Dies nun ist fürwahr ein lebensbejahendes Werk ungezügelter Daseinsfreude. Trotz aller Leiden und allem durch Menschen verursachten Gram rät Hafis dem Leser seiner Verse nicht sich in einen Brunnen der Schwermut zu werfen, stattdessen mit Wein, Musik und Liebe sich der Sorgen zu entledigen, da die Welt doch nichts von Bedeutung ist.
Persische Dichter haben meinen Kunstgeschmack schon früher durchaus zu treffen gewusst, so etwa Saadi mit seinem "Rosengarten" oder auch Nizami mit seiner Liebesgeschichte "Chosrou und Schirin". Doch Hafis erinnert mich beinah eher an Epikur, dessen Emporheben der berauschenden Üppigkeit doch nicht mal im Ansatz an Hafis' Leidenschaft für das freie und ungezügelte Leben heran reicht.
Ja wahrlich, Hafis' Verse vermögen das Gemüt durchaus von aller Schwermut und Zurückhaltung zu befreien, seine dionysische Lebensfreude kann mitunter geradezu ansteckend auf einen Menschen wirken, der in der geistlosen Leere des modernen Deutschland's leben muss. Hafis rät ununterbrochen zum Wein, zur Üppigkeit und dem Rausch. Die Übersetzung seiner Poesie empfand ich zuweilen doch als ziemlich hölzern, gleichwohl bin ich mir gewiß, dass viel Anmut aus der persischen Poesie bei der Übersetzung notgedrungen verloren gehen muss.
Doch man verfiele nicht dem Irrglaube hier lediglich eine Poesie bar jeder Lebenserfahrung vorzufinden. Hafis kannte wahrlich so manche Weisheit im Umgang mit dem Dasein in einer Welt, in der Status, Neid, Gier und Gefallsucht herrschen. Dies alles sei Hafis zufolge jedoch nichts von Bedeutung.
"Wer in die Welt tritt voll von Unruh',
Er muss zuletzt hinab ins Grab.
Hier ist des andern Lebens Brücke
Ein unbeständ'ger Ort und wüst.
Häng nicht an dieser Schreckensbrücke.
Brich auf! und hier verbleibe nicht.
Gescheiten Leuten dünkt die Erde
Ein wüster Flecken ohne Schatz.
Die Weisen nennen sie mit Rechte
Ein Karawanserai bloß.
Niemand kann dort für stets verbleiben,
Und niemand bleibt in dieser Welt.
Verlang nach Ämtern nicht und Gelde;
Gold ist ein Drach', das Amt ein Brunn'.
Bist du nicht blind, betracht' die Gräber.
Sei müßig nicht; ich sag' es dir."
Den Eremiten unter uns gilt der Rat:
"In den Winkel zog ich mit Verlangen,
Einsam zu sein und fromm zu leben,
Wunderlich scheint mir's daher, dass allerorten,
Jünglinge Pauk' und Lauten schlagen.
Eremiten sind unwissend, o singe
Lustigen Ton, und lass den ersten,
Suche den Wächter voll Wein, er ist von Sinnen,
Bringe nur Wein und fürchte nichts sonst."
"Ich seufzte, in den Finger biss ich mich
Und legte meinem Körper Feuer unter.
Ich hörte gestern eine Nachtigall,
Die Rose neigte hin ihr Ohr vom Busche.
Sie sang: Sei frohen Mutes, denn der Mann
Von hartem Sinn verhört des Glückes Stimme.
Soll Hartes, Leichtes nicht zu Herz dir gehen,
Nimm andrer Hartes Leichtes nicht zu Herzen.
Wenn an den Himmel schlägt des Schicksals Flut,
So wird der Weise sich doch nicht benetzen."
Diese Auszüge seiner Verse sollen meine oben geschriebenen Worte verdeutlichen. Hafis besaß selbst die Kraft die Welt zu berauschen auch gänzlich ohne Wein. Seine Poesie fühlt sich an manchen Stellen zweifelsohne wie eine gewaltige Meereswelle an, die den Leser aus jedem lethargischen Dasein hinwegspült, indem er ihm die Zeit vor Augen hält: alles was uns heut Verdruss bereitet ist in einigen Jahren nur noch Geschichte. Leid und Überdrüss ist besonders für den höheren Geist in der Tat unvermeidbar und notwendig, dies wusste Hafis selbst nur sehr wohl, doch "Lust und Pein sei uns, den Zwillingen, gemein!" sagte nicht zuletzt Goethe über ihn.
Hafis Einfluss auf die persische Kultur und seine Stellung in der Weltliteratur dürfte jedoch nicht gleich hoch sein, indessen mir seine Beziehung zum heutigen Persien, also dem Iran, nicht ganz ersichtlich ist. Ich habe einige Iraner notgedrungen durch meine Arbeit kennengelernt, von denen keiner je ein Buch außer dem Koran angefasst hat, denen Hafis naturgemäß dennoch ein Begriff ist, so wie den Deutschen Goethe ein Begriff ist und doch nur wenige ihn gelesen und noch weniger ihn verstanden haben. Im Iran sind über die letzten 700 Jahre gewaltige Umbrüche vorgegangen, einige davon radikale und schwerwiegende. Die islamische Rigidität hat den Amerikanern sei Dank seit den 1970ern ungemein zugenommen, womit Hafis' dionysische Lebensweisheiten kaum Früchte tragen konnten.
"Ein Hund ist besser als ein Mensch,
Der Freundesherzen kränket.
Dies Wort bleibt wahr für immerhin,
Und grab' sich in die Herzen.
Mit beiden Händen isst der Mensch,
Der Hund harrt an der Schwelle;
O schade um des Hundes Treu',
Und um des Menschen Feindschaft."