Maria erinnert sich, wie sie in den 1960er-Jahren auf einem Bauernhof mit ihren Brüdern Josef und Franz im Dorf aufgewachsen ist. Während Josef, der Älteste, in die Fußstapfen des Vaters tritt, entzieht sich Franz, Nesthäkchen und Liebling der Mutter, den traditionellen Erwartungen des rauen Alltags. Maria ist zerrissen zwischen Anpassung und Sehnsucht. Sie träumt von einem selbstbestimmten Leben außerhalb der engen Grenzen des Dorfes, bleibt aber, heiratet Toni und bekommt ein Kind. Mittellos und in Abhängigkeit gefangen, arbeitet Maria pflichtbewusst mit, wo sie gebraucht wird, und pflegt nahe Angehörige. Als Maria Toni eines Tages reglos am Boden vorfindet, sieht sie erstmals eine Chance, dem vorgezeichneten Leben zu entgehen.
Verena Dolovai erzählt in ihrem Roman von patriarchal geprägten dörflichen Strukturen und der Schwierigkeit, auszubrechen. Gelingt es Maria, das Dorf hinter sich zu lassen? Und wo ist eigentlich Franz?
Ruhige Geschichte über eine Frau, welche in ihrer Rolle als Tochter, Frau und pflegende Angehörige gefangen ist. Gefühlvoll erzählt, ohne großes Drama. Trotzdem bleibt man am Ende der Geschichte leider mit Fragen zurück.
Mit seinen gerade einmal 160 Seiten - noch dazu groß bedruckt- lässt sich Dorf ohne Franz gut an einem Nachmittag weg lesen. Verena Dolovai erzählt in ihrem Romandebüt, von Maria, die in den Sechzigerjahren in einem österreichischen Dorf aufwächst. Ihr älterer Bruder übernimmt den Hof, Maria verzichtet auf ihren Erbteil. Franz, der jüngere Bruder, wird von der Mutter besonders geliebt. Er verlässt jedoch bereits sehr bald das Dorf. Maria fühlt sich ebenfalls fehl am Platz, erfüllt aber pflichtbewusst sämtliche ihr auferlegten Aufgaben. Bis sich ihr eines Tages die Möglichkeit zum Ausbruch ergibt. Dorf ohne Franz wird als Anti-Heimatroman beschrieben. Der kurze Roman lässt sich gut lesen, auch wenn es in der Handlung immer wieder kurze Unklarheiten gibt. Dennoch war er aber zunächst nichts besonderes für mich. Die Geschichte einer jungen Frau, die unterdrückt wird, dabei auch selbst falsche Entscheidungen trifft und zusätzlich noch einiges an Pech im Leben hat, habe ich schon zu oft gelesen. Was das Buch jedoch eindeutig von anderen seiner Art abhebt, ist der letzte Teil, Marias Ausbruch. Auch Derartiges kennt man, allerdings nicht auf diese Art. Ich hatte einen solchen Ausgang tatsächlich nicht erwartet und fand ihn ausgesprochen gelungen. Dorf ohne Franz sticht dadurch aus der Reihe ähnlicher Bücher wirklich positiv heraus.
"Der Pfarrer schaut mich an, als hätte ich Mitleid in ihm erregt. Dann sagt er: Frau bleibt. Der liebe Gott würde mir beistehen, zu ertragen, was nötig ist."
Ich hätte mir ein anderes Ende für Maria gewünscht. 🏞️
Der Schreibstil ist eher trocken und emotionslos und trotzdem fühlt man mit Maria mit. Sie rutscht eher passiv in eine Rolle nach der anderen hinein in denen sie wie gefangen ist: als Tochter in einer eher lieblosen Familie, die Ehe, Pflege und Verantwortung für andere. Das Buch beschreibt sehr gut wie aufreibend dieses Leben zwischen Erwartungen und Verpflichtungen ist und kritisiert dabei unausgesprochener Weise dörfliche Traditionen und das Patriarchat.
Finally i like one of these books!! This book tells the life story of Maria, from her birth to the present day, in a small Austrian village. It was very disturbing but that shows that it is really well written, because through what is the story of an ordinary life, it shows the subtle workings of misogyny in our daily life. However, I found the ending a bit disapointing, but i liked that the timeline was very unclear.
„Ich bin kein hübsches, zartes Pflänzchen, das fürsorglicher Pflege bedarf. Eher der robuste Dornenbusch, der kaum Wasser braucht und selten Blüten trägt.“ (Zitat Pos. 319)
Inhalt Maria ist das mittlere Kind zwischen dem fünf Jahre älteren Bruder Josef und dem vier Jahre jüngeren Bruder Franz. Josef erbt den Hof und die Grundstücke, der als Kind zarte, von der Mutter deshalb verwöhnte Franz erhält Geld und verlässt das Dorf, so bald er kann. Von Maria, die ja nur ein Mädchen ist, wird erwartet, dass sie den Erbverzicht unterschreibt, möglichst rasch einen Ehemann im Dorf findet und fleißig für alle arbeitet. Während ihre Freundin Theresa auf ein Internat gehen darf und dadurch für immer der beklemmenden Enge des Dorfes und der ebenso eng denkenden Dorfgemeinschaft entflieht, bleibt Maria und führt ein Leben als pflichtbewusst mitarbeitende Hilfskraft, Pflegerin, Ehefrau und Mutter einer Tochter. „Ich habe der Rolle entsprochen, die erwartet wurde. Weil ich nicht auffallen wollte, weil ich es nicht konnte?“ (Zitat Pos. 963)
Thema und Genre In diesem Roman geht es um Erinnerungen an ein hartes Leben voller Entbehrungen und Verzicht auf dem Land, in einer Familiestruktur mit dem beklemmend traditionellen Frauenbild, um unerfüllte Träume eines Mädchens, später Frau, das Dorf zu verlassen und ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Erzählform und Sprache Maria, die Hauptfigur, erinnert sich im Heute an ihr Leben zurück. Sie erzählt von ihrer harten Kindheit in den 1960er Jahren, von fehlender Mutterliebe, von der unerfüllten Sehnsucht nach einer Ausbildung. Sie schildert ihren Alltag in einem engen, von den Männern dominierten Familiengefüge und starren Dorfleben. Chronologisch folgen wir ihrem Weg als Kind, als junge Frau, als Ehefrau und Mutter. Langsam enthüllen sich einige Familiengeheimnisse, es wird klar, warum der jüngere Bruder Franz das Dorf verlassen hat, denn in Marias Erinnerungen taucht er trotz seiner Abwesenheit immer wieder auf. Die knappe und dadurch eindringliche Erzählsprache verstärkt in ihrer Ausdrucksweise die Hauptfigur und das Genre.
Fazit Landleben ohne falsche Romantik, Frauenleben in einer Welt der Väter, Brüder und Ehemänner, fern jeder Freiheit und Gleichstellung. Man möchte die Hauptfigur abwechselnd mitfühlend in Gedanken umarmen, dann wieder eindringlich auf sie einreden, sie metaphorisch anschreien, dass es nicht so sein muss, dass sie die Dinge ändern könnte, ihr Leben selbst in die Hand nehmen, so wie sie es sich in all den Jahren wünscht. Eine beklemmende, gleichzeitig beeindruckende Geschichte.
„Dorf ohne Franz“ ist als Thema so eine gute Idee und das Buch ist auch sehr ansprechend aufgemacht, aber es hält nicht, was es verspricht. Die Figuren sind holzschnittartig gezeichnet, es gibt neben der äußeren Handlung keine innere Entwicklung und das Ende ist einfach (Alb)traumhaft inszeniert, als wäre es die Hommage einer Oberstufenschülerin an Olga Tokarczuk, die so fantastisch in einen magischen Realismus fällt, der eine zweite Ebene in ihre Bücher zieht. Doch das ist hier leider nicht gelungen. Maria, die Protagonistin, führt von den 60er Jahren bis in die Gegenwart ein Leben, das komplett fremdbestimmt ist. Sie ist nicht schön oder klug, wie sie selbst festhält, kann sich nicht wehren, wird ausgenutzt, von der Mutter als Dienstmagd behandelt, heiratet den falschen Mann und als er stirbt, flieht sie ohne Plan aus dieser festgefahrenen Welt in den Wald, ernährt sich von Pilzen, wird wunderbar schlank, aber auch sehr krank, doch ein ganz besonderer Mann rettet sie und sie lässt sich zunächst gerne retten. Der titelgebende Bruder Franz ist homosexuell und entflieht dieser festgefahrenen Welt, sie ist nicht anders genug, um wie er davonzukommen. Eine Zeitlang ist ihr ein kleines Glück mit ihrem Kind vergönnt, doch die Tochter verlässt sie, sobald sie kann, denn dieses „Dorf ohne Franz“ ist ein Dorf ohne Hoffnung. Es gibt kleine Perlen in dem Roman, dann spürt man plötzlich, dass der große Erzählbogen über die Jahrzehnte nicht nötig war, um das Ausgeliefertsein zu spüren: „Das Laub im Wald ist ist bunt geworden, die Bäume sind kahl. Nur die Nadelbäume sind bekleidet und dunkelgrün wie immer. Es raschelt unter meinen Füßen, wenn ich über das Laub gehe. Ich bücke mich und mache einen Laubhaufen wie damals, als Josef, Franz und ich Kinder waren. Zwei Hasen laufen vorbei, sie schlagen Haken, jeder läuft in eine andere Richtung. Der Herbstwind pfeift kühl um meine Ohren. Meine Augen tränen.“ Das ist einfach schön!
Maria wächst in den 60ern auf einem österreichischen Bauernhof auf. Als Tochter hat sie in der patriarchal geprägten Familie von Anfang an einen anderen Stellenwert als ihre Brüder. Der ältere, Josef, übernimmt den Hof; Franz, der jüngste, bekommt sein Erbe ausgezahlt, entzieht sich allen Erwartungen und bereist die Welt. Maria bleibt zurück. Sie heiratet, bekommt ein Kind und arbeitet: auf dem elterlichen Hof, im Gasthof der Familie ihres Mannes, im Haushalt und in der Pflege der Angehörigen. Doch dann bricht eines Tages ihr Mann Toni zusammen und eine Tür öffnet sich für Maria, einen winzigen Spalt weit, den sie nutzt, um aus diesem Leben auszubrechen. „Dorf ohne Franz“ ist ein sehr kurzer Roman (knapp 160 Seiten) und trotzdem steckt darin eine ganze Welt. Eng, rau und zutiefst patriarchal. Eigene Wünsche, Entscheidungen, Lebensentwürfe stehen für Maria nicht zur Wahl. Besonders gelungen fand ich die Erzählweise ohne Kapitel; nur kurze Absätze unterteilen den Text. Ein Absatz kann eine neue Szene, die folgende Woche oder auch zehn Jahre später bedeuten. Anfangs fand ich das kurz irritierend, doch nach und nach ergab diese Erzählform Sinn. Denn macht es für Maria tatsächlich einen großen Unterschied, ob ein Tag, eine Woche oder ein Jahr vergangen ist? Ihre Lebensumstände bleiben gleich. Gerade dadurch wird dieses Gefühl des Stillstands und der Ausweglosigkeit noch verstärkt. Dadurch entwickelt sich ein richtiger Sog. Die nüchterne Sprache tut ihr übriges und passt zum Leben im Dorf. Ohne große Erklärungen wird sichtbar, was das Patriarchat mit einem einzelnen Menschen macht und wie sehr die Gesellschaft als Ganzes, in diesem Fall der Großteil der Dorfbewohner, solche Strukturen aufrechterhält. Bis kurz vor Schluss ein Fünf-Sterne-Buch. Doch mit dem Ende hadere ich ein wenig. Maria bekommt zwar die Möglichkeit, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Brauchte es wirklich einen Mann, der sie sozusagen „rettet“? Ist es wirklich Selbstbestimmung, wenn Maria dabei selbst kaum aktiv handelt, sondern die Veränderung im Grunde einfach mit sich geschehen lässt?
Eine durch und durch triste Geschichte, Landliteratur aus Österreich würde ich es mal bezeichnen. Maria, gefangen im Dorf, gefangen in der Ehe, gefangen als Mädchen und dann als Frau, Tochter, Schwiegertochter und Mutter. Auch der letzte Ausbruchsversuch scheint nicht wirklich zu gelingen. Ruppige, dann aber wieder zerbrechliche Männer, die teilweise ihre Zerbrechlichkeit im Alkohol ertränken. Einer entflieht - Franz, der Nachzügler, der Außenseiter, der Aussteiger - ist seine Homosexualität ein Klischee? Auch Ferdinand sticht heraus, ein sanfter Mann, dann der Dorfwirt, aber ein eher untypischer. Was Dolontai da zeichnet ist ein düsteres Bild Landleben, jede Hoffnung scheint zu zerbrechen, die Kirche kann auch keine rechte Stütze bieten, auch wenn sie als Ort des Trostes von Maria angesehen und erhofft wird. War nominiert zum Debutpreis Österreichischer Buchpreis 2024.
Die traurige Geschichte einer Bauerntochter. Als wäre man im Kopf der Hauptfigur. Alles wird aus der Wahrnehmung der Bauerntochter erzählt. Eine andere Perspektive gibt es nicht. Die Beschreibungen sind so gut, dass Bilder ganz einfach entstehen. Einzig der sich verändernde Schreibstil störte mich. Am Anfang sind die Sätze sehr kurz, eher simpel. Gegen Schluss sind die Sätze lang und komplex. Wenn die Geschichte dann anfangen würde, wenn die Bauerntochter ein kleines Kind ist, wäre das okay.
Beeindruckend und sprachlich stark wird hier das Leben als Frau im ländlichen Umfeld des späten 20. Jahrhunderts geschildert. Marias Lebensgeschichte zeigt trotz relativ einfacher Sprache eindrücklich die patriarchalen Strukturen und gerade das Ende des Buches lässt einen spüren, wie tief diese in jedem einzelnen Menschen - und auch in Maria - eigentlich noch verankert sind.
Diese ländliche Rohheit mancher Dorfbewohner:innen, die bis zur Verrohung reicht und die ich vor allem aus den Geschichten meiner Großmutter kenne – und in einer abgeschwächteren Form auch aus meiner eigenen niederösterr. Herkunft – ist in Dorf ohne Franz immens gut eingefangen. Manche Stellen haben mir regelrecht wehgetan, und genau das fand ich so gelungen.
5/5 Lambruscoflaschen für diesen zur Landflucht motivierenden, literarischen Ritt