbare Mutter. Ein Phänomen, das vermutlich gar nicht so selten ist ...
Charly war für mich dabei eher das Mittel zum Zweck, um die Dynamik zwischen Barbara und Ulrike besser zu verstehen.
Unterm Strich wurde ich sehr gut unterhalten und mochte besonders, wie vielschichtig die Beziehungen zwischen den Figuren dargestellt werden. Und ganz ehrlich: Dieses Cover ist einfach absolut passend und wirklich schön.
“Muttertage” von Jennifer Segebrecht handelt von drei Frauen aus drei Generationen einer Familie. Ulrike wird mit 18 in Cannes geschwängert und muss eine unglückliche Scheinehe eingehen. Ihre Tochter Barbara, ein Leben lang von der Mutter ungeliebt, findet keinen Halt, nachdem sie als Kind aus der Türkei, in der sie aufwächst, nach Deutschland “verpflanzt” wird und will alles anders machen als ihre Mutter damals, Doch ihre Tochter Charly erträgt diese Enge nicht und fühlt sich nur von ihrer Großmutter verstanden. Als diese stirbt, beginnt die Suche nach ihrem Selbst und nach Barbaras Bruder Danyal, der jeden Kontakt zur Familie abgebrochen hat.
Der Autorin gelingt hier ein fesselndes Familienporträt dreier gebrochener Frauen, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, ihre Verletzungen in Worte zu fassen und familiären Halt zu finden. Die Rückblenden, die Ulrikes und Barbaras Geschichte beleuchten, sind mir an vielen Stellen zu kurz geraten, hier hätte ich mir ausführlichere Kapitel gewünscht, um der inneren Zerrissenheit der Figuren gerechter zu werden. Nichtsdestotrotz ein absolut lesenswertes Buch und sehr starkes Debüt, das die Auswirkungen der Leben unserer Ahn*innen auf unser eigenes Leben in den Fokus rückt und die Lesenden sprachlich mitnimmt, ohne voyeuristisch zu wirken.
*Das ebook wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.