Eigentlich dachte Ari, der Ich-Erzähler von Maxim Billers neuem Roman, Ende der siebziger Jahre sei das Schlimmste vorbei Nach ihrer Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei, wo sein Vater als Jude und Zionist vom Geheimdienst überwacht wurde, landeten er und seine Familie in einer Hamburger Altbauwohnung im legendären Grindelviertel. Wo früher ein blühendes jüdisches Leben war, saßen bei Aris Ankunft linke Gymnasiasten und Studenten der Nach-68er-Generation in Cafés und Seminarräumen und träumten vom Ende Israels. Als er dann aber 1982, zu Beginn des goldenen Pop-Jahrzehnts, zum Studieren nach München weiterzog, schienen sich die Wolken des neualten Judenhasses verzogen zu haben. Dass der wiederkommen würde, offener, radikaler, hätte Ari nie gedacht – bis zu dem Tag im Oktober 2023, an dem Hamas-Terroristen, erfüllt von tiefreligiöser, exterminatorischer Wut, den Süden Israels überfielen.
Woher, fragte sich Ari seitdem, kommt der ewige Wunsch der anderen nach der völligen Vernichtung der Juden? Dieses nachdenkliche, mitreißende, hochpoetische Hörbuch, den man auch als Prequel zu Maxim Billers gefeiertem Memoir Der gebrauchte Jude lesen kann, gibt auf diese Frage eine überraschende und zugleich sehr reflektierte Antwort.
Ich erinnere mich an eine Folge des Literarischen Quartetts, der Fernsehrunde über Bücher. Maxim Biller bespricht darin den Roman einer Autorin nicht gerade freundlich. Sein Vorwurf: Das sei gar kein Roman, sondern ein langer Essay für den Spiegel. Der Satz ist mir geblieben.
Er fiel mir wieder ein, als ich Schwarze Samstage las. Biller erzählt das Jahr nach dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas auf Israel. Ein Ich-Erzähler wechselt zwischen diesem Jahr und Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Hamburg und München. Dazwischen stehen immer wieder Kapitel, in denen der Erzähler kaum noch erzählt, sondern argumentiert. Er spricht dort über Judentum, Antisemitismus, Zionismus und Islam, mit echten Namen und auf echte Menschen zugespitzt.
Ein Beispiel ist das Kapitel über den Ägyptologen Jan Assmann, der im Februar 2024 starb. Assmann vertrat die Ansicht, der Monotheismus habe Intoleranz und Gewalt in die Welt gebracht. Biller liest das als Vorwurf an die Juden und zerlegt es mit Spott. Zum Schluss schreibt der Erzähler, er habe sich über Assmanns Tod nicht gefreut, als Jude freue er sich nie über den Tod eines Menschen.
Der Vorwurf aus dem Quartett ließe sich gegen Biller selbst erheben. Ich erhebe ihn nicht. Warum, erkläre ich gleich.
Vorher aber noch das: Ich habe fast alles von Biller gelesen und wusste, was kommt. Härte, Provokation, ein Erzähler, der sich seiner Sache sicher ist. Das ist ein Vorsprung, und ich benenne ihn lieber. Ob man diese Sicherheit aushält, ist für mich eine Geschmacksfrage, kein Mangel.
Am stärksten ist das Buch dort, wo es erzählt. Eine der besten Szenen handelt von Dr. Renz, einem Hamburger Schuldirektor mit SA-Vergangenheit, freundlich und furchtbar zugleich. Der Vater des Erzählers, klein und komisch, lacht ausgerechnet mit ihm. Der Erzähler war bei dem Gespräch nicht dabei und sagt das offen, bevor er es Zeile für Zeile erzählt. Am Ende stirbt Renz an gebrochenem Herzen, und das Buch lässt offen, ob Kommunisten oder Nazis daran schuld waren. Der Erzähler urteilt nicht. Die Pointe sitzt, aber sie schützt niemanden. Pointiert, radikal, schön geschrieben. Das ist der Grund, warum ich Billers Art zu schreiben so liebe.
Ganz anders ist das Kapitel um Abigail, eine ältere Frau aus Kanada, die in einem Kibbuz nahe der Grenze zu Gaza lebt, sich für den Frieden engagiert hat und Freundinnen in Gaza hat. Der Ich-Erzähler tritt zurück, und Biller erzählt in der dritten Person von ihrem Morgen des 7. Oktober. Als die Angreifer auf dem Kibbuzplatz auftauchen, denkt sie vor allem, dass es noch so viel zu tun gäbe. Dann wartet sie im Schutzraum, telefoniert mit ihrem Sohn und versteckt sich in einem Schrank, während jemand gegen ihre Haustür schlägt. Der Erzähler, der sich sonst immer wieder selbst bremst, etwa mit einem halben Zweifel, ob er etwas richtig gesehen hat, steht nicht mehr zwischen Leser und Geschehen. Mir hat sich dabei die Brust zugeschnürt. Höhepunkt wäre das falsche Wort, dafür ist es zu schrecklich. Stark ist es auf jeden Fall.
Am Rand steht bei mir „unzuverlässiger Erzähler“. Neu ist das bei Biller nicht, schon in Harlem Holocaust arbeitet er damit. Hier ist es beides, Spiel mit dem Leser und Schutz des Erzählers. Dazu passt, dass der Erzähler seine Lust an der Bestätigung selbst vorführt. Im Assmann-Kapitel passt ihm Freuds Erklärung des Judenhasses fugenlos zur eigenen Annahme. Am Ende des Buches lacht er laut auf, wie jemand, der sich bestätigt fühlt, nachdem ihm sein Schwager per WhatsApp denselben Gedanken in religiöser Form geliefert hat. Das ist meine Antwort an das Quartett: Die Zuspitzungen gehören zur Figur.
Die Kapitel sind kurz, nur nummeriert und ohne Überleitung. Die Sprünge zwischen Gegenwart und Erinnerung kommen teils hart und unerwartet. Gefehlt hat mir nichts, ich halte den Rhythmus für gewollt. Im Vergleich zu Billers anderen Büchern ist dieses emotionaler und reflektierter, noch immer provokant, aber sanfter. Das Thema ist typisch Biller, ein Jude in Deutschland, der sein Jüdischsein reflektiert. Neu ist der ausdrückliche Bezug zum 7. Oktober.
Andere Kritiken werfen ihm vor, die palästinensische Seite auszublenden. Ganz stimmt das nicht. Früh im Buch erinnert Biller an Deir Yassin, das Dorf bei Jerusalem, in dem 1948 jüdische Milizen Palästinenser töteten, und öffnet damit die andere Seite der Geschichte. Später fragt sich der Erzähler, wie brutal Israel selbst werden durfte. Eine eigene palästinensische Perspektive fehlt jedoch. Ich sehe darin keine Einschränkung. Es ist ein Roman und kein Essay, und der Leser darf ruhig so reflektiert sein, das selbst zu erkennen. Mich hat das Buch in meiner Position zum Konflikt in Frage gestellt. Was soll ein Buch zu diesem Thema mehr tun?
Es endet ohne Pointe. Im letzten Kapitel streitet der Erzähler per WhatsApp mit seinem Schwager, einem gläubigen Juden, darüber, was im messianischen Zeitalter mit den Nichtjuden geschieht, halb gelehrt, halb im Scherz. Dann datiert Biller den Chat auf den 1. September 2024, den Tag, an dem die israelische Armee in Gaza sechs tote Geiseln fand, und nennt ihre Namen: Hersch, Carmel, Eden, Ori, Almog und Alexander. Der letzte Satz fragt, welcher Mensch mit Herz da nicht an Auschwitz denken konnte.
Nach einigem Nachdenken finde ich es immer noch hervorragend. Wer Biller nicht aushält, wird ihn hier nicht lieben lernen. Wer ihn aushält, bekommt sein emotionalstes Buch.
Neben Bruchzeiten von Marina Chernisvky vermutlich eines der besten Bücher, um einen Eindruck der Gedankwelt und Lebensrealität von Juden und Jüdinnen nach dem 7. Oktober zu bekommen. Man sollte aber keinen kohärenten Roman erwarten, da das Buch größtenteils sehr essayistisch geschrieben ist.