Zwei Erzählungen zwischen denen der Roman Die Leute aus dem Walde und der Beginn des Hungerpastors steht, der in Moses Freudenstein/Theophil Stein eine der übelsten jüdischen Gestalten der deutschen Literatur als Gegenspieler des Helden aufbaut. Als Akt persönlicher Hygiene hat Raabe den Roman einige Zeit liegen lassen und die Erzählung um Mädchen aus der Prager Josefsstadt und um den legendären jüdischen Friedhof geschrieben. Wieder in Form einer sentimentalen Rückblende eines alten Arztes, der sich unter dem Eindruck der tragischen Liebesgeschichte vom Bummelstudenten zum Herzspezialisten entwickelt hat. Die Ausgangkonstellation (Flucht vor einem übermächtigen Vormund und als unnütz empfundener Quälerei mit alten Sprachen), weist auf Drei Federn voraus. So sehr man sich auch an der Sentimentalität stören mag, die seinerzeit ein Markenzeichen oder Erfolgsrezept des Autors war, die Komposition dieses Liebesspuks ist sehr gelungen und in Sachen Psychologie ein Riesenfortschritt gegenüber Das letzte Recht, einer Romeo-und-Julia-Geschichte im Stil der Schauerromantik und Walter Scotts. Diese Liebes- und Henkersgeschichte fanden während meiner Uni-Zeit die Angehörigen der unterschiedlichsten Fakultäten als Meisterwerk oder rühmten die Novelle eines der Lektüreerlebnisse schlechthin. War seinerzeit auch beeindruckt, inzwischen fehlt mir wohl die jugendliche Phantasie um den Schauer des leeren Schlosses voller nutzloser Schätze zu evozieren. Der Plot ist trotzdem gut geschürzt, die Stadt Rothenburg findet keinen Henker, um den bisherigen Amtsinhaber hinzurichten, da taucht ein Unbekannter auf, der anstandslos das ehrenrührige Amt übernimmt. Nicht ohne Hintergedanken, wie sich am Ende heraus stellen wird. Der Gegenspieler, der dem neuen Henker früher mal ein Auge ausgeschlagen hat, ist auch vor Ort und als Invalide aus dem spanischen Erbfolgekrieg zurück gekehrt. Junker Jörg wiederum ist verliebt in die Tochter des Erzfeindes seines Vaters, der den verträumten Mann mittels juristischer Finten um Haus und Hof, Schloss und Schätze prozessiert hat. Seitdem sind der Sieger wie der Verlierer gesellschaftlich isoliert und 30 Jahre später präsentiert der Henker die Quittung für die erfolgreichen juristischen Winkelzüge. Eine insgesamt etwas opernhaft inszenierte Novelle, die zwar eine massive Steigerung gegenüber der Schwarzen Galeere darstellt, aber in Sachen innere Handlung wenig zu bieten hat, aber ganz klar die Botschaft rüber bringt: Unrecht erworbenes Gut macht dich und deine Nächsten unglücklich.