In einer finsteren, dunstgeschwängerten Nacht tobte entlang der ganzen Ochotskischen Seeküste, an der ganzen Front von Land und Meer, der uralte, unbändige Kampf der zwei Elemente - das Festland trotzte dem Druck des Meeres, das Meer berannte unermüdlich das Land. (S. 5)
Diese stürmische Nacht verbringt Kirisk schlaflos, denn am darauffolgenden Tag soll er zum ersten Mal zur Robbenjagd mitkommen: Ein wichtiger Tag für ihn und die gesamte “Sippe der Fischfrau”, soll deren Fortbestehen doch auch in Zukunft durch die erbeutete Nahrung ihrer geübten Jäger gesichert sein. Doch die Robbenjagd ist kein leichtes Unterfangen. Kirisk wird am nächsten Morgen von Organ, dem Dorfältesten, dem Vater Emraijin und dessen Vetter Mylgun in diese Kunst eingeweiht werden. Als sie mit ihrem Kajak bereits weit auf dem Meer sind und die heimatliche Bucht lange außer Sichtweite, bekommen sie allerdings die Macht des Meeres zu spüren und ein Überlebenskampf beginnt.
Der kirgisische Autor Tschingis Aitmatow wirft uns in dieser 160 Seiten kurzen Erzählung direkt in die Urgewalten an der Ostküste Russlands und die Lebenswelt der indigenen Niwchen. Er zeichnet ein Bild der Koexistenz von Mensch und Natur, die sich mal friedvoll und segensreich, mal gewalttätig und grausam gestaltet. Aitmatow gelingt es, die tiefe Verbundenheit der drei Männer und des Jungen zum Meer richtiggehend fühlbar zu machen, aber auch deren Ausgeliefertheit ob der Übermächtigkeit der Natur. Die Protagonisten haben ein tragisches Los und stehen vor Konflikten, die sie innerlich zerreißen. Ich war absolut gefesselt vom spannenden Plot, aber auch von den zutiefst menschlichen Konflikten, die Aitmatow meisterhaft beschreibt, und der immer wieder durchscheinenden Liebe. Der Liebe zur eigenen Sippe, zur Familie und zum Meer.
Natürlich sticht der Verweis auf Hemingways “Der alte Mann und das Meer” sofort ins Auge und im direkten Vergleich gibt es sicher zahlreiche Aspekte, die mir bisher nicht auffielen. Nur so viel: Das Motiv der Bewährung und des Ausharrens ist in beiden Erzählungen vordergründig. Während bei Hemingway religiöse Anspielungen ausgemacht werden können, ist es nur folgerichtig, dass es beim indigenen Volk der Niwchen die Natur ist, die sich gottgleich erhebt und den Menschen auf die Probe stellt. Mit leichtem Augenzwinkern verdeutlicht Aitmatow, dass der christliche Gott für dieses abgelegen lebende Volk keine Bedeutung hat: So ein Langer, Rothaariger von [den Kaufleuten] sagte damals, in einem fernen Land habe einmal ein großer Mann gelebt, der sei zu Fuß übers Meer gegangen. Die Niwchen haben ihre eigenen Geschichten und Traditionen, ihren eigenen Entstehungsmythos, ihre eigene Schöpferin.
Mich hat Aitmatow mit diesem Buch restlos überzeugt, mehr von ihm lesen zu wollen. Ein grandioser Text mit so viel Tiefe, dass ich sicher gedanklich noch einige Zeit daran zu knabbern habe.