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Wintersonnen

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Ivana Jeissing versteht es in ihren Romanen meisterlich, elementare Fragen zu verhandeln, ohne die komischen Momente des Lebens dabei außer Acht zu lassen. Das Finden der eigenen Identität und die damit einhergehende Vorstellung vom Glück, die Illusion der perfekten Familie: Auch in Wintersonnen geht es für Gustava schlicht um alles, doch Jeissing erzählt davon mit hintergründiger Heiterkeit und Leichtigkeit. Als ihre Mutter stirbt, zieht Gustava von Wien nach Berlin, um sich den Gespenstern ihrer Kindheit zu stellen. Da ist die Sehnsucht nach dem Vater, den sie nie kennenlernen durfte und dessen Namen sie nicht kennt. Da ist das Andenken an ihre Mutter, von der sie sich nie angenommen fühlte, und nicht zuletzt quält sie die Frage nach der eigenen Zukunft. Gustava wagt einen Neubeginn und zum Glück steht ihr Donald Gliese zur Seite, ein Mann mit der Statur und dem Gemüt des jungen Peter Ustinov, sowie der sanftmütige Nello, ein älterer und ein wenig aus der Zeit gefallener Herr, der ihr – mehr Blumenfreund als Philanthrop – hilfreich die Hand reicht.

233 pages, Hardcover

First published September 21, 2015

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Profile Image for Torsten.
103 reviews42 followers
April 9, 2021
Gustava, erfolgreiche Wiener Theaterschauspielerin, wird durch die Demenz ihrer Mutter aus der Bahn geworfen, verliert dadurch ihre Theateranstellung und zieht nach deren Tod kurzentschlossen nach Berlin, um ein neues Leben zu beginnen.

Sie macht zwar sehr schnell, mit dem Psychologen Donald Gliese und dem Gärtner Nello auch ganz enge, Bekanntschaften. Leider plätschert die Handlung in Berlin dann nur langsam dahin. Dass sie ihren Vater nie kennengelernt hat und sich von ihrer Mutter immer unverstanden fühlte, macht ihr immer noch zu schaffen. Oftmals ergeht sich sich in Selbstmitleid.

Zum Ende hin nimmt die Story unverhofft noch einmal Fahrt auf, um auf den letzten 30 Seiten alle Handlungsfäden aufzusammeln und (teilweise etwas konstruiert und unglaubwürdig) aufzulösen. Nun könnte man ob der Auflösung eigentlich zufrieden sein, ich war es nur bedingt.

Was bleibt ist ein trotzdem gut lesbares Buch mit einer letargischen Protagonistin, der die Lösungen ihrer Probleme teilweise zufällig in den Schoß fallen, ohne das sie was dafür tun muss. Und die sich trotzdem andauernd unverstanden fühlt.
Profile Image for DieArtderIdaGratias.
37 reviews1 follower
October 10, 2015
Ivana Jeissings Roman “Wintersonnen” erzählt die Geschichte der Mitdreißigerin Gustava, genannt Ava, einer Frau auf der Suche. Als einziges Kind der alleinerziehenden Mimi, die sie nährt und pflegt, die ihr immer irgendwie fremd bleibt, der sie sich nie nah fühlt, projiziert Gustava alle kindlichen Wünschen auf den ihr unbekannten Vater, dessen Identität die Mutter partout nicht preisgeben will. Dieser phantasierte Vater, der für sie um so vieles besser ist als ihre reale Mutter, wird zu einer Obsession, die ihr Leben bestimmt. Als Heranwachsende rächt sich Gustava an ihrer verbissen schweigsamen Mutter, in dem sie den Traum der Mutter, die als Filmvorführerin arbeiten muss, aber viel lieber eine der Darstellerin wäre, zu ihrem macht. Gustava bewirbt sich heimlich an der Schauspielschule, wird Theaterschauspielerin, mit ersten erfolgreichen Aufführungen, mit anerkennendem Applaus und belobigenden Kritiken. Sie fühlt sich wohl, ist glücklich am Theater, der Wunsch nach dem Vater beherrscht nicht mehr ihr Leben.

Da verschiebt sich die Waage der Macht erneut. Ihre Mutter erkrankt an Alzheimer und fordert Gustavas ganze Aufmerksamkeit, kostet sie Energie und irgendwann erkennt sie, dass Mimis Pflege und eine beginnende Schauspielerinnenkarriere mit einer Hauptrolle in Tchechovs Kirschgarten nicht zu vereinbaren ist. Sie gibt ihre gerade begonnenes freies Leben, ihre eigene Wohnung auf, lagert ihre Möbel ein und zieht zurück in ihr Kinderzimmer. Sie bleibt die nächsten Jahre zu Hause bei einer Fremden, die ihr noch fremder wird.

Gustava’s Obsession hat sie wieder im Griff. Ihr wird bewusst, dass sie nicht mehr viel Zeit hat, ihrer Mutter das Geheimnis zu entreißen. Mimis hat mit dieser Krankheit, die ihr alle, auch diese süße, so beharrlich gehütete Erinnerung raubt, einen mächtigen Verbündeten in ihrem Machtpoker gegen ihre Tochter und sie gewinnt.

Nach dem Tod ihrer Mutter nutzt Gustava die Energie, die der Verust freisetzt, für einen Neuanfang in Berlin. Dort sucht sie die Praxis des nikotinsüchtigen, etwas unorthodox agierenden Psychologen Donald Gliese auf, der eigentlich auf jüngere Klienten spezialisiert ist. Dieser stets hungrige Genießer, der der Meinung ist “…dass es für den Zeitpunkt objektiver Vorgänge keine speziellen Zellen im Gehirn gebe, da sich unser Zeitgefühl ausschließlich auf das Maß geistiger Tätigkeiten bezog. Daher gab es für Donald keine logischen Gründe für nächtliche Ernährungspausen, weil sein Gehirn vierundzwanzig Stunden auf Hochtouren arbeitete.”, lebt mit seiner divenhaft agierenden Mutter Charlotte im Grunewald in einer Villa, mit Park und Gärtner Nello. Beide Männer werden schon bald zu ihren engsten Vertrauten und Mentoren ihres Neuanfangs. Glieses weises Credo “Wenn Sie es nicht verstehen können, dann versuchen Sie wenigstens zu verzeihen.” wird zu Avas neuen Mantra und um so mehr sie loslassen kann, um so freier wird sie.

Ich mag den melancholischen Grundton des Buches, das sich aber auch nicht scheut die Komik, die auch der Verzweiflung innewohnt, genüsslich vor seinen Lesern auszubreiten. Ein Unterhaltungsroman mit einer Geschichte, die Mut macht, ohne dabei all zu kitschig zu werden und Nebenhandlungen, die Spaß machen. Jeissig versteht es, die Erzählstränge elegant miteinander zu verflechten. Hinzu kommen die wunderbar gezeichneten Figuren. Romane, in denen sich weibliche Protagonisten über 300 Seiten nach mehr und minder dem selben Schema von ihrer Vergangenheit befreien und zu neuen Ufern aufbrechen, find ich bisweilen etwas anstrengend zu lesen, nicht so Wintersonnen. Ob Avas Sehnsucht, die sie beherrscht, Charlottes Eskapismus, oder Mimis Abschottung, allen bietet ihr Verhalten Schutz. Es wirkt nicht aufgesetzt, sondern zeigt wie diese Frauen mit ihren Verletzungen umgehen. Wobei mein persönlicher Favorit ist Donald Gliese, eine Romanfigur, dessen Weisheit mit Sätzen wie diesen “…und meine Leidenschaft nicht in Sehnsucht gefangen war, sondern mich täglich beflügelte.” jeden angesagtesten Lebensratgeber obsolet macht.
Profile Image for Maria.
653 reviews14 followers
October 18, 2015
Als ihre Mutter stirbt, zieht Gustava von Wien nach Berlin, um sich den Gespenstern ihrer Kindheit zu stellen. Da ist die Sehnsucht nach dem Vater, den sie nie kennenlernen durfte und dessen Namen sie nicht kennt. Da ist das Andenken an ihre Mutter, von der sie sich nie angenommen fühlte, und nicht zuletzt quält sie die Frage nach der eigenen Zukunft. Gustava wagt einen Neubeginn und zum Glück steht ihr Donald Gliese zur Seite, ein Mann mit der Statur und dem Gemüt des jungen Peter Ustinov, sowie der sanftmütige Nello, ein älterer und ein wenig aus der Zeit gefallener Herr, der ihr – mehr Blumenfreund als Philanthrop – hilfreich die Hand reicht.

Der Schreibstil der Autorin Ivana Jeissing liest sich sehr harmonisch, wodurch ein angenehmes Lesegefühl entsteht.
Die Charaktere sind sehr lebensnah und tiefgehend gestaltet, sie haben einen runden Charakter. Hauptfigur Gustava konnte mich mit ihrer melancholischen und trübsinnigen Einstellung jedoch nicht für sich gewinnen. Donald Gliese war mir schon sympathischer, auch Nello habe ich in mein Herz geschlossen. Die Dialoge zwischen den Charakteren haben mir gut gefallen, sie sind tiefsinnig, regen zum Mitdenken an und haben mir ab und an ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
Stellenweise war mir die Handlung etwas zu langatmig, ich hätte mir mehr Fortschritte von Gustava gewünscht, sie tritt doch recht häufig nur auf einer Stelle umher. Zum Ende jedoch, steigt das Erzähltempo rasant, viele Fragen bleiben offen und ich habe mich etwas überrumpelt gefühlt.
Insgesamt ist ‚Wintersonnen‘ ein solides Buch, das stellenweise zum Nachdenken anregt, jedoch hier und da auch kleinere Schwächen hat.
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