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Lass mich die Nacht überleben

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In den Neunziger konnte man seinen Namen in renommierten Zeitungen und Magazinen lesen. Jörg Böcken schrieb für die Zeit, für den Spiegel, für die Woche, für Tempo und jetzt. Dass sein Leben durch eine ganze andere Seite maßgeblich bestimmt wurde, blieb verborgen, bis er selbst in seinem Buch über seine Drogenabhängigkeit berichtete. Sein Doppelleben als Journalist und Junkie ist jetzt als Hörbuch erschienen. Das Protokoll der Sucht, gewidmet den Eltern des Autors, liest Alexander Scheer.

Mit 15 Jahren fängt er mit Haschisch und LSD an. Am Anfang ist es die klassische Karriere. Der Versuch, der Langeweile und Spießigkeit zu entrinnen. Der Hunger nach Anderssein und einem Leben voller Abenteuer, Freiheit, Rausch und intensivem Lebensgefühl. Jörg Böckem aber geht seinen Weg radikal weiter: Bereits mit 19 Jahren, kurz vor seinem Abitur, sitzt er wegen Heroin in einem Amsterdamer Gefängnis.

Alexander Scheer wurde vom Autor als passende Stimme für diesen Höllentrip ausgewählt. Der Schauspieler, vor allem durch die Hauptrolle in Leander Haussmanns Sonnenallee (1999) bekannt, arbeitet für Film, Fernsehen, aber auch als Bühnendarsteller. Mit seiner gehetzt und zugleich zynisch-arrogant klingenden Stimme hat er eine stimmige Tonlage für den Sucht-Report gefunden. Immer wieder kehrende Versuche, an irgendeinem Strand zu entgiften, die regelmäßigen Rückfälle, die totale Abhängigkeit, die ihn dazu bringt, seine Mutter anzuflehen, ihm die Spritze zu setzen, das fast Erwürgen seiner Freundin in der Kokainüberdosis -- die Stationen dieses ewig sich hinziehenden Elends klingen bei Scheer authentisch. Der Sprecher vermittelt in seiner ,lakonischen' Lesung die Dominanz der Droge, das fatale Umkehren vom Paradies in die Hölle. Er lässt fühlen, dass es neben Heroin nichts gibt, was wirklich zählt. Solange man es hat, kann man alles schaffen, lässt die Wirkung nach, zählt nichts anderes mehr, als Nachschub zu besorgen. Was die Droge am Anfang versprochen hatte -- ein Gefühl des wohligen Glücks, eingepackt in Watte, dem nichts und niemand etwas anhaben kann --, drehte sich ganz schnell ins Gegenteil um. „Junk schmeckte mal nach Freiheit und Abenteuer“, das war lange her, jetzt dominierte das Gefühl, ein gehetztes Tier zu sein. Wie allumfassend die Sucht das Leben strukturiert, weil sie keinen Raum für Zweifel, für Entscheidungen lässt, die Abhängigkeit, die Demütigungen, das Verschwinden von Wünschen und Plänen, Alexander Scheers Lesung gibt uns eine Ahnung davon.

Drei Therapien, Unmengen an ausgegebenem Geld, Hepatitis C, Lügen, unendliches Leid für die Familie und Freunde, so klingt die Bilanz von zwanzig Jahren des Drogen-Ausgeliefertseins. Wozu das alles gut sein sollte, diese Frage kann Böckem selbst nicht beantworten. Dass es übermenschlich schwer ist, aufzuhören, wird in dem Teil seiner Geschichte mit Daniela nachvollziehbar. Die Sucht lässt keinen Raum für Zärtlichkeit, Vertrauen, Sex. Alles, was in dieser symbiotischen Beziehung zählt, ist die Droge. Sie markiert die Stunden, Tage, Wochen und Monate. Geld verdienen, sich einen Druck setzen und dann apathisch auf der Couch liegen, das ist der Rhythmus des Junk-Daseins. Schier mit allerletzter Kraft schaffte der Autor immer wieder seine Jobs. Denn die Angst, keine Aufträge und damit kein Geld für die teure Droge mehr zu haben, war übergroß.

Fazit: Überzeugend gibt Alexander Scheer die mitleidlose, coole Diktion von Böckems ungeschminkten ,Lebensbericht' wider.

Gekürzte Lesung mit Musik, Spieldauer: ca. 358 Minuten, 5 CDs. -- culture.text

231 pages, Hardcover

First published March 31, 2004

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About the author

Jörg Böckem

8 books2 followers

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Displaying 1 - 13 of 13 reviews
Profile Image for Meike.
Author 1 book5,393 followers
February 22, 2020
Wer denkt, der klassische 9-to-5 Job sei eine höllengleiche Einöde aus Routine und Wiederholung, der sollte tunlichst davon absehen, heroinsüchtig zu werden, denn das bedeutet, komplett fremdbestimmt zu leben, und zwar 24/7, 365 Tage im Jahr. Dies zeigt auch Böckems Memoir, das – klassische Junkie-Geschichte – illustriert, dass die Drogen natürlich erst Mal halten, was sie versprechen (sonst würde sie ja keiner nehmen), dem Süchtigen dann aber alles nehmen. Entsprechend ist der Text in seiner Haltlosigkeit vor allem eins: Trist. Bezeichnenderweise bleiben die Charaktere, außer dem Autor selbst, meist farblos und austauschbar, und selbst die aufregendsten Erlebnisse (Böckem arbeitete beispielsweise mit Christian Kracht beim legendären Magazin „Tempo“) sind nicht mehr als Stationen. Nur das Heroin und die eigenen körperlichen Empfindungen sind lebendig und plastisch, was in der Logik der Geschichte natürlich Sinn macht und den Protagonisten permanent einsam erscheinen lässt.

Böckems Drogenkarriere dauerte rund zwei Jahrzehnte. Wie er es als Schwerstabhängiger mit komplett zerstörten Venen, infiziert mit Hepatitis C und unter permanentem Suchtdruck geschafft hat, in seinem Job bei Spiegel & Co weiterhin zu funktionieren, bleibt dem geneigten Leser (und wahrscheinlich auch dem Autor selbst) ein absolutes Rätsel. Dieses Buch hat sicher nichts Neues zum Thema Heroinsucht zu sagen, aber Böckem ist ein guter Autor und vermag seine recht typische Suchtgeschichte zwischen Iggy Pop-Verehrung und dem x-ten Entzug anschaulich zu schildern.

Das Hörbuch wird übrigens vom hervorragenden Alexander Scheer gelesen.

Profile Image for Christina .
372 reviews41 followers
January 29, 2020
Am liebsten würde ich es gar nicht bewerten, weil es ja ein Erfahrungsbericht ist.
"Solange du mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod hast, wirst du nie aufhören Drogen zu nehmen."
Dieses Buch hat mir die Angst vor Drogen nicht genommen (eher im Gegenteil), aber es hat auf jeden Fall ein Verständnis für die Abhängigen und absolutes Mitgefühl für die Angehörigen und Freunde von Junkies geschaffen.
Ich bin fassungslos darüber, was ein menschlicher Körper doch so alles aushalten kann. Da kommt einem das eigene schlechte Gewissen über das zweite Glas Wein, das dritte Stück Schokolade und das versäumte Workout doch geradezu lächerlich vor.
Profile Image for Lisi.
220 reviews7 followers
November 22, 2025
3,5 - ein schonungsloses Buch, in dem der Autor von seiner Heroin- und Kokainsucht berichtet. Auf seinem Weg liegen zahlreiche Entgiftungen, Rückfälle, Verluste und andere traumatische Ereignisse. Ich fand es sehr gut geschrieben, bildlich, wenn auch heftig, dargestellt und konnte nochmal einiges mitnehmen. Was mich allerdings sehr gestört hat war die herablassende, unreflektierte und objektifizierende Art, wie der Autor das ganze Buch lang über Frauen spricht. Ich als Frau habe mich teilweise richtig eklig gefühlt, weil ich das Gefühl hatte, für den Autor seien seine Frauen wirklich oft nur ein Mittel zum Zweck, nämlich zum Sex. Das mag dem Konsum geschuldet sein, aber da der Autor das Buch ja nunmal nüchtern verfasst hat, hätte ich mir eine bessere Einordnung gewünscht.
Profile Image for Ivana.
165 reviews5 followers
November 2, 2017
Mogla bih napisati da je cijeli roman mračan, ali više nego mračan meni je osobno bilo zamorno čitati sve peripetije koje prolazi jedan narkoman. Zanimljivo mi je bilo čitati kako je kao ovisnik funkiconirao u veoma zahtjevnoj profesiji kao što je novinarstvo. Jest da se bavio sporovoznim temama iz kulture, ali opet i za to je, naročito u zadacima koje je opisivao, potrebno uložiti određeni mentalni napor pa mi je bilo čudno kako uz svu opterećnost koju ima zbog ovisnosti, još uspjeva odlaziti na zahtjevne terene i pisati tekstove
Profile Image for cosima.
4 reviews
March 5, 2025
das buch ist so unfassbar ehrlich geschrieben, dass man das gefühl hat, böckem erzählt einem persönlich seine geschichte.
Profile Image for Svenja Grabowski.
31 reviews
March 23, 2026
Was mich am meisten gepackt hat, war die schonungslose und sehr authentische Erzählweise von Jörg. Nichts wird beschönigt, und man bekommt eine realistische Vorstellung davon, wie die Heroin-Szene damals funktioniert hat, inklusive des fast schon „coolen“ Rockstar-Images, das damit verbunden war. Besonders interessant fand ich auch, dass seine Sucht nicht aus einem klassischen Kindheitstrauma heraus entstand, sondern eher aus der Suche nach dem Kick. Das wirkt ungewohnt und dadurch umso ehrlicher.

Gleichzeitig hatte das Buch für mich auch Schwächen. Die vielen Musik-Anekdoten wirkten teilweise sehr spezifisch und zogen sich in die Länge. Für Leser, die diese Zeit nicht selbst erlebt haben, können diese Passagen eher langweilig sein. Auch die zahlreichen Nebenfiguren machten es stellenweise schwer, den Überblick zu behalten. Und obwohl die vielen Versuche aufzuhören natürlich realistisch sind, hatte ich beim Lesen öfter den Gedanken: „Was macht er denn jetzt schon wieder?“

Trotzdem hat mich das Buch beschäftigt, vor allem, weil die Thematik für mich persönlich nah ist. Ich fand es beeindruckend, wie offen der Autor auch am Ende zugibt, dass es „nur“ drei Jahre waren und die Sucht ihn weiterhin begleitet. Diese Ehrlichkeit, auch gegenüber Freunden und Arbeitgebern, hat das Buch für mich getragen.

Ich würde es nicht uneingeschränkt empfehlen, aber definitiv Menschen, die selbst mit Suchtverhalten in der Familie oder im eigenen Umfeld konfrontiert waren oder verstehen möchten, wie solche Dynamiken entstehen. Für sie kann dieses Buch sehr wertvoll sein.
Profile Image for Mariam.
1 review
November 23, 2024
Wirklich sehr bewegend und fassend, zeigt die Realität und die Ich Perspektive lässt den Lesee die Gedankenzüge eines Suchterkrankten nachvollziehen
11 reviews
March 19, 2026
Hab zuerst das Interview auf YouTube gesehen, das hat mich gefesselt, sodass ich das Buch gelesen habe. Bewegende Geschichte, unvorstellbar dass es dem wahren Leben entsprungen ist.
Profile Image for Jules.
27 reviews3 followers
August 3, 2009
Das war doch ganz schön krass. Trainspotting im realen Leben, sozusagen. Teilweise echt erschreckend aber dann und wann auch faszinierend, auf eine kranke Art und Weise.
Meine Mutter hatte mir das Buch empfohlen und das zurecht. Ich habe es an einem Tag durchgelesen und danach braucht man erst einmal ein paar Minuten, um sich wieder zu sammeln. Es regt definitiv zum Nachdenken an.
Profile Image for Hanna.
666 reviews91 followers
February 11, 2021
Auch wenn ich Alexander Scheers Stimme zum Teil nur schwer erträglich fand, so hat mich dieses Hörbuch sehr in seinen Bann gezogen. Mit tiefster Ehrlichkeit und viel Gespür für Spannungsaufbau erzählt Böckem hier seine autobiografische Geschichte der Drogenabhängigkeit und wie er es dennoch geschafft hat, sich eine funktionierende Karriere als Journalist aufzubauen.
Profile Image for Michaela.
5 reviews
November 9, 2015
Schonungslos, ehrlich, lesenswert! Jörg Böckem gibt uns einen Einblick in die Drogenszene. Dabei verschönert er nichts, gibt aber auch nicht den Oberlehrer.
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