In den 80ern des vorigen Jahrhunderts erkundet eine Dozentin der kanadischen Simon-Fraser-Universität eine französische Region, in der ihre Studierenden der Humangeografie Feldforschung betreiben können. Als Zimmervermieterin wird ihr in Le Mauduit die mitteilsame Lottie Carmeaux empfohlen, vor 1900 geboren und Kindermädchen der kleinen Anaïs Ardenne. Lotties Lebenserinnerungen allein könnten bereits ein ergiebiger Forschungsgegenstand sein; denn in ihrer Kindheit trug man noch Pelerine und reiste im Landauer.
Die Wissenschaftlerin als Icherzählerin verschachtelt nun Lotties Erinnerungen (aus einer weiteren Ichperspektive) mit Informationen über die Gutsbesitzer Ardenne, die Geschichte des Dorfs in der Franche-Comté und des François Ardenne, der nach Kanada auswanderte und dort im Holzhandel arbeitete. Lotties Erinnerung setzt mit der Szene ein, als ein Fremder, dem ein Ohr fehlt, ein Baby im Haus der Ardennes ablegt, einen Gegenstand hinterlässt und einen anderen Gegenstand aus dem Haus mitnimmt. Das Baby Anaïs nimmt die 12-jährige Lottie sofort in Besitz und lässt sich nur noch von ihr beruhigen. Mme Ardenne kauft für die Arbeit als Kindermädchen Lottie ihren Eltern praktisch ab. Den Carmeaux ist dabei bewusst, dass Lottie wie ihre Schwester mit einer Schneiderlehre eine sicherere Basis hätte. Die Perspektive der 12-jährigen aus einfachen Verhältnissen, der die Bereiche Zeugung und Abstammung noch ein Rätsel sind, trifft Anne-Marie Garat hier ausgezeichnet. Viel später erst wird der Besucherin aus Vancouver klar, dass das Dorf an sich aus der Zeit der Résistance ein kollektives Geheimnis bewahrt und dass ihre eigene Familiengeschichte eng mit Le Mauduit verknüpft ist.
„Erinnerung und Lüge“ umfasst als komplexer Familienroman ein Jahrhundert, in dem Frankreich an mehr als den beiden Welt-Kriegen beteiligt war. Das Schicksal der kleinen Anaïs entwickelt sich vor der Folie einer Epoche, in der ganze Generationen junger Männer im Krieg „fielen“ und so manche Familie die Hoffnung nicht aufgab, einen vermissten Angehörigen doch noch traumatisiert oder versehrt in irgendeinem Lazarett wiederzufinden. Lotties Erzählung aus der Ichperspektive hält die Epochen und Figuren beisammen. Garats altertümlich verschnörkelt wirkender Stil hat mich jedoch nicht überzeugt; denn 6-teilige Satzkonstruktionen harmonieren meiner Ansicht nach weder mit der circa 1960 geborenen Wissenschaftlerin, noch mit Lottie, die Ende des 19. Jahrhunderts nur 6 Jahre lang zur Volksschule ging. Die Sprache verbirgt die Geschichte eher als sie preiszugeben. Rückblickend habe ich - in der ebook-Ausgabe - zu viel Aufmerksamkeit investiert, um mich zu orientieren, wer in welcher Epoche gerade erzählt, Aufmerksamkeit, die ich lieber der Entwicklung der Personen gewidmet hätte.
Literarisch und durch die abgedeckte Zeitspanne eines Jahrhunderts sicher ein bemerkenswerter Roman, der allerdings große Geduld mit seinem verschnörkeltem Stil voraussetzt.