‚Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte‘ ist in dem Reclam-Bändchen die erste Erzählung Schillers. Bereits der Einstig des Textes ist packend und verspricht eine überaus schön geschriebene Erzählung: „In der ganzen Geschichte der Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen. Bei jedem großen Verbrechen war eine verhältnismäßig große Kraft in Bewegung“ (S. 5).
In dem Text ist diese große Kraft, die dem Verbrechen des Protagonisten zugrunde liegt, die verlorene Ehre – wie der Titel es vorwegnimmt. Die Tat an sich ist meiner Ansicht nach etwas Unverzeihliches, jedoch muss ich gestehen, dass ich gegen Ende des Textes Sympathie für den Verbrecher erlangt habe, da er eine Wandlung durchläuft, die ihn in ein gutes Licht rückt – „Das verstummte Gewissen gewann zugleich seine Sprache wieder, und die schlafende Natter der Reue wachte bei diesem allgemeinen Sturm seines Busens auf“ (S. 26). Dennoch bleibt die Frage offen, ob man eine schlimme Tat vergeben kann, sobald der Täter es vollbringt, seine Schuld einzugestehen und sich „mit Tränen die Vergangenheit zurück[wünscht]“ (S. 27).
‚Eine großmütige Handlung. Aus der neuen Geschichte‘ ist eine rührende und zugleich eine tragische Geschichte über zwei Brüder, die die selbe Frau lieben; die brüderliche Liebe ist den beiden jedoch wichtiger. Ein imponierendes Zitat möchte ich an dieser Stelle, auch wenn es zu meinem Geschriebenen wenig zu tun hat, anführen: „Wir schweben hier gleichsam um die zwei äußersten Enden der Moralität, Engel und Teufel, und die Mitte – den Menschen – lassen wir liegen“ (S. 34).
‚Der Spaziergang unter der Linde’ hat mir noch ein wenig mehr zu Denken gegeben als die vorangehenden Erzählungen, welche ich wohlgemerkt dennoch überragend fand. Jener Text thematisiert zwei männliche Figuren, die verschiedener nicht sein könnten: „Edwin, der glückliche, umfasste die Welt mit frohherziger Wärme, die der trübere Wollmar in die Trauerfarbe seines Missgeschicks kleidete“ ( S. 38). Im Kern des Textes steht die Unterhaltung der beiden, die sowohl die pessimistische Weltansicht Wollmars als auch die optimistische Ansicht Edwins beleuchtet. Die Gesprächspartner bedienen sich einer metaphorischen Sprache, um ihre Empfindungen zu präzisieren.
An dieser Stelle muss zumindest ein Teil der Unterhaltung herangeführt werden: „Edwin. Und soll ich darum das Veilchen unter die Füße treten, weil ich die Rose nicht erlangen kann? Oder soll ich diesen Maitag verlieren, weil ein Gewitter ihn verfinstern kann? Ich schöpfe Heiterkeit unter der wolkenlosen Bläue, die mir hernach seine stürmische Langweile verkürzt. Soll ich die Blume nicht brechen, weil sie morgen nicht mehr riechen wird? Ich werfe sie weg, wenn sie welk ist, und pflücke ihre junge Schwester, die schon reizend aus der Knospe bricht. — — / Wollmar. Umsonst! Vergebens. Wohin nur ein Samenkorn des Vergnügens fiel, sprossen schon tausend Keime des Jammers. Wo nur eine Träne der Freude liegt, liegen tausend Tränen der Verzweiflung begraben […]. Es ist ein betrügliches Lotto, die wenigen armseligen Treffer verschwinden unter den zahllosen Nieten. Jeder Tropfen Zeit ist eine Sterbeminute der Freuden, jeder wehende Staub der Leichenstein einer begrabenen Wonne […]. Auf jedem Atomen les ich die trostlose Aufschrift: Vergangen! / Edwin. Und warum nicht: Gewesen? […] Wollmar, an dieser Linde küsste mich meine Juliette zum ersten Mal. / Wollmar (heftig davongehend). Junger Mensch! Unter dieser Linde hab ich meine Laura verloren“ (S. 43 f.).
Unter Umständen ist meine Faszination für die dritte Erzählung des Bandes, der Grund, dass ich die zwei letzen Texte Schillers aus dem Reclam-Büchlein zwar überaus schön geschrieben und interessant fand, sie jedoch nicht so große Begeisterung in mir geweckt haben wie jene Erzählung, weshalb ich es bei diesen Worten belasse und die Werke – Stand jetzt – nicht näher beleuchten werde.