Ich liebe Memoirenliteratur des 18. Jahrhunderts, weiß daher, was ich davon mit Recht erwarten kann und worüber gerne geschwiegen wird. In diesem Fall sorgt der Adressat (der Thronfolger, dem sicherlich allerlei Gerede über die Umstände und Legitimität der Thronbesteigung seiner Mutter zu Ohren gekommen sind) für weitere Einschränkungen. Die mit zwei Sternen versehenen Rezis können nur von Leuten stammen, die ausführliche Beschreibungen der Nummern mit den Hengsten und allerlei zweibeinigen Favoriten erwartet haben.
Diese Memoiren aus Jugendjahren der späteren Kaiserin strotzen nur so vor Ungerechtigkeiten, die eine junge Frau erdulden musste, deren Wohl und Wehe von einer launischen, da kränklichen Zarin (Adoptivschwiegermutter) abhing, die sich als Erben den nächstbesten Verwandten aus Holstein geholt hatte, der eigentlich lieber König von Schweden geworden wäre und nie viel mit Russland anfangen konnte.
Als Chronik von Alltagspannen, schier unglaublichen Bausünden (z.B. der einzige Durchgang für 17 Zofen und Dienstmägde führt durch Katharinas Schlafzimmer. Wichtige Stützen an einem Neubau werden entfernt, so dass das Gebäude über den Gästen einstürzt) und des mit dem Intrigenstadls verbundenen Spitzelwesens, sowie der Mätressenwirtschaft des Gatten, sind Katharinas Memoiren eine herrliche Chronik der Epoche. Selbst wenn es allerlei Subtexte gibt, wie die Rechtfertigung für den Aufstand gegen den Gatten Peter, der seine Absetzung kaum überlebte oder auch den Trost an den Thronfolger im Wartestand, der es, alles in allem, doch viel besser hat als seine Mutter als Gattin des dauerbesoffenen Großfürsten und Thronfolgers.
Für das Leidensprotokoll der jungen Katharina hätte ich vielleicht nur vier Sterne vergeben, allerdings verfügt diese Ausgabe über drei Anhänge.
Der erste stammt von der Fürstin Daschkoff, der Schwester der aktuellen Favoritin des Zaren, der selbige gern in den Rang einer Zarin erhoben hätte. Doch Katharina tat ihm nicht den Gefallen rechtzeitig zu sterben. Die 19jährige Daschkoff beschreibt (oder übertreibt) ihren Anteil an der gelungenen Verschwörung gegen den unfähigen Zaren. Der Vorwurf der Übertreibung durch besagte Wichtigtuerin stammt von Katharina, die im folgenden Brief an ihren Favoriten Poniatowski kein Blatt vor den Mund nimmt und sich als die Macherin präsentiert, für die man die Zarin halten muss.
Gerade jener Brief, der sich exakt derselben Syntax wie die Memoiren bedient, auch wenn sich die Akzente klar vom Opfer, das sich nach Kräften über Wasser hält, zur kühlen Strategin verschoben haben, die schon ein halbes Jahr, bevor die Daschkoff zum ersten mal davon Kunde bekam, alle Fäden in der Hand hielt. Grund für die Beschwerde und den Auftrag an P so einiges richtig zu stellen, ist die Angst, dass Freund Voltaire gar den Eindruck bekommen könnte, eine 19jährige Wichtigtuerin hätte den unfähigen Zaren gestürzt und Katharina auf den Thron verholfen.
Der letzte Anhang sind Briefe des armen Zaren Peter, der als Gefangener seiner Rolle als Thronfolger das Reich nicht ohne Einwilligung von Zarin Elisabeth verlassen konnte, obwohl er gerne zurück nach Holstein wollte. Literarisch sicherlich ein ganz kleines Licht, aber eben auch ein ganz armer Wurm. Die Schwärmerei für Friedrich II. und die Rettung des Königs von Preußen nach dem Tod der Zarin durch Sabotage sämtlicher russischer Kriegsanstrengungen sind daher leicht nachvollziehbar. Wieder ein historisches Rätsel gelöst, daher fünf Sterne für das Gesamtgebilde, vier für die nominelle Hauptattraktion.