»Eigentlich« sollte die ältere Hausfrau (damals, vor der Mindestlohnzeit) ja nur auf das erste Wohnhaus von Mia und Hermann Hesse in Gaienhofen auf der Höri am Bodensee aufpassen. Für willkommene acht Euro die Stunde. »Allerdings – über Hermann Hesse sollte man schon auch Bescheid wissen, gelt!«
Zunehmend stellt die nunmehrige Hausbetreuerin also Fragen, an sich und Wer war dieser H. H., der gesunden Sauerampferpudding aß, aber ständig brieflich seinen bevorstehenden Selbstmord ankündigte? Der die Öffentlichkeit hasste, aber sich doch gerne beim Nacktklettern fotografieren ließ? Der drei Frauen und drei Kinder hatte, aber doch Ekel vor der Wollust? Der die Cashcow seines Verlages war – und ist.
Und wie gut schrieb er denn? fragt sich die Betreuerin auch und schreibt sich drum als Gasthörerin für Literaturwissenschaft an der Uni ein. Um seine Sachen erhofftermaßen wenigstens ansatzweise beurteilen zu können. Und ü Wie wirkt sich die geistige Anwesenheit dieses jungen alten Herrn auf den Alltag aus – auf den Alltag eines kleinen Museums am Schwäbischen Meer, und wie auf den Alltag der staunenden Betreuerin?
Ein Verhältnis zu Hesse sollte man schon haben, es kann auch Hassliebe sein. Nur bei grundsätzlichem Desinteresse an diesem Autor kann mans lassen. Alle anderen werden mit einem witzigen, funkelnd bösen, intelligenten Tagebuch voller Schrägheit und Aufrichtigkeit belohnt, der kein menschliches Drama auslässt und eine ganz persönliche Auseinandersetzung ist, voller Leichtigkeit und schont sich trotzdem nicht
Es hat mich sehr an Stefanie Sargnagels Buch Fitness erinnert.
Es ist eine Collage aus Tagebucheinträge einer alten Frau, die im Hesse-Museum arbeitet, sich ihrem Witz und Geist hingibt, die Schamgrenzen überschreiten will, dabei manchmal mich zum Lächeln bringt, und dabei so verdammt jung erscheint. Sie stellt oft gute Beobachtungen ihrer Umgebung und ihres Alltags dar (z.B. zu Einrichtung und Besucher des Museums, Gasthörerschaft, Sexualität, Pubertät und Hesse selbst). Trotzdem fehlt mir der Antrieb in diesen Büchern und es war kein Tagebuch von Frisch, das auch zäh war, aber ich mehr mitnehmen konnte.