Die Essays der weltberühmten Philosophin haben nachhaltig das politische Denken in Europa und den USA bestimmt. Der vorliegende Band enthält unter dem Titel »Die Lüge in der Politik« eine kritische Analyse der berühmt-berüchtigten Pentagon-Papers, die 1971 in den USA veröffentlicht worden sind, sowie den umfangreichen grundsätzlichen Essay über »Wahrheit und Politik«.
Hannah Arendt (1906 – 1975) was one of the most influential political philosophers of the twentieth century. Born into a German-Jewish family, she was forced to leave Germany in 1933 and lived in Paris for the next eight years, working for a number of Jewish refugee organisations. In 1941 she immigrated to the United States and soon became part of a lively intellectual circle in New York. She held a number of academic positions at various American universities until her death in 1975. She is best known for two works that had a major impact both within and outside the academic community. The first, The Origins of Totalitarianism, published in 1951, was a study of the Nazi and Stalinist regimes that generated a wide-ranging debate on the nature and historical antecedents of the totalitarian phenomenon. The second, The Human Condition, published in 1958, was an original philosophical study that investigated the fundamental categories of the vita activa (labor, work, action). In addition to these two important works, Arendt published a number of influential essays on topics such as the nature of revolution, freedom, authority, tradition and the modern age. At the time of her death in 1975, she had completed the first two volumes of her last major philosophical work, The Life of the Mind, which examined the three fundamental faculties of the vita contemplativa (thinking, willing, judging).
Der Band umfasst zwei Essays. Der erste, „Die Lüge in der Politik“ von 1971, befasst sich mit einem damals tagesaktuellen Ereignis, der Veröffentlichung der Pentagon-Papers, aus denen seinerzeit für die Weltöffentlichkeit sichtbar wurde, dass die amerikanische Regierung in Bezug auf die Kriegsziele in Vietnam über Jahre gelogen hatte. Hier wird viel auf die konkreten Zusammenhänge des Falls referiert, die mir allerdings nicht geläufig genug sind, um den Aufsatz mit sehr viel Gewinn zu lesen. Viele der hier nur angerissenen grundsätzlichen Gedanken finden sich sehr viel elaborierter im zweiten Text „Wahrheit und Politik“ von 1967. Um das Verhältnis zwischen diesen Faktoren zu klären, unterscheidet Arendt zunächst zwischen „Vernunftwahrheiten“, dazu gehören etwa philosophische Axiome und moralische Gesetzmäßigkeiten, und „Tatsachenwahrheiten“, wissenschaftlich beweisbaren Fakten. Es mag kontraintuitiv erscheinen, aber letztere erachtet sie als für Lüge und Manipulation anfälliger, weil sie sich nicht immer, wie die Vernunftwahrheiten, aus logischer Herleitung erschließen, sondern häufig beliebig wirken. Die Lüge dagegen setzt dem zwar ein kohärentes Weltbild entgegen, das aber, eben weil es nicht der Wirklichkeit entspricht, immer unvollständig bleibt. Während der Vernunftwahrheit die Meinung gegenübersteht, ist der Gegensatz zur Tatsache die Lüge; doch indem man die Grenzen zwischen Meinung und Lüge verwischt, stellt man unbestreitbare Tatsachen der Interpretation anheim und versündigt sich damit am Wahrheitsbegriff an sich. Diktatoren und Tyrannen lehnen die Tatsachen ab, wenn sie sich ihrer Kontrolle entziehen. Der Lügner muss dabei auch der Selbsttäuschung zum Opfer fallen, denn überzeugend ist er nur, wenn er seine Lüge auch selbst glaubt. Dazu gehört etwa die feste Überzeugung, nicht in erster Linie zum eigenen Besten, sondern zum Wohle aller zu handeln: Der persönliche Machterhalt ist notwendig, weil Diktatoren der Selbsttäuschung unterliegen, nur sie selbst könnten das Wohl aller gewährleisten. Meinungsfreiheit und nicht zuletzt die Wissenschaftsfreiheit und deren Autonomie bilden das Korrektiv, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, gegen die die Lüge nicht auf Dauer ankommen kann, weil sie gegenüber den Tatsachen immer unzulänglich bleibt. Vieles finde ich überzeugend und auf aktuelle Debatten anwendbar. Allerdings bleibt mir der Begriff der Vernunftwahrheiten etwas zu schwammig. Sie nennt als Beispiel Sokrates' Diktum, es sei besser, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu begehen. Das ist eine moralische Setzung, der man folgen kann oder eben nicht. Wenn man aber anderer Meinung sein kann, was macht dann diese Aussage zu einer allgemein gültigen Wahrheit? Lassen sich dann nicht auch politische Ideologien als Vernunftwahrheiten verkaufen? Ich bin auch gar nicht so sicher, ob sie dieses Konstrukt für ihre Argumentation überhaupt so dringend benötigt, geht es ihr doch eher um die Rolle der Tatsachen in der politischen Debatte.
Das Buch enthält ein kürzeren Essay über die Verstrickungen des Vietnamkrieges und die scheiternden Selektionen und Verfahren, die diesen verhindern hätten können, und einen längeren über Lüge und Politik in aller Allgemeinheit. Arendt bezieht stets einen etwas entfernteren Standpunkt. Sie lässt sich nicht auf Wahrheitsdebatten ein, aber belässt dem Begriff eine Gültigkeit, die eben nicht debattiert werden kann. Hier beschreibt sie Diskussionsprozesse viel ehrlicher als ein Habermas. Wie bei Arendt aber auch üblich, geht sie über die eigenen Untiefen der Setzungen hinweg. Gerade dies aber lässt dieses Buch immer wieder interessant werden. Ich habe es noch nicht völlig dechiffriert.
Ich hab bisschen gebraucht um reinzukommen aber vor allem das zweite essay ist mega spannend und greift auch einige Punkte vorweg die z.B Žižek in sublime object of ideology weiter behandelt
Aktueller denn je - diese Essays sind geprägt von einer brillanten analytischen Klarheit. Wahrheit und Lüge, der Kampf um Meinungen, Tatsachen und politische Deutungshoheit.