Eine seltsame, schöne Geschichte erzählt Frau Dart-Thornton mit diesem ihrem Erstlingswerk. Ich habe das Buch vor einigen Jahren von einer guten Freundin geschenkt bekommen. Zunächst war ich verwirrt von der Welt, in die mich dieses Buch geworfen hat, und der ungewöhnlichen Storyline, der ich folgen sollte, aber ich entschied sehr rasch, dass mir gefiel, was ich da in den Händen hielt.
Anfangs wissen wir nichts über unsere Protagonistin - sie hat keinen Namen, kann nicht sprechen, wir kennen nicht einmal ihr Geschlecht. Sie wird konsequent nur als "der Findling" bezeichnet. Alles, was wir über sie wissen, ist, dass ihr Gesicht schrecklich entstellt ist, was, wie ich finde, im Fantasygenre durchaus etwas Neues ist. Da sind die Protagonisten meistens wunderschön, wenn sie zerzaust oder schmuddelig sind, sehen sie doch noch auf eine raue Weise gut aus, und wenn sie einen Makel oder eine Narbe haben, unterstreicht das für gewöhnlich ihre große Schönheit noch. Der Leser folgt dieser namen- aber keineswegs charakterlosen Protagonistin zunächst durch die Gemäuer der Burg Isse und stellt dabei rasch fest, dass sie ein aufmerksamer Beobachter ihrer Umwelt ist, dass sie Neugierde und Courage besitzt.
Dass sie kein Gedächtnis hat, hilft dem Leser, durch ihre Augen die fremdartige, aber sehr malerische Welt kennen zu lernen, die er in diesem Buch vorliegen hat. Ich habe selten in einer Fantasy eine so von der unsrigen losgelöste Welt gesehen, die dennoch nicht unplausibel oder übermäßig auf exotisch oder märchenhaft geschnitten aussieht. Etwa die Geisterstürme oder die Windschiffe sind großartige Erfindungen seitens der Autorin, wunderbar in diese Welt eingearbeitet, im Zusammenhang stimmig erklärt, ohne dass sie so stolz auf sich gewesen wäre, dass sie es alle paar Sätze hätte erwähnen müssen - ein typischer Makel vieler Fantasyautoren ;)
Die Welt als solche, Erith genannt, beruht auf der keltischen Mythologie, ohne zu märchenhaft-unrealistisch anzumuten, im Gegenteil erscheint sie manchmal geradezu grotesk, wodurch sie der mythologischen Vorlage mit ihren skurrilen, ganz und gar nicht immer lustigen Charakteren und Geschehnissen ja durchaus gerecht wird. Frau Dart-Thornton hat wunderbare Arbeit bei der Recherche geleistet, auch hierbei wieder, ohne damit schriftstellerisch durch das Buch zu stolzieren und es dem Leser unter die Nase zu binden. Sie macht subtil klar, dass die keltische Mythologie mehr zu bieten hat als Seelies, Banshees und Leprechauns, ohne dass die Geschichte oder Element davon unter der Last von Erklärungen erdrückt würden oder wie bloße Nacherzählungen anmuten. Eine Randnotiz hier und dort, das war's, und es ist so geschickt untergebracht, dass es auch nicht mehr braucht.
Weiterhin wird das Verständnis Eriths, der seltsamen Welt, in der man sich als Leser wiederfindet, dadurch verstärkt, dass jedes Kapitel mit einem Lied, Gedicht oder Sprichwort der Leute aus besagter Welt eingeläutet wird. Ich habe das Buch nicht auf englisch gelesen, sodass ich es nicht wirklich beurteilen kann, aber es sieht ganz danach aus, als läge hier eine geschickte Übersetzung vor ;) Gedichte zu übersetzen ist ja immer so eine Sache, ich räume ein, dass es wohl nicht ganz leicht ist, aber in viel zu viele Fällen geht es schrecklichst schief. Elemente der Geschichte wie die Geisterstürme und die Metallnetze zum Schutz vor diesen haben mich zunächst verwirrt, weil sie nicht wirklich erklärt worden sind, aber es blieb nie aus, dass ich irgendwann erleuchtet rief: "Ach so!" Die Darstellung von in Gestensprache ausgedrückten Sätzen in den ungewöhnlichen Klammern finde ich interessant, die kleine Darstellung des Windschiffs am Anfang jedes Kapitels ist sehr niedlich. Auch die Schriftart untermalt die seltsame Stimmung Eriths noch, was vom Verlag ein interessanter Zug ist und auch das zwar hübsche, aber nichtssagende und unpassende Cover ausgleicht.
Die Charaktere waren allesamt sympathisch. Unsere Protagonistin, die später den Namen Imrhien erhält, ist, wie bereits erwähnt, ein ungewöhnlicher Held, den man so im Genre Fantasy nicht alle Tage sieht, sie ist mögenswert, aufmerksam und zäh. Man kann ihre Emotionen und ihre Unsicherheit durch ihr entstelltes Gesicht und ihre anfangs nicht vorhandene und auch später nur sehr eingeschränkt ausgebildete Fähigkeit zur Kommunikation gut nachvollziehen. Ich hatte nie den Wunsch, ihr in den Hintern zu treten und zu sagen: "Hör auf zu jammern!", "Stell dich nicht so blöd an!" oder "Wenn du die Nase noch höher hältst, stößt du sie dir am Mond!", wie das leider bei viel zu vielen Protagonisten im Genre der Fall ist.
Auch weniger "wichtige" Charaktere wie Diarmid oder Ethlinn sind sympathisch, gut ausgearbeitet und haben ihre eigenen Wünsche und Nöte, ohne dass diese hinter Imrhiens zurück stünden, nur weil sie die Hauptperson ist. Beim frühen und unerwarteten Tod eines Nebencharakters fühlt man mit, er ist emotional, aber nicht kitschig beschrieben. Überhaupt ist es schön von der Autorin, dass sie ihre Charaktere auch loslassen kann, ohne sie hinterher wiederbeleben zu lassen oder so einen Humbug.
Thorn ist... ein interessanter Charakter. Er strahlte auf mich unmittelbar eine seltsame Faszination aus, obwohl ich nicht der Typ dazu bin, auf das Männchen in der Geschichte abzufahren, nur weil man als Leser spürt oder wenigstens ahnt, dass es irgendwann die andere Hälfte der Protagonistin sein wird. In diesem Fall allerdings merkt man, was ihn für Imrhien so besonders macht, was er auf sie ausübt. Die beiden machen sich schließlich gemeinsam auf die Reise, um eine Heilung für Imrhiens schreckliche Narben zu finden, und, hey - bahnt sich da eine glaubhafte Fantasyromanze an, bei der mich wirklich interessiert, was daraus wird ;)?
Das Erzähltempo ist rasch, aber nicht überhastet. Gleichzeitig wird nicht an deskriptiven Einwürfen gespart, die einem die Erith näher bringen und es noch plastischer und wirklicher aussehen lassen. Dennoch ist "Im Bann der Sturmreiter" wohl eher ein "Frauenroman". Obwohl die Sprache nicht ins Kitschige, die Prosa nicht ins Rosa abgleitet, ist die Darstellung der Welt, obschon diese an sich realistisch wirkt, recht romantisch, auf die sich anbahnende Beziehung zwischen Imrhien und Thorn wird deutlich ein erhöhter Wert gelegt und auch all die Feengestalten und die fliegenden Pferde, die sich durch diese oft grausame, bizarre Welt ziehen, sprechen vermutlich eher weibliche Herzen an. Wer sich daran nicht stört, dem kann ich den ersten Teil dieser interessanten und ungewöhnlichen Trilogie nur ans Herz legen.