Im Salinger-Jahr 2015 erschien kürzlich – von mir sehnsüchtig erwartet - der Roman „Oona und Salinger“. Was erhoffe ich mir? Neue Einsichten durch einen brillant und geistreich geschriebenen biografischen Roman natürlich.
Doch hören wir zum Werk den Autor selbst:
Dies ist keine Fiktion, sagt er augenzwinkernd im Vorwort und wie sehr er sich wünscht, dass diese Geschichte genauso passiert sei. Da kann ich mitgehen, das will ich auch.
1940 trifft J.D. Salinger die 16jährige Oona o’Neill, Tochter des Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, zum ersten Mal. „Er war snobistisch wie ein Bidet im Waldorf Astoria…“ lesen wir und erste Bedenken keimen auf.
Oona lebt zu dieser Zeit mit ihrer Mutter in Point Pleasant Beach, NJ.
Nun muss ich erklären, dass ich diesen Ort sehr gut kenne, ich habe dort ein paar Jahre gelebt. „An den Stränden New Jerseys sind die Nächte im Sommer kurz; die Sonne geht unter, ein paar Gläser später geht sie wieder auf“, berichtet Beigbeder. Ich habe solche Art weiße Nächte dort nie erlebt, gegen 21:00 war es im Hochsommer komplett dunkel, Sonnenaufgang dann gegen 6:00. Ich bin kleinlich? Na gut – überspringen wir das und lesen weiter ….
Nun trifft man sich häufig in New York, da kommt es zu ersten Unstimmigkeiten. „Du bist launenhaft“ lässt Beigbeder die schöne Oona sprechen und „in 60 Jahren wird man sagen, du hast eine bipolare Störung“. Bei so viel literarischem Geschick schwindet nun doch mein Glaube an das Buch, an den Autor. Der traut seinen Lesern gar nicht zu und übersetzt allgemein bekannte Sentenzen wie „Good girls go to heaven, bad girls go everywhere“ und etliche mehr. Das ist nicht nur nervig, ja störend, ist er doch überhaupt allgegenwärtig, erklärt viel zu viel, mischt sich überall ein, selbstgefällig und geblendet von der eigenen Idee: ein Buch über das Paar O‘Neill/Salinger – wie toll ist das denn?!
Doch was sagt Oona nun „ Stell dir mal vor, jeder hätte ein tragbares Telefon in der Tasche!“ Und Salinger: “Man wird immer ein Kabel brauchen, um Leute miteinander zu verbinden.“ Dazu bemerkt Beigbeder: „ Der nachgeborene Romanautor ist in der Lage, seinem illustren Helden in diesem Punkt zu widersprechen“. Und er tritt nicht nur mit seinen Protagonisten in einen Austausch, auch die Leserschaft wird zur Interaktion aufgerufen, wir sollen uns ein You Tube Video anschauen – Oonas erster Vorsprechtermin beim Film. Das ist toll, das gefällt, da mach ich mit! Süß ist sie wirklich --- und irgendwie deplatziert, eine Schauspielerin sehe ich jedenfalls nicht, doch Beigbeder jubelt durch mehrere Absätze über das große Talent. Bei You Tube finde ich jedoch auch einige schöne home videos, Oona und Charlie, denn so geht es weiter: Sie trifft Chaplin, verliebt sich in ihn, heiratet und bekommt mit ihm acht Kinder. Nichts im gesamten Buch ist so wunderschön, so wahr, wie DIESE Liebesgeschichte - das Leben hat sie geschrieben.
Salinger geht als Soldat nach Europa und die Romanze ist damit zu Ende.
Er schickt noch Briefe an Oona, nicht schlecht geschrieben von Beigbeder und auch die Unterhaltung mit Hemingway in Paris kann als gelungen bezeichnet werden. Die Kriegseindrücke, die er Salinger schildern lässt sind eindrucksvoll, nur mit dem Buch, mit der eigentlichen Story hat das alles nichts mehr zu tun.
Zum Schluss sinniert der Autor noch ein bißchen über die „schrecklichen Kindern der Neuzeit“ (Sloterdijk), mit ihren Cyberspielen und Marvel-Filmen, denen er – einfach und kurz gegriffen - Kriegssehnsucht unterstellt: „Sie suchen eine neue Utopie, neue Gräben, sie wünschen sich einen neuen Feind zum Massakrieren …. es verwundert nicht, dass einige zu Terroristen werden“.
Und dann gibt es noch die letzte Begegnung mit Oona - Kitsch as Kitsch can, aber da habe ich bereits auch das allerletzte Fünkchen Interesse verloren.
Es stimmt, dies ist keine Fiktion – es ist einfach nur ein schlechtes Buch.