Weil Wegsehen keine Option ist: Ein aufrüttelndes Buch über Gewalt gegen Frauen | Mit limitiertem Farbschnitt in der 1. Auflage!
Alle zehn Minuten wird irgendwo auf der Welt eine Frau getötet. Oftmals werden diese Fälle als Beziehungstat, Familientragödie oder Einzelfall dargestellt, doch dahinter steckt immer das gleiche System: Globale Gewalt gegen Frauen. Femizide sind keine privaten Tragödien, das zeigen exemplarisch die sechs Fälle in diesem Buch. Jede Tat spielt sich in einem anderen kulturellen Umfeld ab, alle sozialen Schichten sind betroffen, jeder Bildungsgrad. Die Autorinnen analysieren Fälle aus Australien, Indien, Deutschland, USA, Mexiko und Südafrika. Sie beleuchten die erschütternde Wahrheit: Gewalt gegen Frauen ist global, und sie ist systematisch. Es geht um Macht, Kontrolle, Besitzdenken, die Entwertung der Frau. Laura Regenauer und Sarah Fischer zeigen eindrücklich die strukturellen Muster hinter den Taten und hinterfragen kritisch, warum Institutionen wie Polizei, Gerichte und Ämter so oft wegsehen?
Sorgfältig recherchiert und analytisch fundiert zeigen Regenauer und Fischer, wie viel immer noch getan werden muss, bis Frauen sicher auf dieser Welt leben können.
"Dieses Buch erzählt von sechs Frauen. Doch eigentlich erzählt es von Millionen."
"Ein "Drama" klingt nach Streit, nach Eskalation, nach einer Beziehung, die irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten ist. Eine "Tragödie" klingt nach Schicksal. (...) Doch wenn eine Frau getötet wird, weil ein Mann glaubt, über sie verfügen zu dürfen; weil sie gehen will; weil sie Nein sagt; weil sie sich entzieht; weil sie ein Leben führen will, das nicht seiner Kontrolle unterliegt - dann verdeckt diese Sprache mehr, als sie erklärt. Es geht nicht um Beziehungen oder einzelne Momente, sondern um strukturelle Gewalt. Es geht um Femizid."
Ufff, das war krass. Ich wusste ja, um was es in dem Buch gehen wird und ich habe mich auch nicht das erste mal mit diesem Thema auseinandergesetzt, trotzdem hat mich diese Brutalität zutiefst erschüttert. Ich musste auch paar mal weinen, v.a. als ich gemerkt habe, dass ich mich in einigen Beziehungen viel mehr wiedererkannt habe als erwartet. Nach meiner Trennung (die ich aus ✨️Gründen✨️ telefonisch durchgezogen habe und nicht während ich in seiner Reichweite war), hatte ich Angst um mein Leben. Ich wagte zuerst kaum, das auszusprechen. Aus Angst als "verrückt" abgestempelt zu werden, sagte ich mir dann selbst, dass ich übertreibe, dass es ja schon nicht "so schlimm" war und vor allem sagte ich mir immer wieder "du tust ihm unrecht, sowas würde er niemals tun". Tief drinnen wusste ich aber, dass meine Angst nicht unbegründet war. Solche Gedanken hat man nicht einfach so, da ist im Vorfeld genug passiert. "Jede kann die nächste sein" ist wahr und es kann lebensrettend sein, diese Gedanken ernstzunehmen. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Teil meines Umfelds versuchte, mich zu beruhigen. Ich müsse keine Angst haben, mir wird schon nichts passieren. Ist mir nicht, ich fühle mich mittlerweile wieder grösstenteils sicher, ich habe auch immer gewusst, dass bei weitem nicht alle gewaltvollen Beziehungen in einem Femizid enden. Aber einfach grundsätzlich davon auszugehen, dass "schon nichts passieren" wird, ist der grösste Fehler den man machen kann und Teil des Problems. Nur wenn man komplett ernstgenommen wird, ist man für den absoluten Ernstfall genügend geschützt. Mehrere Femizide in diesem Buch hätten verhindert werden können, wenn eingegriffen worden wäre (und wenn der Täter es einfach nicht getan hätte, er ist natürlich immernoch der Hauptschuldige). Wie kann es sein, dass in den Chats einer Frau steht "Ich weiss, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, wird er nicht zögern, mich zu töten. (...) Ich werde mit [einer Anwältin] über mein Testament sprechen, denke ich." und die Antwort der Polizistin ist "Oh mein Gott, denk nicht so. Du musst aufmerksam sein, aber nicht in Angst leben!" Oder wie kann es sein, dass eine Frau immer wieder geschlagen wird und ihre eigene Mutter ihr immer wieder sagt, dass sie sich gedulden solle, es wird sich dann schon beruhigen? Das sind nur zwei Beispiele, aber dieses ganze Buch ist voll mit solchen Situationen. Das hat mich so unglaublich wütend gemacht, zeigt aber gut, wie bei solchen Fällen oftmals komplett versagt wird. War jetzt nichts neues für mich, aber das nochmals an so konkreten Beispielen zu lesen, ist immer wieder aufs neue einfach ernüchternd. Besonders für Menschen, die sich vielleicht noch nicht so viele Gedanken zu solchen Strukturen gemacht haben, hat das Buch alles sehr gut auf den Punkt gebracht.
"Denn Männer wie Kiran handeln nicht im luftleeren Raum. Sie handeln in gesellschaftlichen Strukturen, die Kontrolle über Frauen normalisieren. Die Demütigung entschuldigen. Gewalt verharmlosen. Und Frauen gleichzeitig dazu erziehen auszuhalten, statt zu gehen."
"Frauen werden nicht einfach nur verletzt, weil einzelne Männer Gewalt ausüben. Sie werden auch in Strukturen verletzt, die diese Gewalt zu spät erkennen, zu oft entschuldigen, zu selten verhindern und nachträglich noch immer erklären, relativieren oder verschieben."
Mir hat auch gefallen, dass das Buch, obwohl es in jeder Geschichte ums selbe Thema geht, ziemlich abwechslungsreich ist. Es werden in jeder Geschichte ein bisschen andere Aspekte beleuchtet, bspw. das Militär, Mitgift/Mitgiftmord, arrangierte Ehe, verschiedene Solidarirätsbewegungen auf Social Media, Femizid in der Beziehung, Femizid durch in den Suizid treiben, Femizid ausserhalb einer Beziehung... Die Geschichten wurden jeweils ergänzt mit Erläuterungen/Exkursen zu bestimmten Begriffen (bspw. Mitgift-System, Toxische Beziehung, Coercive Control, Victim Blaming...) Für Europa wurde ein Fall aus Deutschland ausgewählt, dem Heimatland der Autorinnen, wo die Betroffene überlebt hat. Das brachte nochmals etwas Neues mit rein, da mit ihr direkt ein Gespräch geführt werden konnte.
"Lange hat Svenja geglaubt, genau zu wissen, wie sie in einer solchen Situation reagieren würde. Dass sie gehen würde. Sofort. Jetzt merkt sie, wie viel komplizierter die Realität ist."
"Die psychische Gewalt, so erklärte Svenja mir, habe sie irgendwann vollkommen von sich selbst entfremdet. "Meine Festplatte war wie gelöscht", sagt sie. Irgendwann habe Svenja kaum noch gewusst, was ihre eigentliche Persönlichkeit eigentlich ausmacht, was sie fühlt oder wer sie vor dieser Beziehung einmal gewesen ist."
"Genau dort, zwischen Frühstückstellern und diesem einen Blick, legt sich in ihr ein Schalter um und sie weiss: Dieser Mann wird sich nie ändern."
"Sie hat es geschafft. Jonas hat endgültig keinen Zugriff mehr auf ihr Leben. Und sie hat überlebt."
Was ich auch total krass an diesen Geschichten fand, war die Stärke dieser Frauen und teilweise deren Angehörigen. Niemand dieser Männer wäre verurteilt worden, wenn die Frauen sich nicht bis zum Schluss versucht hätten zu wehren, wenn sie nicht immer wieder gesprochen hätten, obwohl sie kaum gehört wurden und wenn nicht die Hinterbliebenen, zusammen mit vielen Menschen, die sich über Social Media miteinander verbündeten, diesen Kampf weitergezogen hätten, teilweise über Jahre hinweg bis zum höchsten Gericht des Landes. Eine Mutter stellte ein eigenes Ermittlerteam aus freiwilligen Fachleuten zusammen, weil die Behörden ihren Job nicht machten. Eine Familie klagte die U.S. Army, die stärkste Militärinstitution weltweit, an. Eine Frau wurde im Auto mit Benzin übergossen, wusste, dass sie keine Chance mehr hatte und fuhr extra noch zu einer Auffahrt, wo jemand draussen stand, damit sie einen Zeugen hatte. Bereits angezündet, versuchte sie bis zum Schluss noch ihre Kinder zu retten. Ihre letzte Tat war es, drei separate Zeugenaussagen gegenüber der Polizei zu machen, während 97% ihres Körpers verbrannt waren. Kann das wirklich kaum fassen. Mein Herz tut so weh für diese Menschen.
"Vanessa Guillén wurde ermordet. Auf einem Militärstützpunkt. An einem Ort, der für Sicherheit, Struktur und Kontrolle stehen soll. Und genau darin liegt die Wucht dieses Falls. Es war kein Ort ausserhalb des Systems. Es war das System selbst. Vanessa Guillén steht für mehr als das, was ihr angetan wurde. Sie steht für all jene, die innerhalb solcher Systeme versuchen, gehört zu werden, und scheitern. Für die, die abwägen, ob sie sprechen sollen, und wissen, was sie riskieren. Für die, die schweigen, weil sie gelernt haben, dass Schweigen oft sicherer ist. Der Kapf der Guilléns hat etwas verändert. Weil sie sich getraut haben, sich gegen das Militär zu stellen. Weil sie laut geblieben sind, als andere geschwiegen haben."
Die Autorinnen haben es geschafft, diese heftigen Storys wirklich eindringlich zu rekonstruieren und aufzuschreiben, das lässt mich so schnell nicht mehr los. Echt ein heftiges Buch geworden.
Für den Rest finde ich keine Worte mehr, deshalb noch ein paar Dinge, die ich angestrichen habe:
"Grenzen verschwimmen, ohne je klar benannt worden zu sein. (...) Und nach vielen kleinen Verschiebungen ist irgendwann nichts mehr, wie es einmal war."
"Erklärungen, die solche Taten als Folge von Liebeskummer, Verzweiflung oder der Unfähigkeit loszulassen beschreiben, verkennen also den Kern des Problems. Denn es geht nicht um den Verlust einer Beziehung, sondern um den Verlust von Kontrolle."
"Wenn der Staat durch seine patriarchale Dimension und durch sein Festhalten an der Erhaltung dieser Ordnung ein struktureller Teil des Problems ist, ist Feminizid ein Staatsverbrechen." -Marcela Lagarde
" "Er hat uns alle getäuscht. Er gab vor, ein Mann Gottes zu sein, obwohl er in Wirklichkeit ein Monster ist." Doch genau darin liegt eine Gefahr. Monster sind Ausnahmen. Etwas Fremdes. Etwas, das ausserhalb unserer Gesellschaft existiert. Wenn Täter zu Monstern erklärt werden, wirken sie plötzlich weit entfernt von unserer Realität. Dabei ist Luyanda Botha kein Monster. Er ist ein Mann."
"Frauen werden nicht einfach nur verletzt, weil einzelne Maenner Gewalt ausueben. Sie werden auch in Strukturen verletzt, die diese Gewalt zu spaet erkennen, zu oft entschuldigen, zu selten verhindern und nachtraeglich noch immer erklaeren, relativieren oder verschieben."
Was fuer ein Buch. Wow. Unglaublich aufwuehlend.
Beim Lesen des Buches hatte ich immer die Stimmen der beiden im Kopf, als wuerde ich gerade ihr Podcast-Skript lesen. Ich habe dieses Buch wirklich verschlungen, weil es super geschrieben ist (besonderer Dank an die beiden, weil sie fleissig gegendert haben und das fuer mich sehr wichtig ist <3).
Man merkt total, wie viel Arbeit und Liebe Laura und Sarah in dieses Buch gesteckt haben. Es ist grandios recherchiert, Expert*innen wurden zu Rate gezogen und es wurde sogar mit einer Betroffenen gesprochen. Unglaublich wissenswert und vor allem wichtig.
"Jede kann die Naechste" sein ist eine klare Empfehlung!
Wirklich respekt- und liebevoll erzählt. Die Stimmen und Erzählweisen der beiden sind auch im Textformat total durchgekommen. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, dass bei sechs Fällen auch einen Transfemizid aufgearbeitet wird.
Als ich im April hörte, dass die Hosts eines meiner Lieblings-True Crime-Podcasts („Eyes in the Dark“) ein Buch herausbringen würden, war für mich klar: das muss ich lesen! Letzte Woche kam dann endlich dieses wunderschön gestaltete Buch bei mir an und nicht nur das Äußere, sondern vor allem der Inhalt konnten mich vollkommen überzeugen.
Genau wie im Podcast schaffen es die beiden Autorinnen, einfühlsam, eloquent und mit großem Respekt für die Opfer spannende Fälle zu erzählen. Hier liest man wirklich in jeder Zeile, wie wichtig es Laura und Sarah ist, Bewusstsein für das Thema Femizide und die Strukturen zu schaffen, innerhalb derer sie stattfinden. Denn es handelt sich eben *nicht* um Einzelfälle oder „Familiendramen“ sondern um ein Phänomen, das in Ländern auf der ganzen Welt (leider) vorkommt.
Ich halte mich für eine Person, die schon sehr viel über das Thema weiß (gerade durch True Crime-Podcasts), aber selbst ich habe in dem Buch noch neue Denkanstöße bekommen und kannte die geschilderten Fälle vorher nicht.
*SPOILER* Ich fand es auch gut, dass eine der Opfer überlebt hat, das gab bei aller Tragik doch etwas Hoffnung. *SPOILER*
Als Fazit will ich noch 2 Zitate aus dem Buch nennen, die für mich das Ganze sehr eindrucksvoll zusammenfassen.
„Die Frage ist nicht mehr, was Frauen tun müssen. Die Frage ist, was Männer verändern müssen.“
und der Schlusssatz:
„[…]jede kann die nächste sein. Und genau das sollte eines Tages nur noch ein Satz in diesem Buch sein - nicht mehr unsere Realität.“
Eine ganz klare Leseempfehlung nicht nur für True Crime-Fans, sondern auch für die, die bis jetzt Vorurteile gegenüber dem Genre hatten, und natürlich für alle Menschen, die sich für Feminismus und gesellschaftliche Veränderungen interessieren/engagieren!
Eyes in the Dark ist seit Jahren mein Stamm True Crime Podcast. Als die beiden vor ein paar Monaten ihr neues Buch angekündigt haben, stand fest das ich es definitiv lesen werde, auch wenn ich da ich schon dachte dass das vermutlich alles andere als ein entspanntes Buch für nebenbei sein wird.
Es ist harter Tobak über den hier geschrieben wird. Sehr hart. Aber es muss darüber gesprochen werden, denn wenn wir es nicht tun, wird sich auch nichts ändern. Und der erste Schritt zur Veränderung beginnt mit Sprache.
Und so schockiert wie ich manchmal beim lesen war, hat mich einfach nichts, wirklich gar nichts an diesen sechs Geschichten gewundert oder überrascht, eher im Gegenteil. Wir befinden uns zwar im 21. Jahrhundert, aber führen uns hinsichtlich Gewalt gegenüber Frauen immer noch so auf als wären wir im Mittelalter stecken geblieben. Und dass das ein System ist, das nicht nur hier bei uns in Deutschland sehr präsent ist, sondern sich durch die ganze Welt zieht, wird hier sehr gut aufzeigt.
Mein persönliches Fazit dazu: Wir sind alle nicht einmal im entferntesten wütend genug.
„Jede kann die Nächste sein“ von Laura Regenauer und Sarah Fischer hat mich wirklich gepackt. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen und fand es besonders erschreckend, wie deutlich die einzelnen Fälle zeigen, dass Femizide kein isoliertes Problem sind, sondern Teil eines viel größeren gesellschaftlichen Systems.
Besonders gut gefallen hat mir, dass das Buch Fälle aus sechs verschiedenen Kontinenten beleuchtet und damit zeigt, wie weit verbreitet dieses Problem ist. Es regt zum Nachdenken an und macht deutlich, wie wichtig es ist, hinzusehen und darüber zu sprechen.
An manchen Stellen haben sich Informationen etwas wiederholt und mir sind auch kleinere Rechtschreibfehler aufgefallen. Das hat meinen Lesefluss aber nicht wesentlich beeinträchtigt. Trotz dieser kleinen Kritikpunkte finde ich das Buch für das Debüt der beiden Autorinnen wirklich gelungen.
Ein wichtiges, aufrüttelndes Buch, das mich beschäftigt hat und das ich gerne weiterempfehle.