Eine kompetente, einführende Darstellung der wichtigsten Elemente der Waldorfpädagogik. Klar und anschaulich werden Intentionen und Grundlagen der Waldorfschulen beschrieben. Ein ausführliches kommentiertes Literaturverzeichnis gibt dem Leser außerdem wertvolle Lektürehinweise zur Vertiefung einzelner Gesichtspunkte.
Hier sind einige der meiner Meinung nach wichtigsten Aussagen aus dem Buch. Ich distanziere mich ausdrücklich von den genannten Ideen. Das Buch fasst die Ideen, soweit ich dies als Außenstehender beurteilen kann, prägnant zusammen. Inhaltlich streitbar, gibt es doch einen schnellen Überblick über das Thema und verheimlicht nicht, wie den untenstehenden Zitaten zu entnehmen, sämtliche anstößige Gedanken. -“Steiners Hinweiseund Anregungen auf den verschiedensten Erkenntnisfeldern, darunter dem der Pädagogik, sind keine Lehrsätze oder Dogmen, auch wenn sie gelegentlich wie solche vorgebracht werden. Sie lassen sich nur als Wegzeichen auf dem schierigen Pfade der persönlichen Lebensgestaltung, für die verbalisiertes Wissen nur ein vorläufig bentztes Werkzeug und nicht Selbstzweck sein kann, angemesen begreifen.” (S. 12) -“Nun werden aber -- und das ist die erste grundlegende pädagogische Einsicht Steiners -- die vier Wesensglieder nicht gleichzeitig “geboren”. Nur der physische Leib löst sich zunächst aus der mütterlichen Hülle. Der Bildekräfteleib wird erst mit dem Zahnwechsel “frei”, der Seelenleib erst mit der Geschlechtsreife.” (S. 16) -“Erst nach der Pubertät, im dritten Jahrsiebt, hat die Entwicklung eines selbstständigen Urteils und des Abstraktionsvermögens ihren Platz.” (S. 20) -“Um reif zum denken zu sein, muß man sich die Achtung vor dem angeeignet haben, was andere gedacht haben” (Erz. d. K. S.40).” (S. 20) -“Jetzt erst wird der Erzieher zum eigentlichen Lehrer. Er verwandelt die Welt nicht mehr in Bilder, sondern führt unmittelbar an die Realität heran. Wichtig ist es, daß er sich dabei nicht hinter fremden Autoritäten versteckt, wie sie heute im Bildungswesen überall regieren. Curricula, Schulbücher, Lernzielkataloge, die Autorität “der Wissenschaft” können niemals ersetzen, was der Lehrer als selbstständig suchende und urteilende Person, als “Ich” im Sinne der Steinerschen Freiheitsphilosophie, vor seinen Schülern darlebt. An diesem Ich erwacht das umfassende Weltinteresse und korrigieren sich die Entwicklungsschwierigkeiten der eben zum Bewußtsein ihrer Eigenheit erwachten jugendlichen Seele.” (S. 20) -“Einige Bemerkungen zur Methode des Unterrichts, die sich besonders in den Stuttgarter Lehrerkursen und Konferenzen finden, mögen das Gemeinte noch ein wenig illustrieren. Da wird gesagt, der Lehrer solle den “rechten Pulsschlag zwischen de bloßen Zuhören und dem Selbstarbeiten des Kindes” abspüren lernen (GA 302a). Er müsse imstande sein, das Zusammenspiel der plastischen Kräfte im Kinde mit dem sprachlich-musikalischen Kräften wahrzunehmen und zu leiten (GA 301). Oder er habe sich ein Gefühl für Stimmungen anzueignen, für den Wechsel von bedrückendem, tragischem Ernst und befreuendem Humor, und eine gelungene Unterrichtsstunde habe wenigstens einmal in jedes dieser beiden Extreme des Empfindens hineinzuführen. “Es braucht nicht zum Lachen zu kommen; sie müssen innerlich lustig sein…; sie brauchen nicht zu flennen, aber sie müssen in sich gehen” (GA 300).” (S. 24) -”Auch die Körperform hat mit dem Temparament zu tun: “Die melancholischen Kinder sind in der Regel schlank und dünn; die sanguinischen sind die normalsten; die, welche die Schultern mehr heraus haben, sind die phlegmatischen Kinder (Skizze); die den untersetzten Bau haben, so daß der Kopf beinah untersinkt im Körper, sind die cholerischen Kinder.” (S. 30)” (S. 24f.) -”Nun ist es aber eine weitverbreitete Torheit, einen Unterricht für möglich zu halten, der nicht weltanschauungsbildend wirkt. Wo dem jungen Menschen nicht bewußt Ansätze, Hinweise, Erkenntnistechniken vermittelt werden, mit denen er als mündiger Erwachsener in der Lage ist, in Freiheit seine eigene Weltanschauung zu suchen, da wird er durch den vulgärmaterialistischen Aberglauben, der die faktisch herrschende Weltanschauung unseres “heidnischen Landes” (Karl Rahner) ist, ganz ohne sein oder des Lehrers Zutun unbewußt in seinem gesamten Vorstellungsleben tiefgreifend geprägt.” (S. 27) -Demgegenüber ist es in der Tat die bewußte Absicht der Waldorfschule, ihren Schülern eine “Welt-Anschauung” zu vermitteln. Ihre Lehrer sehen sich vor die Aufgabe gestellt, den Kindern Begriffe mitzugeben, die gleichsam mitwachsen und die freie Geistesentwicklung der späteren Jahre nicht einschnüren.” (S. 27) -”Dieser soll wissen, daß Erkenntnisräume vor ihm liegen, in die er sich zusammen mit seinen Lehrern soweit hineinbegeben kann, wie er den Kreis seiner Wahrnehmungen schon ausgedehnt hat, die aber unendlich größer sind als die Reichweite seines vorläufigen Begriffsvermögens. Er soll seine Wahrnehmungsfähigkeit schulen, seine zwölf Sinne gebrauchen lernen, seine Denkkraft in der ganzen Fülle ihrer Möglichkeiten ausbilden, ohne dabei der Illusion zu verfallen, er sei nun ein für allemal urteilsfähig. Die endgültig “erklärende” Abstraktion, das Zurückführen komplizierter Sachverhalte auf Formeln und Modelle, wie es von gewissen Richtungen der wissenschaftlichen Forschung derzeit in stärkstem Maße gepflegt und erstaunlich unkritisch in die Schule übertragne wird, tritt deshalb in der Waldorfpädagogik ganz zurück.” (S. 28) -”Liegt nicht die besondere Ökonomie einer modernen Schulbildung darin, Wissensvermittlung nicht als isolierten Prozeß und als Anhäufung reproduzierbarer Aussagen, sondern im lebendigen, anfeuernden Zusammenspiel aller, auch der träumenden und schlafenden Kräfte der Schüler und als Anleitung zum “Lernen des Lernens” zu betreiben?” (S. 30) -Aus dem Streben nach einer umfassenden Erneuerung der sozialen Verhältnisse heraus als “Einheitliche Volks- und höhere Schule” begründet, ist die Waldorfschule seit über fünfzig Jahren das, was heute als Gesamtschule mit gleichen Bildungschancen für Kinder gleich welcher Herkunft und welcher Begabung gefordert wird. Jungen und Mädchen werden in der Regel zwölf Jahre hindurch gemeinsam unterrichtet, in Klassen, die als Altersgemeinschaften erhalten bleiben. Eine Auslese findet nicht statt. Als Kompromoß mit den Anforderungen des staatlichen Berechtigungswesens ist an den meisten deutschen Schulen eine zusätzliche Klasse zur Vorbereitung auf die Abiturprüfung eingerichtet. Einige Schulen haben auch gesonderte Vorbereitungskurse für die Prüfung der Mittleren Reife oder der Fachoberschulreife”. (S. 31) -”In der Oberstufe, ab Klasse 9, wird der Unterricht von wechselnden Fachlehrern erteilt. In der Regel erst jetzt beginnt auch eine Differenzierung nach Begabungen oder nach den späteren beruflichen Anforderungen, doch sind davon nur die Fremdsprachen und praktische Fächer betroffen. Während des Hauptunterrichts und in mhereren künstlerischen Fächern bleiben, entsprechend dem Ideal, das Steiner im Frühjahr 1919 in den Volkspädagogischen Vorträgen entworfen hat, zukünftige Arbeiter und zukünftige Akademiker auf er gleichen Schulbank (GA 192). Um den Übergang ins Berufsleben für diejengigen Schüler, die eine wissenschaftliche Ausbildung nicht anstreben, zu erleichtern, arbeiten mehrere Schulen an der Einrichtung von Praktika, berufsvorbereitenden Grundkursen oder Fachoberschul-Zweigen, oder sie bieten eine mit dem übrigen Ausbildungsplan abgestimmte handwerkliche Lehre an.” (S. 32) -”Der Stundenplan erleichtert solche Differnezierungen. Die mehr für eine kontemplative Betrachtung geeigneten Fächer des “Hauptunterrichts” -- Deutsch, Kunstbetrachtung, Geschichte und Sozialkunde, Biologie, Chemie, Physik, Astronomie, Mathematik, Geometrie -- werden morgens in der Regel zwischen 8.00 und 9.45 Uhr in Epochen von drei bis vier Wochen unterrichtet, die Sprachen und die musischen Fächer, die ein wiederholendes Üben erfordern, in anschließenden Fachstunden mit festem Wochenstundenplan, die bildnerischen und die handwerklich-praktischen Fächer in der Regel wiederum in Epochen, zum Teil nachmittags.” (S. 32) -”Hat sich doch im allgemeinen Schulwesen dadurch, daß der Staat seinen Bürgern die unternehmerische Initative in pädagogischen Dingen weitgehend vorenthält, in der Elternschaft eine merkwürdig passive Konsumentenhaltung entwickelt, gegen die kaum anzukommen ist.” (S. 33f) -”Die Unterrichtsveranstaltungen der Waldorfschule schließen sich mit den Monatsfeiern, den Festen, den orführungen und externen Unternehmungen jeder Art zu einem Strom der wechselseitigen Bewußtseinsbildung zusammen, einem ständig erneuten Wahrnehmen der vielfältigen Äußerungen jedes Lebensalters, jeder sozialen Sphäre, jeder menschlichen Tätigkeit. Die Schüler leben in diesem Strom und schulen daran ihr Sozialtalent.” (S. 34) -”Dies gilt auch für das wirtschaftliche Fudament der Schule. Steiner wollte mit der klaren Unterscheidung der drei großen Funktionsbereiche des sozialen Organismus -- des Geistes-, des Rechts- und des Wirtschaftslebens -- neben anderem einsichtig machen, daß Institutionen des Bildungswesens durch Schenkgelder zu finanzieren sind. (S. 35)