Noch mit Tränen in den Augen schreibe ich diese Bewertung.
Für mich ein starkes, berührendes Buch über Familie, Erwartungen, Liebe, Schmerz und Abschied – und die Frage des Umschlags: „Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen?“.
Das Buch beginnt mit einer realitätsnahen Abschrift einer Kommunikation zwischen zwei Schiffen, bei der klar ist, dass eines der Schiffe in Seenot geraten und am Sinken ist. Nur wenige Menschen werden überleben, über 850 ertrinken. Um welches Schiff es sich handelt und welche Rolle dieses Unglück in der Geschichte einnimmt, erfahren wir erst mit Sicherheit am Ende; wobei viele Leser sich wohl an dieses furchtbare Ereignis erinnern und aufgrund der zeitlichen Abfolge nicht ganz so unwissend durch das Buch taumeln dürften wie ich.
Laurits Simonsen lernen wir im Jahre 2005 als Lawrence Alexander in der Rolle des Pianisten auf einem Kreuzfahrtschiff kennen. Er scheint ein Mann mit dunklen Geheimnissen, lässt wenig in seine Seele blicken, obwohl offensichtlich ist, dass er jede Menge Probleme aus seiner Vergangenheit mit sich herumträgt. Er wird als recht unsympathischer, verantwortungsloser und egoistischer Mensch dargestellt.
In Rückblicken bis ins Jahr 1976 erfahren wir von seiner Herkunft aus der oberen Schicht der schwedischen Gesellschaft, von seinem patriarchalischen Vater und seiner unterwürfigen Mutter, von seiner Freundschaft mit Pelle, dem Junge der unteren Mittelschicht, von seinen Träumen und seinem Talent dem Klavierspielen. Seine Träume werden im Alter von nur 18 Jahren für immer zerstört.
Doch Laurits freundet sich mit dem Leben wie es ihm möglich gemacht wird an. Er verliebt sich in Silja, heiratet, sie haben eine Tochter zusammen, er macht Karriere und sein Leben verläuft harmonisch. Bis zu dem Tag, als seine heile Welt zusammenbricht und er zum ersten mal vorn vorne beginnt.
In Estland, wo Siljas Familie ihre Wurzeln hat, mit Silja und seiner Tochter. Mit seiner schwedischen Familie hat er gebrochen, doch sein Leben verläuft noch immer in angenehmen Bahnen.
Doch dem Leser ist aufgrund der ändernden Erzählperspektiven zwischen dieser Vergangenheit und der Gegenwart auf dem Schiff bewusst, dass es einen weiteren einschneidenden Neuanfang gegeben haben muss – und es wird bald klar, warum.
Obwohl die Erzählung nur ein Ende haben kann, ist die Art und Weise wie Anne von Canal uns dorthin führt, meisterhaft.
Ihr Buch gibt mir viel Stoff zur Reflexion über meine Familie, über schmerzliche Erinnerung und deren Verarbeitung und über das Bewusstsein, an welch dünnem Faden das Glück hängt.