»Vielleicht das letzte Radikalgenie.« Frankfurter Allgemeine Zeitung
Das Leben ist ein Traum! Ist es das? Gregor Lanmeister, einst ein erfolgreicher, wenn auch zweifelhafter Geschäftsmann, ist auf Weltreise an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Mit ihm reisen 144 Auserwählte, die das Schiff nicht mehr verlassen werden. Sie bleiben, um zu gehen. So wie er selbst das wird ihm zunehmend bewusst. Minutiös beobachtet er das Geschehen an Bord und findet sich bald inmitten einer Gesellschaft eigenwilliger Persönlichkeiten wieder da ist Monsieur Bayoun, sein Lehrmeister und Freund, der ihm ein geheimnisvolles Spiel hinterlässt; da sind die dralle, freche Frau Seifert sowie Kateryna, eine junge russische Pianistin, die er liebevoll Lastotschka, Feenseeschwalbe, nennt, außerdem ein schrulliger Clochard zur See und die stolze Lady Porto sie alle und noch viele mehr nehmen mit ihm Abschied. Sodass er, von einer ihm vorher gänzlich fremden Sehnsucht erfasst, zu erkennen beginnt, was es mit diesem Sperlingsspiel auf sich hat. Über das Meer entdeckt Lanmeister den stillen Reichtum Leben, es eröffnen sich ihm immer neue Momente von märchenhafter Schönheit, bis Zeit und Meer, Vergänglichkeit und Traum zu einem rätselhaft entrückten Kosmos verschmelzen.
In seinem neuen Roman schlägt Alban Nikolai Herbst einen ungewöhnlichen, zärtlichen und gütigen Ton an. Geistreich, unmittelbar und humorvoll erzählt er vom Sterben als einem letzten großen Gesang auf das Leben.
Das Dranbleiben hat sich gelohnt. Anfangs hatten mich die leichten Sprachdreher irritiert, auch der Inhalt war mehr verwirrend als vorwärtsziehend. Dann jedoch wird immer deutlicher, dass es sich um die Aufzeichnungen eines an fortgeschrittener Demenz leidenden (oder eben nicht) 70-Jährigen handelt, der seine letzten Monate, Tage auf einem Kreuzfahrtschiff über die Ozeane reisend verbringt. (Bis zuletzt war mir nicht ganz klar, ob er nicht vielleicht doch in einem gewöhnlichen Altersheim untergebracht ist und das so umdeutet.) Sein bisheriges Leben war zwar finanziell erfolg- aber nicht besonders ruhmreich: mit unlauteren Geschäften hatte er viel Geld verdient, seine Geliebte verbündete sich mit seiner Ehefrau im Scheidungskrieg, sein Sohn Sven hat den Kontakt abgebrochen. Aber all das spielt jetzt keine Rolle mehr. Er staunt den Seeschwalben hinterher und bewundert die Mantas im Meer, die Farben des Meeres. Passagiere kommen und gehen bei den Stationen an Land, doch 144 bleiben jeweils an Bord, sie sind wie er. Gehen erst, wenn sie tot sind. Er beobachtet seine Reisegefährten und tritt in Beziehung zu einigen von ihnen, obwohl er inzwischen nicht mehr spricht. Sein Schweigen ist der Schutz vor Dialogen, zu denen er sich nicht mehr fähig genug fühlt. Denn das "Bewusstsein" wird immer größer, dieses Bewusstsein, das das andere Bewusstsein ablöst und die immer größer werdenden Lücken füllt. Die kleinen zeitlichen Sprünge in den Notizen - der Alte schreibt seine Gedanken in Kladden, eigentlich ein Brief an die von ihm angehimmelte Schiffspianistin - und die gelegentlich holprigen Sätze veranschaulichen die Demenz formal und bildet mit dem Inhalt eine gelungene Konstruktion für diesen Roman, der mir am Ende sogar noch ein, zwei Tränchen entlockt hat.
Dieses Buch geht den Fragen über Sterben, Vergessen, Würde nach. Es beschreibt Demenz aus Sicht des Betroffenen.
Dieses Buch ist nicht einfach zu lesen. Die ersten Seiten haben mich fast dazu gebracht das Buch wieder wegzulegen. Mir war gar nicht recht klar, um was es geht. Aber das klärte sich auf jeder Seite mehr. Ich bin froh, das ich dabei geblieben bin.
Beschrieben wird das Leben auf einem Kreuzfahrtschiff. Es gibt viele Passagiere, aber 144 besondere Menschen; sie haben „das Bewusstsein“. 144 wie die Steine in dem Spatzenspiel, dem Mah-Jongg-Spiel das immer wieder auftaucht. Sie werden das Schiff nicht lebend verlassen.
Der Kranke, der seine Geschichte in Kladden schreibt, in denen später aber nur seitenweise Koordinaten gefunden werden, ist verwirrt. Das wird schnell klar. Manche Sätze sind seltsam unvollständig, grammatikalisch unkorrekt. Doch diese fehlerhaften Sätze und Gedanken bergen oft eine wundervolle Poesie.
Er gibt oft zu, sich an etwas nicht erinnern zu können. Er verwechselt Namen und Menschen. Er wundert sich über den Besuch, der plötzlich neben ihm sitzt, völlig unbekannt, aber nach seiner Hand greift und beim Abschied weint. Doch das nimmt er alles stoisch hin. Er hat nämlich beschlossen nicht mehr zu sprechen. Er kommuniziert gar nicht mehr. Das wird später deutlich, als er in einer Szene plötzlich die Initiative ergreift (wie will ich hier aber nicht vorwegnehmen).
Doch das Buch ist nicht frustrierend, weil es ja davon ausgeht, dass hinter der starren Fassade etwas ist. Das der Mensch, den man kannte, sich nur irgendwie versteckt. Dieser Kranke hat viele positive und negative Erlebnisse und Empfindungen. Er empfindet sein Leben aber als lebenswert und benötigt diese Übergangszeit um Abschied davon zu nehmen.
Er versöhnt sich mit seinem jetzigen Leben, indem er sich auf ein luxuriöses Traumschiff wünscht, das die ganze Welt bereist.
Dieses Buch musste ich mir regelrecht erarbeiten. Aber diese Arbeit hat sich für mich gelohnt. Natürlich habe ich keine Ahnung, wie es in einem Kranken, der nicht mit der Außenwelt kommuniziert wirklich aussieht, aber es gibt mir Hoffnung. Und es erinnert mich mit jeder Seite daran, allen Menschen mit Respekt zu begegnen, auch wenn ich kein Echo erhalte.
Ein berührendes Werk über den letzten Lebensabschnitt des Protagonisten. Während einer Schiffsreise erlangt der Protagonist das "Bewusstsein", das Bewusstsein dass er auf diesem Schiff sterben wird. Das Traumschiff wird für ihn zu seiner letzten Unterkunft, die er mit 143 anderen Passagieren teilt, die auch über das "Bewusstsein" verfügen. Die anderen Passagiere ahnen davon nichts.