Nach Anna Karenina und den ersten frühen Erzählungen Tolstois aus der Militärzeit stehe ich gerade erst am Anfang vor dem Eindringen in das umfangreiche Werk von Leo Tolstoi. In der wesentlich später geschriebenen Anne Karenina fielen aber schon die langen Ausführungen über eine Agrarreform für die russische Landwirtschaft auf, die eine der Hauptpersonen Konstantin Levin, ein Gutsbesitzer und Großbauer, lang und breit ausführt. Was mir eigentlich in dem als Beziehungsdrama erwarteten Roman völlig überraschend in dem Detailreichtum vorkam. Doch da wurde schon klar: Levin ist die Marry Sue Tolstois, sein landwirtschaftliches Ich, der damit hadert, dass der russische Bauer so wenig Veränderungsbereitschaft zeigt.
Die Erzählung "Der Morgen eines Gutsbesitzers" entstand schon 20 Jahre vor Anna Karenina. Doch die Themen, die Levin umtreiben, sind auch die Themen der Hauptfigur Fürst Nechljudow, ein 19jähriger Aristokrat, der sein Studium schmeißt, um seinen Leibeigenen etwas Gutes zu tun, sich um die 700 Personen warmherzig zu kümmern. Doch gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. Nechljudow erwartet von seinen Bauern zu viel an geistiger Flexibilität und Veränderungsbereitschaft. Zu tief ist auch deren Misstrauen gegen das weiche Verhalten ihres Dienstherren. Der Gutsbesitzers klappert im Verlauf der Erzählung verschiedene Bauernfamilien in deren mehr als bescheidenen Behausungen ab, um sich mit deren Problemen auseinanderzusetzen. Der Eine will sein Pferd verkaufen (obwohl er meist in der Kneipe hängt), dem Anderen bricht das Dach über dem Kopf fast zusammen, weil er nicht ausreichend Geld für die Ausbesserungen hat. Der Vorschlag seines Herren, in eine bessere Hütte an einem anderen Platz zu ziehen, lehnt er aus fehlender Veränderungsbereitschaft ab, da dort das Land und das Wasser vermeintlich schlechter sind. Der Herr wird sogar angefleht, alles beim Alten zu belassen. Die reicheren Bauern weigern sich, seine Idee vom Erwerb von Wald umzusetzen. Hinter seinem Rücken wird Nechljudow als Grünschnabel wahrgenommen.
In Nechljudow stellt Tolstoi seine eigenen Erfahrungen und Ideen dar. Auch er hatte mit seinem eigenen Gut und den Leibeigenen die entsprechenden Erfahrungen gemacht. Die detailreichen Schilderungen der ärmlichen Verhältnisse hinsichtlich Wohnen und Gesundheit der besuchten Bauern ist beeindruckend und sicher ein Meilenstein für den beginnenden Realismus in der Literatur. Um den Lebensweg Tolstois und seine Triebfedern besser verstehen zu können, ist diese Erzählung für mich eine Pflichtlektüre.