What do you think?
Rate this book


240 pages, Paperback
First published October 5, 2015
Wie du vielleicht weißt, studiere ich Psychologie. Ich habe daher ein Interesse an psychischen Erkrankungen und nehme gerne die Gelegenheiten wahr, diese aus der Sicht der Betroffenen lesen zu können. Natürlich kann ich dadurch immer noch nicht komplett nachvollziehen, wie es ihnen geht, aber ich bekomme schon einen anderen Blick auf die Erkrankungen. Und ja, es sind Erkrankungen, diese Menschen sind - so wie Jana - not just sad.
"Bisher hatte ich immer das Gefühl, mit meiner Erkrankung allein zu sein - auch wenn ich natürlich weiß, dass es da draußen unglaublich viele Menschen gibt, die mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie ich."
Seite 15
In Deutschland ist es immer noch so, dass psychische Erkrankungen zu den Tabu-Themen gehören. Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit Betroffenen umgehen sollen und was genau die Krankheit denn nun mit ihnen macht. Daher finde ich es mutig und toll, dass Jana Seelig sich hingesetzt und aufgeschrieben hat, wie ihr "Leben zwischen Hell und Dunkel" aussieht. Sie beginnt mit dem Grund für das Buch: den Tweets. Sie hat diese geschrieben, um hauptsächlich einen Menschen anzusprechen: ihren damaligen Freund, der kein Verständnis für sie und die Depressionen hatte. Dass sie so viele Menschen damit an- und aus der Seele spricht, hatte sie nicht erwartet. Nachdem sie die Geschehnisse des letzten Novembers erzählt hat, greift sie weitere Szenen aus ihrem Leben auf. Mal sind es welche aus ihrer Jugend, mal aus der Gegenwart, doch alle helfen dabei, das Gesamtbild zu sehen. Sie zeigen, wie schwer es für Jana war, überhaupt diagnostiziert zu werden, und wie es nach der Diagnose weiter ging. Dass die Ärzte sie nicht aufgeklärt haben über ihre Krankheit und sie einfach so wieder entlassen wurde, das machte mich wütend. So geht man nicht mit einer Patientin um, das war wirklich unvorstellbar für mich.
"Mit dem Begriff 'Depression' kann ich nichts anfangen. Ich bin ja nicht traurig - oder etwa doch? Mein Leben ist traurig, weil ich es aufgrund der ganzen Symptomatik nicht mehr richtig leben kann, doch ich, ich bin es nicht. Ich würde eher sagen, dass ich nichts fühle - von den ständigen Schmerzen mal abgesehen."
Seite 36
"Minusgefühle" hat in mir beim Lesen eine Menge Emotionen freigesetzt. Ich war wütend, habe gelacht und auch geweint. Das Buch hatte ich an einem Nachmittag beendet, denn ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen. Für mich ist es ein außergewöhnliches Buch, das ich allen nur ans Herz legen kann. Nicht nur wegen des unheimlich wichtigen Inhalts, sondern auch wegen Jana Seeligs Schreibstil, den ich sehr gemocht habe. Ihre Wortwahl gefiel mir zwar nicht immer (abgefuckt war ein häufig benutztes Wort), aber ich glaube, für manche Dinge gab es eben keine passendere Beschreibung.
"[...] ich verlasse die Praxis mit einem Hochgefühl. Ich weiß zwar, dass es zurzeit nicht länger als zwei bis drei Tage anhält, aber hey, zwei bis drei Tage sind besser als nichts, und irgendwann, daran glaube ich fest, werd ich es schaffen, mit der Hilfe meiner Therapeutin aus den drei Tagen eine ganze Woche zu machen - und in ferner Zukunft vielleicht sogar ein ganzes Leben."
Seite 53
Lies dieses Buch, denk über das Gelesene nach und empfehle es weiter - damit wir eher früher als später in einer Welt leben können, in der psychische Erkrankungen keine Tabu-Themen mehr sind.