Schade, dass ich nicht mehr Sterne zur Verfügung habe.
Wie einst sein "Im Westen nichts Neues" lässt mich auch "Der Funke Leben" betroffen, gerührt, beschämt und gleichzeitig beglückt zurück. Beglückt ihm Sinne, dass Remarque 1952 dieses komplexe wie schwere Thema mit seinem Roman öffentlich zur Sprache bringt, während ein Großteil der deutschen Bevölkerung versuchte, diese historische Wahrheit zu umgehen, statt es konstruktiv für sich selbst und nachfolgende Generationen aufzuarbeiten. Und auch beglückt, weil Remarque als Schriftsteller nicht enttäuscht. Er beherrscht dieses Handwerk wie kaum ein anderer. Mich beeindruckt, mit welch einfachen Sätzen und Worten er derart Großes ausspricht, dass es ein jeder verstehen kann und muss. Denn darin liegt für mich die wahre Brillanz eines intellektuellen Literaten.
Diesen Roman betreffend, gibt es unzählige Passagen, die ich unterstrich und kommentierte, weil sie mich so sehr beschäftigten und doch kann ich sie hier nicht allesamt aufzählen. Überdies fürchte ich, dass mir noch die Worte fehlen, um der Großartigkeit dieses Buches gerecht zu werden.
Trotz des unvorstellbaren Grauens, das kontinuierlich durch die Handlung zieht, wurde ich nie müde, weiterzulesen. Im Gegenteil, dieser Roman hat mich gepackt wie schon lange kein anderer. Jeder Person verleiht Remarque mit einfachen Mitteln eine unglaubliche Tiefe und Substanz, selbst der Hauptfigur, dem KZ-Häftling 509. Trotz der bloßen Nummer ist er von dem Moment an, in dem er zum ersten Mal dem Leser vorgestellt wird, ein Mensch aus Fleisch und Blut, zum Berühren nahe. Ein Mensch von ungeheurer Größe und mentaler Stärke, obwohl sein Leben nur noch am seidenen Faden hängt und sein Körper nur noch einem Skelett gleicht.
Remarque wagt zudem den Perspektivwechsel und stellt uns den Alltag des Lager-Kommandanten und seinen Gehilfen gegenüber. Er wird außerdem nie müde, auf die Gefahren des Kommunismus zu verweisen, was in einem interessanten Dialog zwischen 509 und dem kommunistischen Werner gipfelt:
"'Ich kenne das Lied. Sag mir lieber, was mit denen geschähe, die gegen euch sind, wenn ihr gewinnen würdet und die Macht hättet? Oder denen, die nicht für euch sind?'
Werner schwieg einen Moment. 'Da gibt es viele verschiedene Wege', sagte er dann.
'Ich kenne welche. Du auch. Töten, Foltern, Konzentrationslager - meinst du die auch?'
'Unter anderem. Je nachdem, was notwendig ist.'"
Dieses Buch ist von unbeschreiblicher Tiefe, weil es nicht nur handwerklich meisterhaft ist, sondern so viele unterschiedliche Themen anspricht und philosophische Fragen aufwirft, so zum Beispiel die Frage nach dem Sinn von Rache und Vergeltung, dem Umgang von wiedergewonnener Freiheit und dem Danach, aber auch der Flucht aus der eigenen Verantwortung.
Remarque hat mich mit diesem seiner Romane erneut geistig wie emotional gefesselt. Regelrecht mitgenommen haben mich insbesondere die Szene des grauenhaften "Schildkrötenrennens" vor dem Tor des Lagers sowie der Augenblick, als die Häftlinge, nun durch amerikanische Soldaten befreit, zum ersten Mal jeder in einem eigenen Bett mit einer Decke und einem Kissen schlafen durften.
Lange Rede kurzer Sinn: Es ist ein Meisterwerk und Remarque möge mir meine Sprachlosigkeit verzeihen!