Ohne Hegel kein Marxismus. Der wichtigste und letzte Vertreter des Deutschen Idealismus stand Pate bei der Herausbildung des historischen und dialektischen Materialismus. Vor dem Hintergrund revolutionärer Umwälzungen in Europa und der radikalen Neuordnung der Welt nach Maßgabe des Privateigentums entwickelte Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) ein umfassendes philosophisches System der Moderne, das bis ins 21. Jahrhundert hinein Theorien und Debatten prägt. Der Grund ist einfach. Hegel reflektiert die bis heute gültigen Grunderfahrungen der bürgerlichen Gesellschaft und die besonderen Bewusstseinsformen jener Klasse, die mit dem Kapitalismus aufstieg und noch heute führend ist. Mesut Bayraktar stellt Hegels Kerngedanken im Kontext von dessen Gesamtwerk vor. Sie werden historisch-biografisch verortet und in Beziehung zu den Widersprüchen kapitalistischer Verhältnisse und entsprechender Lebensbedingungen gesetzt. Auf diese Weise werden angesichts der fließenden Denkbewegung Hegels Orientierungspunkte markiert. Der Band wendet sich an Interessierte und Neugierige, an Kenner, Kritikerinnen und Mitdenkende gleichermaßen. Es vereint Einführung, Überblick und Aktualität der Philosophie Hegels.
Stark insofern er eine Gesamtdarstellung des Systems gibt und das auch einigermaßen verständlich und in größtenteils schöner Prosa schafft, die sich von Hegelei freihalten kann. Aber man es ist unbestreitbar, dass Bayraktar Hegel-Marxist ist. Hier wird der alte Hegel der Tendenz nach glatt selbst zum revolutionären Marxisten, der den Klasesenkampf kennt und den Imperialismus antizipiert.
Zu dieser Projektionsfläche Hegel fällt auch eine erschreckende Unkenntnis oder offene Ignoranz der kritischen marxitischen Tradition gerade in der Auseinandersetzung mit der Hegelschen Methode, deren Eurozentrismus, Teleologie und wie sich das auch in der marxistischen Tradition repeoduziert gegenüber auf. Bayraktar spricht Hegel sogar ausdrücklich von Eurozentrismus frei und denkt, man könne seine Methode einfach übernehmen, wenn man nur mit der Materie anfängt. Dazu zitiert er selektiv Marx und ignoriert seine Aussagen, in denen er ausdrücklich sagt, dass die Hegelsche Methode für wissenschaftliches Denken unbrauchbar ist, man sie also nicht einfach mit anderen Vorzeichen nutzen kann. Und, wie gesagt, hat die Forschung der letzten Jahrzehnte das zu genüge untersucht.
Der neue Band der „Basiswissen Politik / Geschichte / Ökonomie“-Reihe des PapyRossa-Verlags verspricht „Einführung, Überblick und Aktualität der Philosophie“ G. W. F. Hegels auf 140 Seiten. Dieser Mammutaufgabe hat sich der studierte Rechtswissenschaftler und Philosoph Mesut Bayraktar gewidmet. Sein "Hegel" ist, wie er selbst von Anfang an klar macht, keine neutrale Heranführung an das Werk des letzten Deutschen Idealisten, sondern eine marxistische, die ihr Thema daraufhin untersucht, was Marx daraus und anders gemacht hat. Das mag man Bayraktar zum Vorwurf machen – doch ist solch eine Herangehensweise ehrlich, wäre doch eine vermeintlich neutrale Version dieses Büchleins genauso ideologisch gefärbt. Bayraktar versteckt seine Ideologie nicht hinter einem Neutralitätsgebot. Er hat als Autor und Philosoph seinen eigenen Standpunkt zum Objekt seiner Untersuchung. Bayraktars Stil ist in seiner Klarheit ein Genuss, das Buch ist – verdächtig – schnell gelesen. Bayraktar gelingt es, Hegel und Aspekte der Entwicklung seines Denkens zu erzählen. Er stellt nie trocken dar. Oft bedient er sich Anekdoten, schöner Bilder und Vergleiche. Bayraktar ist eben vor allem auch ein Schriftsteller, der verstanden werden will, und der Sprache als Werkzeug der lustvollen Kommunikation einzusetzen weiß. Trotzdem bleibt der etwas schale Nachgeschmack, dass ich nicht das Gefühl habe, nun besser gewappnet in die Lektüre der Texte selbst einsteigen zu können. Hegel bleibt auch nach diesem Büchlein ein einschüchternder Gigant, dem beizukommen, den sich anzueignen, mit eigener Denkleistung, wie er selbst fordert, von diesem Büchlein nicht erleichtert wird. Denn dieses Büchlein leitet einen in vorgefertigte Wege des Denkens, die spannend nachzuvollziehen sind, Hegels eigenem Anspruch an ein denkendes Subjekt aber vermutlich widersprechen. So ist es vielleicht weniger als Einstieg als als Abgleich für das selbst beim Lesen Hegels Gedachte geeignet. Auch nach Bayraktars Büchlein heißt es also: Ums selbst Lesen und Denken kommt man nicht herum. Danach lohnt auch der Blick in diesen "Hegel", um sich auf den aktuellen Stand der marxistischen Auseinandersetzung zu bringen. (Ausführlichere Kritik bald auf rotscheibe.de)