»›Fasching‹ ist die Geschichte des Felix Golub, der aus der deutschen Wehrmacht desertiert und die Zeit bis zur Befreiung in einer österreichischen Kleinstadt als Dienstmädchen verkleidet überlebt. Am Ende des Krieges bewahrt Felix Golub die Stadt vor einer letzten Abwehrschlacht und rettet sie dadurch vor einer sinnlosen Zerstörung. Der Kommandant des letzten Aufgebots hat sich nämlich in das angebliche unschuldige Dienstmädchen verliebt und will es verführen. Um nicht im letzten Moment noch als desertierter Soldat entdeckt und hingerichtet zu werden, geht Golub zunächst auf die Avancen des Kommandanten ein, bis er Gelegenheit hat, ihn zu entwaffnen und zur Kapitulation zu zwingen. Die Tatsache, daß sie in der Schuld eines Feiglings in Frauenkleidern stehen, wird zum Grund mühsam unterdrückter und schließlich gewalttätig sich entladender Aggressionen der Einwohner, als ausgerechnet Felix Golub, der zwölf Jahre nach dem Krieg in dieses Dorf zurückgekehrt war, zur Faschingsprinzessin gewählt wird.» »Robert Menasse«
Keine Jahreszeit ist mir unerträglicher als der Fasching. Nicht nur dass er kalendarisch in die zweite und besonders lästige Hälfte des Winters fällt, ich muss auch, zumindest hier in der Provinz, immer damit rechnen, von lustigen, meistens betrunkenen Zeitgenossen aufs Aufdringlichste belästigt zu werden. Man darf ja im Fasching, versteckt hinter der Maske, die dunklen Seiten seines Wesens öffentlich ausleben.
Der Roman spielt in Kärnten, dem österreichischen Bundesland, in dem der Fasching mehr der rheinischen als der alpinen Tradition nahesteht und in Kombination mit der österreichischen Volksdümmlichkeit eine besonders peinliche Ausprägung angenommen hat (ob er gerade deswegen im öffentlich rechtlichen Rundfunk "leif" übertragen werden muss, entzieht sich meiner Kenntnis).
Die Handlung beginnt mit dem Ende des 2.Weltkriegs und beschreibt, pointiert ausgedrückt, den fließenden Übergang vom Faschismus in den Fasching. Der Deserteur Felix Golub ("Wir sind deutsch", sagt seine Tante, "auch wenn wir Golub heissen, das sagt nichts") wird von der Generalswitwe und selbsternannten Baronin Vittoria Pisani (vorm. Pisanič) zuerst versteckt, dann als Hausmädchen verkleidet und entgeht so seiner Hinrichtung. Als Gegenleistung muss er der resoluten Dame im Haushalt und auch sexuell zu Diensten stehen.
Felix rettet den Ort vor der Zerstörung, indem er den Ortskommandanten der Wehrmacht, Lubits, der sich fatalerweise von dem vermeintlichen Hausmädchen erotisch angezogen fühlt, während seiner Annäherungen überrumpelt und mit vorgehaltenem Maschinengewehr zwingt, seinen aussichtslosen Widerstand gegen die russische Übermacht aufzugeben und zu kapitulieren. Die Gemeinde jedoch dankt es ihm nicht, er wird denunziert und geht in russische Gefangenschaft.
Als er nach zwölf Jahren ausgerechnet zu den Faschingsvorbereitungen zurückkehrt, sieht für Felix alles nach Versöhnung aus. Er biedert sich den Kriegsgewinnlern an und versucht sich in Anpassung und Gefügigkeit. Aber der Schein trügt, die bürgerliche Gesellschaft kann es nicht ertragen, dass sie in der Schuld eines als Frau verkleideten Deserteurs steht. Beim Faschingsball lacht Felix bis zum Schluss über den ihm entgegengebrachten Hohn und merkt erst viel zu spät, wie die Situation kippt und in offenen Hass und Gewalt umschlägt.
"Wo kämen wir denn hin, wenn sich plötzlich eine als Mann entpuppt, oder einer gesteht, er ist eine Frau, jeder desertieren kann, wie er will? Das geht höchstens im Fasching […]"
Fritschs Roman ist keine leichte Lektüre. Form und Sprache verlangen vom Leser hohe Aufmerksamkeit. Die Szenen springen zwischen den Zeitebenen vom Ende des Kriegs und Felix Rückkehr hin und her, immer wieder unterbrochen von gedankenstromartigen Erinnerungen und Impressionen. Sprachlich entfernt sich Fritsch deutlich von einer klassischen Erzählweise, er klingt sehr modern, bisweilen fast experimentell. Es wirkt jedoch nie gezwungen, die Sprache verstärkt vielmehr die eindrückliche Wirkung auf den Leser.
Der Inhalt verstört und macht betroffen. Da ist die schlichte Tatsache, dass mit dem Ende des Nationalsozialismus zwar Masken und Kostüme gewechselt wurden, der böse Geist jedoch bis heute nachweht und sogar wieder zunimmt. Ganz deutlich zeigt sich die verhehrende Wirkung des Mitläufertums, der sogenannten schweigenden Mehrheit, der Pflichterfüller und Opportunisten. Ein Deserteur blieb auch nach dem Krieg ein Verräter, ein Feigling. Die Pflichterfüllung dagegen galt als heldenhaft und zählt heute noch als Rechtfertigung. Man bedenke: erst 2009(!) rehabilitierte der österr. Nationalrat (gegen die Stimmen einer heutigen Regierungspartei!) die Opfer der Verfolgung durch die Wehrmachtsgerichte und erkannte "insbesondere Desertion als bewusste Nichtteilname am Krieg an der Seite des nationalsozialistischen Unrechtsregimes als Akt des Widerstands an".
Wie Robert Menasse in seinem Nachwort richtig bemerkt, wird der Leser hautnah mit der Frage konfrontiert, wie er selbst sich in einer Situation verhalten würde, in der er unter dem Druck der Allgemeinheit zuerst vielleicht mitlacht, kein Spassverderber sein will und am Ende zwar nicht mitmacht, aber schweigend zuschaut, wie ein anderer gedemütigt, gequält oder womöglich gelyncht wird. Es sind Szenen, die jeder von uns aus dem Alltag kennt, wenn Spass ganz plötzlich umkippt und grausam wird.
In meinem Bemühen mehr oder weniger vergessene aber herausragende Werke der österreichischen Nachkriegsliteratur zu lesen, ist mir hier etwas ganz Ausserordentliches in die Hände geraten. Dieses Buch gehört eindeutig zu den Höhepunkten dieses Genres. Der 1967 erschienene Roman wurde damals von Öffentlichkeit und Kritik massiv zurückgewiesen. Man fühlte sich düpiert und gekränkt, dem Autor wurde Einseitigkeit, Übertreibung und Schwarzmalerei vorgeworfen. So ein Bild der Nachkriegsgesellschaft war zu diesem Zeitpunkt völlig unzumutbar. Erst 1995 wurde der Roman auf Initiative Robert Menasses neu aufgelegt und vor einigen Jahren am Burgtheater szenisch umgesetzt. Trotzdem ist Gerhard Fritsch selbst in Österreich nur mehr einem ausgesuchten Publikum bekannt.
Die Tragik und Tragödie der österreichischen Nachkriegsgeschichte expliziert am Verhältnis von Faschismus und Fasching. Kostüme, Gruppenzwang, Uniform, Volksgemeinschaft,Volkskörper, Treueschwüre und einer, der desertiert und doch nicht weg kommt, kein strahlender Held. Einer der selbst als Opportunist noch scheitert. Vom Deserteur zum Dienstmädchen zum Befreier zum Vernaderten zum Chronisten in der Grube. Ein groteskes, dichtes Buch und ein eher wenig bekannter Beitrag zur Verfasstheit der post-nazistischen österreichischen Gesellschaft. Kontext bietet das gelungene Nachwort von Robert Menasse.
Gelungenes Nachwort Durch die Erzählweise leider sehr anstrengend zu lesen, dafür ist die Diskussion (über Maskerade, Gewalt, Männlichkeit/Weiblichkeit, …) danach umso interessanter. Unglaublich dichter Roman
Fritsch erzählt hier die Geschichte einer Heimkehr, eine Art Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" unter anderen Vorzeichen. Denn Felix Golub kommt nicht als reicher Förderer, sondern nach zwölf Jahren russischer Kriegsgefangenschaft zurück in sein Dorf. Dort hatte er sich während des Zweiten Weltkriegs versteckt, ein ängstlicher Deserteur, als Dienstmädchen verkleidet und zum Halbsklaven der lokalen Baronin gemacht. Golub rettete bei Kriegsende das Dorf, war der kommandierende Major doch in seine Identität als Magd verliebt. Im entscheidenden Augenblick zwang Golub ihn zur Kapitulation. Die Dörfler dankten es ihm nicht, im Gegenteil, sie lieferten ihn der Gefangenschaft aus. Jetzt ist er wieder da, der Felix Golub, soll das Foto¬atelier des alten Wazurak übernehmen, sich mit der Baronin und den Dorfbewohnern aussöhnen. Doch die Hono¬ratioren sind noch so nationalsozialistisch gesinnt wie zuvor, sie alle sind "alte Kameraden", die "ihren Mann gestellt" haben. Sie geben Felix Golub die Schuld an Niederlage und Nachkriegsrepressalien, werden von Gerhard Fritsch als selbstgefällige und vergessensselige Traditionalisten demaskiert. In einer so schrecklichen wie grotesken Szene verwandelt sich der Besuch im Heimatmuseum in eine Eskalation der Gewalttätigkeit: Golub bekommt die "historischen" Folterinstrumente nicht nur zu sehen, sondern erlebt sie am eigenen Leib. Die alten Ortsgruppenleiter, die damaligen Führer von Hitlerjugend und BDM wollen ihn so zwingen, einen Persilschein für sie zu unterschreiben. Makaber inszeniert Fritsch diese Rückkehr und nutzt dazu einen modernen und komplexen Stil. "Fasching" macht es auch den heutigen Lesern nicht leicht: Die zwei Zeitebenen – Golubs quälendes Versteckspiel als Dienstmädchen und die ausufernde Brutalität und Gewalt nach seiner Heimkehr – werden kunstvoll miteinander verwoben, die Perspektiven wechseln schnell, innere Monologe oder indirekte Rede bestimmen die rhythmische Prosa, die sich am Schluss des Romans gar von Grammatik und Satzzeichen löst. So reißt der Text seine Leserinnen und Leser zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, treibt sie vorwärts durch die Seiten, lässt sie Bangen und Schaudern. Und zornig werden auf die selbstgefälligen Überlebenden und Kriegsgewinnler. Erfolg konnte ein solches Buch in den 1960er-Jahren freilich nicht haben. "Fasching" wurde als Pamphlet abgeurteilt – derart krass wollte man nichts von Vergangenheitsbewältigung hören. Bis heute zählt Gerhard Fritsch zu den eher vergessenen Autoren. So wurde "Fasching" erst 1995 durch eine Neuauflage wieder greifbar. Bis heute gibt keine einzige Leser-Rezension auf amazon. "Fasching" ist keine leichte Kost. Aber große, couragierte Literatur, die gegen Doppelmoral und Faschismus anschreibt.
Meine Güte, was für ein Ritt. Eine der abgedrehtesten Handlungen, die ich je gelesen habe. Sprachgewaltig ohne Zweifel, nur bricht diese Gewalt der Verständlichkeit leider manchmal die Knochen. Die übrigen Trümmer und Splitter sind trotzdem zu lesen wie ein Fest, finde ich.
Robert Menasse bietet im Nachwort eine interessante Interpretation an: dass Felix, der als Charlotte verkleidet wird, symbolisch für den wahren "Transvestismus" der Nazi-Mitläufer steht, die sich nach dem Ende des zweites Weltkriegs als demokratische Bürger tarnen. Allerdings kann man wohl auch sicher sein, nachdem die Tagebücher von Gerhard Fritsch veröffentlicht wurden, dass der Autor seinen eigenen Hang zum Tragen von Frauenkleidern mitverarbeitet hat. So, wie es im Buch dargestellt wird, war das eine sexuelle Sache und hat viel mit Demütigung zu tun. Diese Art von Perspektive habe ich eigentlich noch nie in einem Buch gelesen und finde sie deshalb äußerst interessant.
Dieser Roman ist wirklich ein Edelstein, der unter jedem Blickwinkel in anderen Farben leuchtet. Schade, dass er nicht bekannter ist.