Was passiert, wenn ein Autor, der überwiegend Literatur für Erwachsene schreibt und sich darin vieler gesellschaftlicher Fragestellungen bedient und gerne am World-Building hantiert, ein Jugendbuch schreibt?
Es kommt ein Buch raus, das total viele schöne Ideen hat, allerdings im Grundaufbau sehr unoriginell ist und man sich anmaßen könnte zu sagen, dass man merkt, dass der Autor nicht mit voller Leidenschaft hinter dem Projekt steht.
Im ersten Teil der Aquamarin-Reihe geht es um Saha, die im Australien der Zukunft lebt. Gentechnologische Manipulationen und High-Tech sind in vielen Zonen an der Tagesordnung, in Sahas neotraditionalistischer Zone gelten Manipulationen jedoch als verpönt und sind strengstens verboten - es sei denn, wenn sie dazu genutzt werden können, um Behinderungen auszutarieren. Nahezu täglich werden ihr die Prinzipien des Neotraditionalismus in der Schule eingebläut, und zusätzlich dazu macht ihr Mean Girl Correlia das Leben dort zur Hölle - schließlich hat Saha komische Haut zwischen den Fingern und eine taubstumme Tante. Doch als Saha eines Tages durch Correlia in einen Pool geschmissen wird und wundersamerweise überlebt, obwohl sie noch nie schwimmen war, merken Saha und ihr bester Freund Pigrit, dass da irgendwas nicht ganz stimmen kann. Und so kommt Saha nicht nur einem Familiengeheimnis auf die Spur, sondern auch noch der Existenz einer Spezies, die an ,,magisch'' grenzt ...
Findet sonst noch jemand, dass sich diese Zusammenfassung sehr nach jedem einzelnen YA Fantasy Roman aus den frühen 200ern anhört? So ungefähr ist es nämlich auch. Wie oft haben wir die Konstellation einer Außenseiterin, die ,,ganz anders ist als andere Mädchen'', die nicht die Geschichte ihrer Eltern kennt, und dann herausfindet, dass sie was ganz Besonderes ist? Nur haben wir hier eben nicht magische Elemente dafür als Erklärung, sondern die Sci-Fi-Elemente, die der Autor in all seiner Breite aufzeigt. Das ist tatsächlich mal eine ganz kreative Mischung, die in einer anderen Geschichte vielleicht sogar bahnbrechend gewesen sein könnte. Schließlich werden damit auch Themen wie Diskriminierung, die Doppelmoral von Traditionalisten, die sich fast schon willkürlich aussuchen, wann Technik noch nutzt und wann sie zu ,,ethisch inkorrekt'' ist, und auch eine sehr weltoffene Nutzung von Gebärdensprache angesprochen. Alles Themen, die tiefgründig angerissen werden und von denen man sich hätte mehr wünschen können.
Stattdessen bekommt man ein wenig Teenage Drama serviert, was nicht nur in fast jedem anderen YA Roman nervt, sondern auch vom Autor alles andere als liebevoll eingebaut wurde. Schon in Todesengel merkt man, dass Romance für ihn mehr einen Selbstzweck erfüllt als dass es ein elementarer Teil der Geschichte ist, aber besonders, weil aufgrund dessen etwas sehr Essentielles passiert, ist es umso nerviger. Auch eine typische ,,Makeover'' Szene ist vorhanden, in der die schüchterne Protagonistin das erste Mal so was wie ,,weibliche Kleidung'' entdeckt und innerhalb von einer Stunde die Schmink-Skills einer Make-Up-Artist aneignet. Dabei kann man als Leser nur mit den Augen rollen und sich fragen, ob es irgendwo eine Liste an kritischen Szenen gibt, die Autoren unbedingt in ihrem Buch haben müssen, damit auch ja klar wird, dass es an Jugendliche gerichtet ist.
Noch merkwürdiger wirkt das sogar im Kontrast dazu, dass Saha eine lange Zeit eigentlich so rüberkommt, als seien ihr Trends einfach egal und als würde sie tough mit ihrer Situation umgehen. Sie erscheint intelligent, desinteressiert an oberflächlichen Themen und auch irgendwo im Reinen mit sich selbst. Sie ist charakterstark, kann ihren Mobbern die Stirn bieten und weiß Situationen oft korrekt einzuschätzen. Daher umso widersprüchlicher, dass der Autor sie irgendwann in diese Schiene pressen möchte und insbesondere der Twist am Ende nur deswegen passieren kann, weil sie plötzlich für ein absolutes Arschloch schmachtet. Lieben wir!
Dennoch gelingt es einem, das Buch verdammt schnell zu lesen, da Eschbachs Schreibstil zwar leicht gehoben, aber sehr flüssig und ansprechend ist und es ihm gelingt, Charaktere so schnell zu umreißen und besonders der Stadt Seahaven einen realen Anstrich zu geben. Nie beschreibt er World Building so, dass es wie absoluter Infodump wirkt, und kann auch viele der essentiellen Beziehungen zwischen den Charakteren gut gestalten. Besonders die Bindung zwischen Tante Mildred und Saha ist sehr süß zu lesen, wird allerdings manchmal von sehr stereotypischen Charakteren wie dem Mean Girl Correlia überschattet.
Die größte Stärke des Buches ist jedoch das ,,Geheimnis'' an sich und den zwar recht typischen, aber interessanten Aufbau dahin. Denn Eschbach beschränkt sich hier wie gesagt auf naturwissenschaftliche Elemente, die hinter Sahas Fähigkeit, unter Wasser zu atmen, und ihrer Haut zwischen den Fingern stecken, und denkt sich dazu eine gute Hintergrundgeschichte aus. Zu sehen, wie Saha an diesen ungeahnten Fähigkeiten wächst und darin aufgeht, ist ein schönes Coming-of-Age-Element. Das Finale zieht in der Geschwindigkeit dabei sehr stark an und lässt viel Spielraum für die anderen zwei Bände, da nun viel Platz ist, um sich mit ethischen Grundlagen für Gentechnik zu beschäftigen und eventuell sogar die Welt zu ändern. [Dass das in Band 2 nicht genutzt wird, weiß ich leider mittlerweile, aber man muss ja versuchen, das nicht in die Bewertung des 1. Bandes einfließen zu lassen ^.^]
Alles in allem ein recht durchschnittliches Buch, was sich durch sein detailliertes World Building und die naturwissenschaftliche Ausgangslage von anderen YA Büchern der frühen 2000er mit einer ,,ganz besonderen'' Protagonistin unterscheidet. Saha ist, bis auf die fast erzwungen wirkenden ,,typischen'' YA Szenen, eine passable Protaginistin mit Kopf, Herz und Selbstbewusstsein, die in etwas hineingerät, was ihr zunächst Angst macht, an dem sie dann aber wächst. Ihre Hintergrundgeschichte ist ganz gut erdacht und hat einige Elemente, die man sonst nicht häufig sieht, und webt auch immer wieder leicht tiefsinnige Fragen rund um Diskriminierung und Doppelmoral ein. Leider zieht der Autor sich allerdings selbst in seinem Buch runter, indem er Szenen und Charaktere einfügt, die anscheinend zum ,,guten Ton'' des YA gehören, allerdings fast absolut jeden YA-Leser nerven. Insgesamt also eine Geschichte mit Potential, aber dieses wurde kaum genutzt. Für zwischendurch dennoch ganz nett!
Gesamtwertung: 3/5 Punkte