Das vorliegende Buch, betitelt „Philosopher ou faire l’amour“ von Ruwen Ogien (1947 - 2017), präsentiert sich als eine Einladung zur Philosophie der Liebe (invitation à la philosophie de l’amour). Es ist eine provokante und notwendige Intervention in eine intellektuelle Landschaft, die der Autor als dominiert von einer „seltsamen Proliferation von Feiern, Glorifizierungen und anderen philosophischen Lobpreisungen der Liebe“ (étrange prolifération des célébrations, glorifications et autres éloges philosophiques de l’amour) ansieht. Ziel ist es, dringend benötigte kritische Ansichten (vues critiques) in die Debatte zurückzubringen.
Ablehnung des Essentialismus und der Definition
Der Autor nimmt bewusst eine skeptische Position ein und verfolgt nicht das Ziel, eine neue oder originelle Definition der Liebe vorzuschlagen. Er erklärt ausführlich, warum dies eine schlechte Idee (mauvaise idée) wäre. Die Liebe wird als einer jener „primitiven Begriffe“ (termes primitifs) betrachtet, die nicht unanfechtbar definiert werden können – wie Gut, Böse oder Wahrheit.
Die Ablehnung des sogenannten Essentialismus – der Annahme, dass Liebe eine einzige wahre Natur oder Essenz habe – ist programmatisch. Diese nicht-essentialistische Konzeption befreit die Liebe von universellen, festen und ewigen Vorstellungen und schafft Raum für normative Innovationen (innovations normatives) wie Polyamorie, Bisexualität oder sexualités négociées (ausgehandelte Sexualitäten).
Die sechs Basisideen der Liebe im Kreuzfeuer der Kritik
Das Kernstück der Untersuchung bildet die kritische Analyse der sechs Basisideen der Liebe (six idées de base de l’amour), die in der Gesellschaft als Klischees und in der Philosophie als Gemeinplätze kursieren:
1. Die Liebe ist wichtiger als alles andere (L’amour est plus important que tout).
2. Der geliebte Mensch ist unersetzlich (L’être aimé est irremplaçable).
3. Man kann ohne Grund lieben (On peut aimer sans raison).
4. Die Liebe steht jenseits von Gut und Böse (L’amour est au-delà du bien et du mal).
5. Man kann Liebe nicht befehlen (On ne peut pas aimer sur commande).
6. Liebe, die nicht ewig hält, ist keine wahre Liebe (L’amour qui ne dure pas n’est pas un amour véritable).
Das Ziel ist die Hervorhebung ihrer konzeptuellen Grenzen und ihrer politischen Ausbeutung zu moralisierenden Zwecken. Der Autor argumentiert explizit, dass das romantische Liebesideal fehlerhaft (défectueux) ist, weil seine Basisideen moralistisch und konzeptuell unbegründet (moralistes et conceptuellement infondées) sind.
Methodik: Philosoph als „Handwerker“
Die kritische Bewertung erfolgt mithilfe von drei intellektuellen Werkzeugen:
• Konzeptuelle Bewertung (Aufdeckung von Widersprüchen)
• Empirische Bewertung (Verfolgung unbegründeter psychologischer oder soziologischer Behauptungen)
• Moralische Bewertung (Prüfung auf Widerspruch zu grundlegenden moralischen Prinzipien, wie dem kantischen Kriterium, andere niemals nur als Mittel zu benutzen)
Der Autor lehnt die Vorstellung ab, dass Philosophie abstrakt sei und dem charnel, sensuel, émotionnel der Liebe nicht gerecht werden könne. Im Gegenteil: Die Philosophie muss abstrakt und allgemein bleiben, um ihre kritische Kraft zu bewahren. Stattdessen nutzt der Autor bewusst weniger „noble“ und heterogene Materialien, darunter Umfragen zu Intuitionen und vor allem die Populärmusik, deren Lieder eine oft widersprüchliche Vision der Liebe vermitteln – hyper-idealisiert, aber auch zutiefst realistisch.
Der philosophische Beitrag wird als der eines „Handwerkers“ (manœuvres / under labourers) verstanden, der das Terrain von Hindernissen befreit, anstatt monumentale neue Theorien zu errichten.
Politische und moralische Schlussfolgerungen
Ein zentraler moralischer Konflikt, den das Buch beleuchtet, ist die Spannung zwischen der Partialität der Liebe (der Bevorzugung des Geliebten) und dem Anspruch der Moral auf Impartialität. Die Liebe (amour pathologique), die als reines Gefühl nicht befohlen werden kann, wird der praktischen Liebe (amour pratique) gegenübergestellt, die als konative Pflicht verstanden wird, für das Wohl des Anderen zu sorgen.
Obwohl es sich primär nicht um ein politisches Buch handelt, bricht der Autor seine anfängliche Zurückhaltung, um die politische Ausbeutung des Liebesbegriffs durch konservative Moralisten anzuprangern. Das Buch endet mit einer Verteidigung der „Verdammten der Liebe“ (damnés de l’amour), wie Prostituierte, Polyamoröse und Transsexuelle, um die Idee der Liebe aus dem cage mentale zu befreien, in dem sie eingeschlossen ist.
Fazit
Selten habe ich eine philosophische Schrift gelesen, die so präzise mit den Mythen unserer Gefühle abrechnet, ohne in Zynismus zu verfallen. „Philosopher ou faire l’amour“ ist weniger eine neue Theorie als ein intellektuelles Reinigungsritual: Es zerlegt Illusionen, ohne die Sehnsucht zu verraten. Eine Einladung, über die Liebe nachzudenken, ohne sie zu feiern – und genau darin liegt ihre eigentliche Schönheit.
Schon der Titel verdient eine eigene kleine Meditation. Dass er kein Fragezeichen trägt, ist kein Zufall: „Philosopher ou faire l’amour“ stellt keine Frage, es legt eine Spannung offen. Mit einem Fragezeichen ließe sich die Alternative leicht mit formalen Argumenten auflösen – man könnte sagen: natürlich beides, zu seiner Zeit. Ohne Fragezeichen aber wird die Wendung zur Behauptung, zur stillen Provokation, die zum Denken zwingt.
Dabei lässt sich das Werk auch als Hommage an Ruwen Ogien (1947–2017) lesen, dessen Konzept der éthique minimale– die Forderung nach einer Moral, die niemandem Vorschriften über sein persönliches Glück macht, solange kein anderer geschädigt wird – leise, aber spürbar im Hintergrund mitschwingt. Ogien hat gezeigt, dass moralische Strenge oft dort beginnt, wo die Freiheit anderer endet. In diesem Sinn führt „Philosopher ou faire l’amour“ seine Spur fort: als Verteidigung einer Ethik ohne Dogma, einer Moral ohne moralischen Zeigefinger.
Und doch: Wenn man nach der Lektüre von Platons Gastmahl (Le Banquet) immer noch nicht weiß, was Liebe ist, dann wird man es nach „Philosopher ou faire l’amour“ erst recht nicht wissen – aber man wird vielleicht begreifen, dass dieses Nichtwissen kein Mangel ist.
Es ist, wie Montaigne sagen würde, die Bedingung dafür, sich selbst im Anderen zu erkennen – und wie Camus hinzufügen könnte, das Einzige, was uns erlaubt, die Liebe zu leben, ohne sie zu verstehen.