Schweigen, ein entlegenes, in Regen, Jauche und den Geruch des Todes getränktes Dorf im November. Ein Matrose, der nach Jahrzehnten dorthin zurückgekehrt ist. Ein toter Vater, eine stillgelegte Ziegelei, Wege, die in den Wald führen. Ein Fotograf, ein Gasthof und eine dem Vergessen verschworene Gemeinde. Ein Fluch liegt über dem Ort.
Die Toten schweigen, und wenn die Lebenden endlich anfangen zu sprechen, müssen sie sterben. Wer ist der Mörder? Der Matrose sucht das Rätsel zu lösen. Er tastet sich in die Vergangenheit zurück und läuft Gefahr, selbst das nächste Opfer zu werden.
Verdrängung und Schuld in einer österreichischen Dorfgemeinschaft nach dem Krieg sind Thema von Hans Leberts 1960 veröffentlichtem Roman, ein sprachlich kühnes Meisterwerk der österreichischen Literatur in der Tradition von Kafka, Musil und Broch.
»Eins der großen Werke der Weltliteratur … eine Gottesgeschichte und gleichzeitig eine Gespenstergeschichte.« (Elfriede Jelinek)
»Während wir in ungestillter Jagdgier einem Schatten nachgelaufen waren, hatte eine unsichtbare Spinne ein Gewebe aus Blutadern über den Himmel gesponnen. Nun waren die Adern geplatzt, und das Blut quoll hervor und fiel als roter Regen auf uns nieder; alles ward rot, die Straße, der Schnee, das Gebirge, überflutet wie in einem Schlachthaus.«
1952. Ein Bergdorf namens Schweigen, fäkalbrauner nasser Lehm, kahle Wälder wie Gerippe, eine verfallene Ziegelei und ein geheimnisvoll fahler, verdorrter Streifen mitten in der Landschaft, das ist das deprimierende Ambiente dieses österreichischen ‘Heimatromans’, der die Postkartenidylle dieses Genres radikal auf den Kopf stellt. Das Wetter ist unwirtlich, es regnet, es schneit, es friert, und wenn es taut, versinkt das Dorf im Schlamm. Damit nicht genug, überall stinkt es erbärmlich nach Moder und Fäulnis, nach Jauche und Fäkalien. Die Bewohner sind verschlagen, verbohrt, glotzen wie Vieh und werden über die verschiedenen Variationen ihrer Körpergerüche charakterisiert. Der böse Geist der gerade vergangen geglaubten Nazizeit lauert in allen Ritzen und wird von der fadenscheinigen Verlogenheit der Dörfler nur notdürftig verdeckt.
Die Atmosphäre im Dorf ist aufgeladen, irgendwas liegt in der Luft. Bald gibt es die ersten Todesfälle. Es wird gemunkelt und gedeutet, doch niemand scheint an einer Aufklärung interessiert zu sein. Nur ein Aussenseiter, ein heimgekehrter ehemaliger Matrose ist den Geheimnissen auf der Spur. Das Geschehen entwickelt sich rasant, mit zahlreichen Überraschungen und Wendungen und ist ungemein spannend. Man wird geradezu magisch in die Handlung hineingezogen und will das Buch gar nicht mehr weglegen. Mehr als dass nicht der mutmaßliche Wolf hinter den Verbrechen steckt, soll hier keinesfalls verraten werden, um dem potentiellen Leser nicht die Freude an dem grandiosen Spektakel zu verderben.
Geschickt benützt der Autor konträre Gestaltungselemente, die sich immer wieder gegenseitig unterlaufen und so für eine immense Dynamik sorgen. Wie in einem Kriminalroman werden Ort und Uhrzeit protokolliert und eine logische, von Fakten und natürlichen Ursachen bestimmte Handlungsfolge suggeriert, um im nächsten Augenblick den Leser in eine mythisch-archaische Welt zu versetzen, wo alles dem Dunkel, dem Unbestimmten entspringt und die Lösung der Rätsel nur im Numinosen gefunden werden kann. Zahlreiche Bezugnahmen auf mythische Stoffe sind gekonnt eingewoben. Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz, zeitweise hat man das Gefühl, in der Aufführung eines deftig-derben Bauerntheaters zu sitzen, die jedoch plötzlich von einer defekt gewordenen Neonröhre stroboskopartig zerhackt wird.
Besonders gelungen finde ich Leberts Spiel mit der Erzählinstanz. Der größte Teil wird aus einer auktorialen, allwissenden Sichtweise erzählt, die jedoch fallweise in ein ‘Wir’ umschlägt, das ‘Wir’ des Stammtischs, der ja bekanntlich auch allwissend in seinen Mutmaßungen ist. Dann erzählt wieder ein nicht näher vorgestellter Dorfbewohner aus der Ich-Perspektive, subjektiv und häufig nur Gehörtes oder Vermutetes. Dieser Kunstgriff trägt viel zu der unbestimmten und geheimnisvollen Atmosphäre des Buchs bei.
Sowohl die Handlung als auch Struktur und Form sind schon ein Meisterwerk, der eigentliche Höhepunkt aber ist die Sprache. Die in allen Farben, Gerüchen und Geräuschen schillernde Prosa schafft geradezu synästhetische Eindrücke, das Geschehen wird im wahrsten Sinn des Wortes in der Wahrnehmung des Lesers zum Leben erweckt. Die Naturgewalten werden wie in archaischen Gesellschaften personalisiert, der Wind wird zum Kutscher, der peitschenschwingend mit seinen Rössern durch die Bäume braust, der Frost kommt waffenklirrend daher oder der Regen pinkelt wie ein Spaziergänger am Gehsteig gegen die Mauer. Die Sprache und Metaphorik ist den unterschiedlichen Erzählkonzepten jeweils perfekt angepasst, wodurch man sich einmal in einem Krimi, dann in einem Schauerroman und dann wieder in einem Schwank oder in einer apokalyptischen Endzeitgeschichte zu befinden glaubt.
Auffallend sind auch die häufigen Bezugnahmen auf das Meer, der lehmige Acker wird zu erstarrten Wogenkämmen, eine Gestalt schaukelt wie ein Schiff und der ehemalige Matrose scheint eine Weiterführung des Kapitäns aus dem fliegenden Holländer zu sein, der dazu verdammt ist, für ewig und heimatlos die Meere zu befahren.
Das mag nach einem wüsten, schwierig zu lesenden, postmodernen Patchwork klingen, das Gegenteil ist jedoch der Fall. Lebert verbindet all diese Elemente zu einer perfekt stimmigen Einheit und es gibt wenig Bücher, die so unterhaltsam, spannend und zugleich so anspruchsvoll und tiefschichtig sind. Man kann das Buch auch als politischen Roman lesen, es geht um Opfermythos und kollektive Verdrängung, aber auch das wäre zu kurz gegriffen. Letztlich ist es große Kunst und handelt von Schuld und Sühne, Trieb und Verstand, Gut und Böse und den großen Fragen der Conditio Humana.
'Die Wolfshaut' ist 1960 zum ersten Mal erschienen und hat zumindest in der Fachwelt große Beachtung erlangt. Trotzdem war der Roman eine Überforderung für die österreichische Befindlichkeit, die genau wie im Dorf Schweigen nicht wissen wollte, was unter der Oberfläche gärt. Lebert wurde vergessen und kam erst Anfang 90 wieder zu Ehren. Die Liste der Autoren, die die Wolfshaut als das wichtigste Werk der österr. Nachkriegsliteratur schätzen und sich davon inspirieren ließen ist lang: Doderer, Fritsch, Jelinek, Ransmayer, Gauss und viele andere, angeblich sogar Thomas Bernhard.
Das Revival dauerte jedoch nicht lange und Schweigen senkte sich bald wieder über diesen genialen Autor, heute muss man Leberts Bücher im Antiquariat aufstöbern und Liebhaberpreise bezahlen. In meiner Bibliothek hat das Buch einen Ehrenplatz, ich habe es wiederholt gelesen und es wird jedesmal besser. Es gehört zu den wenigen Werken, bei denen fünf Sterne nicht annähernd reichen.
»... gelangte Maletta ans südliche Ende der Ortschaft und wankte in eine parteibraune Landschaft hinaus. Die Bäume längs der Fahrbahn standen Spalier und hoben grüßend ihre Hände hoch; in weißen Stutzen marschierten die Prellsteine auf; die Windstöße knatterten wie in Standarten und Fahnen.«
An Hans Leberts Roman "Die Wolfshaut" habe ich gekiefelt. 10 Monate lang. Nicht, weil er mir nicht gefallen hätte; nicht, weil er langweilig wäre - ganz im Gegenteil. "Die Wolfshaut" ist ein spannender Krimi in wuchtiger Sprache - nichts daran ist fad. Ich habe trotzdem selten mehr als fünf Seiten am Stück lesen können. Würde ich noch in Österreich leben, hätte ich vielleicht noch länger gebraucht - so, in der Ferne lesend und nach Österreich blickend, hat mir Lebert immer wieder erfolgreich mein Heimweh ausgetrieben. Trotzdem: Nach ein paar wenigen Seiten war jedes Mal das Wiedererkennen zu groß, das Heimweh so weit ausgetrieben, dass nur Ekel blieb, und dann musste ich den Roman immer wieder für Tage, manchmal Wochen weglegen. "Die Wolfshaut" ist eine unglaublich genaue, wahre moralische Bestandsaufnahme und das Psychogramm Österreichs anhand eines verabscheungswürdigen kleinen Ortes mit dem treffenden Namen Schweigen. In Schweigen leben nur Nazis oder Mitläufer, oder fast nur, und der eine Mensch, der kein solcher ist, ist verständlicherweise ein misanthropischer Einsiedler. Der Roman ist in seiner Beschreibungswut brutal genau, bei Morden ebenso wie beim Darlegen irgendeines ekelhaften Gedankengangs irgendeines furchtbaren Charakters. Die Sprache mutet oft fast biblisch an, der Erzähler ist manchmal ein Außenstehender und dann wieder das perverse Wir der Dorfgemeinschaft, er schwankt zwischen dem Präsens und dem Präteritum, und er erzählt mit der Selbstsicherheit des Gerechten, ohne selbstgerecht zu werden. Es gibt keine Hoffnung in diesem Roman, für niemanden. Es ist einer der kompromisslos nihilistischsten, pessimistischsten, trostlosesten Texte, die ich bisher lesen durfte. Eine singuläre Erscheinung in der österreichischen Literatur dieser Zeit und überhaupt. Kein Wunder, dass es buchstäbliche alle wichtigen Autor*innen des Landes beeinflusst hat. Ein Meisterwerk ohne Katharsis - ich weiß nicht, ob ich das jemals wieder lesen kann, obwohl ich wahrscheinlich sollte. Selten sprechen Bücher so direkt zu einem.
‘Die Wolfshaut’ (1960) is niet geschikt voor lezers die op zoek zijn naar een quick of easy read. Ook optimisten kunnen het boek beter links laten liggen. Het glas is half leeg. Het wereldbeeld dat Lebert schetst is somber, donker, bruin, ja, ronduit zwart, een kleur die op vele pagina’s zijn opwachting maakt. ‘Die Wolfshaut’ kenmerkt zich door een allerminst idyllische schildering van het fictieve Oostenrijkse dorpje Schweigen in 1952-1953 en zijn schijnheilige, ruwe, drinkende bewoners. Het verhaal ontmaskert, waarbij het verwijtbare verleden van de bewoners tijdens de laatste dagen van WO II niet meer onder het tapijt wordt weggemoffeld, maar stinkend uit het graf wordt opgegraven en in al zijn lelijkheid wordt getoond, ofschoon dat niet tot gerechtigheid, veroordeling of een betere wereld leidt. Of het onderwerp nog zoveel losmaakt als destijds, blijft de vraag. Anderzijds zijn schijnheiligheid, verdoezelen van onrecht, machtsstreven etc. van alle tijden. Of zoals van het hoofdpersonage wordt gezegd: “Und er weiss, die Hündischen Dreieinigkeit ist dies: Dummheit, Feigheit und Gewissenlosigkeit.”