Der „Graf" von Cagliostro ist eine schillernde Gestalt in den europäischen Salons des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Grund für das mystische Funkeln seines Namens sind seine vielfältigen Aktivitäten auf den irrationalen Gebieten des damaligen Zeitgeistes. Thomas Freller vollzieht die wechselnden Rollen des vermeintlichen Grafen nach, der sich vom kleinkriminellen Erpresser über den Wunderheiler, Hypnotiseur und Alchimisten zum mysteriösen Freimaurer mit ägyptischer Herkunft und magischen Fähigkeiten mauserte. Folie ist für den Autor die Aufklärung, deren Entzauberung der Welt neue Räume für den Bedarf an Wundern und Mystischem eröffnete. Bei der Lektüre des Buches ist man erstaunt, wie sehr das Zeitalter der aufkommenden Vernunft noch in den Vorstellungen von Magie und Zauberei befangen Dass Cagliostro Gold und Diamanten machen konnte, davon waren seine Anhänger ebenso überzeugt wie von seinen Beschwörungen der Seelen aus dem Totenreich. Doch nicht jeder nimmt ihn den 1000jährigen Ägypter ab, den er in einer Séancen mit falschem Bart und Turban spielt. Das Buch ist sehr spannend und informativ; es ist trotzdem ein wissenschaftliches Werk mit Fußnoten, Zitaten und Vorsicht bei Darstellung und Bewertung, und keine erzählte Geschichte in Romanform. Wer aber lieber ein angemessenes Zeitbild der Aufklärung haben will als eine weitere angestrickte Reihe an einen Mythos, liegt bei diesem Buch richtig und lernt sogar noch etwas über unsere Gegenwart. Denn wie die Vernunft haben wir auch ihre Rückseite von der Aufklärung geerbt. Wer mit Esoterik und Mystik sein Geld verdient, weiß es ihr zu danken.