Michelle Murphy ist Genetikerin. Sie und ihr Mann beschließen ein Kind zu adoptieren. Eine ihrer Postdocs ist aus Kasachstan und bittet sie ein Kind aus ihrer Heimat zu adoptieren, weil sie selber in einem Waisenhaus aufgewachsen ist und weiß, wie schrecklich das ist.
Michelle reist mit ihrem Mann nach Kasachstan und wird von einem kleinen einjährigen Mädchen ausgesucht, das wohl beschlossen hat, dass dies ihre Eltern werden sollen. Mit viel Bestechung und einigen semilegalen Aktionen wird die Adoption über die Bühne gebracht und Avalon eine amerikanische Staatsbürgerin. Schon bald ist klar, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Avalon kann beide Augen voneinander unabhängig bewegen und ist hochbegabt. Da ihre Mutter Genetikerin ist, will sie dem Problem auf den Grund gehen, da sie befürchtet, Avalon könnte an einer seltenen Form des Autismus leiden. Sie sequenziert das Genom ihrer Tochter und findet tatsächlich eine Mutation im FoxP2 Gen, die sie FoxP5 nennt und publiziert.
Jahre später, nach dem mysteriösen Tod ihres Mannes, bekommt Michelle Murphy Besuch von der CIA. Die Agenten bitten sie, an einer Konferenz in Kasachstan teilzunehmen und ihnen zu berichten, was da abgeht. Michelle nimmt Avalon mit, damit diese ihr Geburtsland kennenlernen kann. Eine ganz schlechte Idee, wie sich herausstellt, denn der Staat beansprucht Avalons Genom als Staatsschatz.
Seit 2007 gibt es eine neue Entwicklung in der Hard Sci-Fi, die von einigen Wissenschaftlern einige Jahre zuvor bereits als im Sterben liegend bezeichnet wurde. 2007 entdeckte das Wissenschaftsmagazin Nature die Sci-Fi für sich, und begann Hard-Sci Fi Kurzgeschichten zu veröffentlichen, die mittlerweile von echten Wissenschaftlern geschrieben werden. Für einige von diesen Wissenschaftlern ist das wohl die einzige Möglichkeit jemals etwas in „Nature“ zu publizieren.
Das lief so gut, dass mittlerweile zwei Sammelbände der besten Kurzgeschichten veröffentlicht wurden. Nach und nach ziehen nun andere Wissenschaftsverlage nach und veröffentlichen Sci-Fi geschrieben von Wissenschaftlern. Dieses Buch stammt aus der Reihe „Science and Fiction“ aus dem Springer Verlag, der eher für wissenschaftliche Veröffentlichungen im Bereich Medizin und Biologie bekannt ist.
Damit geht man wieder zurück an die Ursprünge der Sci-Fi zu Zeiten von Campbell. Geschichten, die den aktuellen Stand der Forschung auf unterhaltsame Weise einem interessierten, gebildeten Laienpublikum zugänglich machen. Leider interessieren sich Wissenschaftler zwar für Sci-Fi aber meist nicht für Literaturgeschichte. Die Autoren machen also die klassischen Fehler der frühen Hard Sci-Fi Zeit, die Campbell so verzweifelt loszuwerden versuchte: Ungereimtheiten in der Story und Infodumps wären wohl die klassischen Probleme, die dieses Buch betreffen. Die Infodumps werden halbwegs logisch getarnt. Sie treten in logischen Zusammenhängen auf wie: wissenschaftliche Vorträge, Genetik Seminare, Laborkolloquien und Gesprächen zwischen Wissenschaftlern. Teilweise findet man diese Infodumps dann noch einmal wortwörtlich im wissenschaftlichen Anhang des Buches.
Die Ungereimtheiten liegen einfach daran, dass hier Laien schreiben, wie früher in der Pulp Ära. Da verdoppeln sich Koffer (S. 122) und man geht in Klamotten schlafen und wacht im Schlafanzug auf. (S. 122, 128).
Es gibt nur wenige Ungereimtheiten wissenschaftlicher Natur, weil Fakten ein wenig verbogen werden, damit es besser in die Geschichte passt. Es gibt durchaus Vögel, die ein Selbstbewusstsein haben und sich im Spiegel erkennen, nämlich Elstern (S. 89). Und ja, es gibt haufenweise Viren, die Krens verursachen, das wird dann aber erst im wissenschaftlichen Anhang erklärt.
Es gibt sogar das in Sci-Fi Filmen teilweise übliche Product Placement! In diesem Fall für die Promethion Line von Sable Systems. Ob die wohl dafür gezahlt haben oder ob der Autor dafür Rabatt auf eines der Geräte bekommen hat?
Insgesamt jedoch sind somit Fakten korrekt und Dinge, die bereits Standard sind, erscheinen manchen Lesern möglicherweise wie Sci-Fi.
Auf Plot Ebene gibt es irgendwie zwei Teile. Im ersten Teil gibt es viel mehr wissenschaftliche Insiderwitze. So hält Murphy die beiden Agenten zunächst für Vertreter, die ihr was verkaufen wollen (S: 4) (weil, naja, sie tragen halt Anzüge…) und ist fast schon erleichtert, dass es CIA Agenten sind. Etwas, was ich vollkommen nachvollziehen kann.
Es wird auf metalinguistischer Ebene über Sprache gewitzelt: Dr. Conditional hat seinen Namen weg, weil er permanent qualifiers verwendet (S. 7).
Murphy sagt den Agenten recht direkt, dass sich die Schnüffeleien der NSA nicht wirklich gut findet (S.22).
Michele verwendet einen Klingelton, der eine Vertonung der Insulin DNA Sequenz ist (S. 26).
Schon bald aber lassen diese Ambitionen auf der Insiderebene nach, die Geschichte wird zu einer klassischen Hard Sci-Fi Geschichte und diese Elemente verschwinden nach einem Drittel des Buches komplett. Ab dem Zeitpunkt treten historische Aspekte in den Vordergrund. Man lernt viel über Sowjetwissenschaft wie Lysenkoism und über die Geschichte Kasachstans.
Und hier beginnen dann auch die Literarischen Probleme, denn man gleitet in die bei hard Sci-Fi üblichen Klischees ab und zieht sich auf die Verwendung von Achetypen zurück. Wahnsinniger Wissenschaftler, der eine neue, verbesserte Rasse schaffen will. Damseln in distress, die gerettet werden muss. Kinder können natürlich erst Abenteuer erleben, wenn die Eltern irgendwie aus dem Weg geräumt wurden. Plötzlich findet Murphy die CIA und deren Überwachung nicht mehr ganz so schlimm. Überall Spione des wahnsinnigen Wissenschaftlers… Ein bisschen mehr Realitätsnähe hätte ich da durchaus begrüßt.
Was auffällt ist, dass Naturwissenschaftler sich sowohl aus wissenschaftlichen Quellen der Geisteswissenschaften bedienen als auch ihre eigene Wissenschaft unterbringen. Das ist bei den Geisteswissenschaften leider selten bis gar nicht der Fall, die bevorzugen zu meiner leidvollen Erfahrung scientific inbreeding. Dieses Buch, obwohl geschrieben von einem Professor für Biomolecular Engeneering, ist voller Hinweise auf Literatur (z. Bsp. Henry David Thoreau) und vor allem auch Linguistik! Er vermerkt (leider mehrfach fast wortwörtlich), dass Osteuropäer ein Problem mit dem Englischen Artikelsystem haben. Das ist ein bekanntes Problem in SLA, deswegen muss man es aber nicht immer wieder erwähnen (S. 83, 189), genau wie dass „Please sit down wohl der erste Satz ist, denn man in der Englischstunde in Russland gelernt hat). Es wird sogar in einem Vortrag angeschnitten, was wohl die ersten Worte waren, etwas was man mit den Mitteln der historischen Linguistik extrapolieren kann. Ich warte noch darauf, dass ein Professor der Linguistik sich mal mit Epigenetik beschäftigt…
In Sachen hard Sci-Fi verhält es sich in diesem Buch mit der Vorhersage wie bei Jules Verne. Man prognostiziert nur wenige Jahre in die Zukunft und in ein paar Jahren wohl tatsächlich streckenweise von der Realität überholt.
Fazit: Gute, spannende Geschichte, die den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu FoxP2 gut verpackt vermittelt. Es ist durchaus hilfreich, wenn man die im Buch erwähnten, oder besser wortwörtlich zitierten, Paper zu Fox P2 von Swante Päbo und Co kennt, aber nicht unabdingbar.
Ein interessantes Beispiel der neuen Hard Sci-Fi Entwicklung, die zurück zu den Anfängen der Sci-Fi geht, in welcher Kurzgeschichten in Hardwarekatalogen veröffentlicht wurden, um die neue Technik mit spannenden Geschichten interessant zu machen. Damals waren es Kataloge für Radioteile, heute sind es Wissenschaftsverlage oder wissenschaftliche Zeitschriften, die hard Sci-Fi veröffentlichen. Damit ist dieses Genre wieder bei den Geeks angekommen und zielt nicht mehr auf die breite Öffentlichkeit ab.