Lügen mögen kurze Beine haben, können damit aber gleichwohl kräftige Sprünge tun
Was mir anfangs auch nicht klar war, den Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen hat es sogar wirklich gegeben, und zwar lebte er von 1720 bis 1792. Nachdem er am Russisch-Österreichischen Türkenkrieg teilgenommen hatte – hierin lag wohl eine Quelle seiner abenteuerlichen Geschichten –, mußte er jedoch aufgrund innenpolitischer Verwerfungen am russischen Hofe erkennen, daß ihm dort keine weitere Karriere offenstand, und so kehrte er ins heimatliche Bodenwerder zurück, um dort ein gemütliches Leben zu führen, das unter anderem darin bestand, daß er seine Gäste mit allerlei Schnurren unterhielt.
Einige dieser Abenteuer sind wohl auch jedem bekannt, der niemals einen Blick in Gottfried August Bürgers Bearbeitung dieser Geschichten getan hat – wie etwa der berühmt-berüchtigte Ritt auf der Kanonenkugel, dem man ebenso wohl Hans Albers zuschreiben mag, das Pferd, das durch ein herabfallendes Gitter geteilt wird und trotzdem weiter seinen Dienst tut, oder – mein persönlicher Favorit – das Horn des Postillons, aus dem sich beim Aufenthalt in der Schenke nach und nach die langsam auftauenden Töne entfalten, nachdem sie zuvor ob der klirrenden Kälte darin festgefroren waren. Mit solchen Schnurrpfeifereien ist es freilich eine Sache: Als äße man gebrannte Mandeln, kann man anfangs nicht genug von ihnen bekommen, was wohl nicht nur an ihrem Geschmack liegt, sondern auch an den ihnen anhängenden Assoziationen. So wie gebrannte Mandeln und Weihnachten untrennbar sind, so sind es die Abenteuer des Lügenbarons und – jedenfalls noch in meiner Generation – die Erinnerung an die Kindheit. Gleichwohl, eine ganze Tüte gebrannter Mandeln zu verdrücken, mit einem Male und ohne dazu etwas zur Verdünnung zu trinken, ist schon eine Leistung, und ähnlich verhält es sich auch mit Bürgers Sammlung der Münchhausen’schen Abenteuer. Da sie eigentlich eher eine mehr oder minder willkürliche Aneinanderreihung skurriler Anekdoten ohne eine verbindende Handlung sind, da Schauplätze und Figuren in rascher Folge wechseln und kaum je ausführlicher dargestellt werden und da man außerdem einige Motive schon aus anderen Zusammenhängen kennt – ich denke nur an die illustre Dienerschar, die der Baron um sich sammelt und die eine Anleihe aus dem Volksmärchen Sechse kommen durch die ganze Welt sind, und mindestens zweimal (man verliert leicht den Überblick) wird der Baron von einem riesigen Fisch verschluckt –, empfiehlt es sich eigentlich, nicht mehr als zwei Kapitel am Stück zu lesen, da einem das Gebotene ansonsten ein wenig fad werden kann. Dies wäre freilich schade, denn an sich eignet den meisten der Einfälle auch ein gewisser Charme, wenngleich des Barons Manie, jegliches Getier, das ihm begegnet, ohne Not mit der Flinte niederstrecken zu müssen, zumindest auf mich auf die Dauer befremdlich wirkte.
Der Freiherr von Münchhausen selbst allerdings hatte kein großes Vergnügen daran, als sein Name plötzlich über die Grenzen seines eigenen Bekanntenkreises hinaus mit den von ihm ersonnenen tall tales in Verbindung gebracht und er gar als „Lügenbaron“ bekannt wurde, sagte er sich doch, daß er auf diese Weise Gefahr laufe, zu einer öffentlichen Witzfigur zu werden. „Schuld“ an der Verbreitung dieser Geschichten – und wahrscheinlich auch daran, daß wir sie heute noch kennen – war der Museumsdirektor Rudolf Erich Raspe, ein gelegentlicher Tischgast des Freiherrn. Als Raspe sich gezwungen sah, nach England zu flüchten – er war eines kapitalen Diebstahls überführt worden –, veröffentlichte er, um sich auf der schöneren Seite des Ärmelkanals seinen Lebensunterhalt zu verdienen, die Abenteuer seines einstigen Gastgebers und landete damit einen vollen Erfolg. Er bediente sich dabei zwar zweier literarischer Vorlagen, doch fügte er eine Vielzahl weiterer Abenteuer – ob ihnen allen Erzählungen des Freiherrn zugrunde lagen, ist ungewiß – hinzu und durfte erleben, daß sein Buch mehrmals wieder aufgelegt wurde. 1786 veröffentlichte dann Gottfried August Bürger die hier vorgestellte Sammlung der Münchhausen-Abenteuer, wobei er teils Raspes englische Vorlage übersetzte, zum Teil aber auch eigene Zusätze machte. Dem Freiherrn waren also letztlich seine eigenen Lügen über den Kopf gewachsen, indem sie einmal über den Ärmelkanal und dann wieder zurück sprangen.