Wir schreiben das Jahr 2000, zehn Jahre nach der Wende. Bei der Untersuchung des ausgesprochen gewaltsamen Todes, der den computerfanatischen Jungen Michael Abusch ereilt hat, gerät Kommissar Kramer mit der Staatssicherheit aneinander, die den Fall an sich ziehen möchte. 2000? Stasi? Stimmt genau, denn Polyplay ist ein klassischer Alternativweltroman -- die Wende ist umgekehrt verlaufen, und die BRD wurde an die DDR angeschlossen, nachdem der kapitalistische Westen in einer Wirtschaftskrise zusammengebrochen war.
Abgesehen von dieser Prämisse liest sich der Roman auf den ersten hundert Seiten wie ein typischer Berlin-Krimi. Polyplay schildert deprimierend deutsche Verhältnisse, die ständig zwischen Großstadtschmutz und gelecktem Bürokratismus schwanken. Die Groß-DDR erscheint verglichen mit der realexistierenden BRD weder wünschenswert noch Schrecken erregend. Die Unterschiede stecken eher im Detail: Da wird zum Beispiel erwähnt, dass die öffentlichen Verkehrsmittel im sozialistischen Berlin konkurrenzlos billig sind, oder die Protagonisten ärgern sich über die Wessi-Altreichen. Nazischläger sind im realsozialistischen Gesamtdeutschland ebenso präsent wie in der BRD-Wirklichkeit -- nur kommen sie bei Polyplay normalerweise aus dem Westen.
Kommissar Kramer tappt immer ratloser durch diese Welt und sucht nach Antworten. Sein Fall wie auch sein Privatleben entgleiten ihm zunehmend. Nach und nach verliert er nicht nur das Vertrauen in seine Freunde und Kollegen, sondern auch das in seinen Sinn für die Wirklichkeit. Als Leser kann man Kramers Ratlosigkeit und später sein verbittertes Aufbegehren voll und ganz nachfühlen. Das furios-verblüffende Finale sollte schließlich auch jene zufrieden stellen, die von Hammerschmitt SF-lastigere Kost erwarten. Polyplay ist ein im besten Sinne kritisches Buch, das bei allem Pessimismus nie ganz die Hoffnung auf eine zumindest ansatzweise bessere Welt aus den Augen verliert. Mitdenken und mitfiebern -- Hammerschmitt at his best! --Jakob Schmidt
Polyplay habe ich 2015 als Amazon Ebook gekauft und jetzt endlich mal gelesen. Derzeit kann man es übrigens auch mit Amazon Unlimited lesen, ohne es zu kaufen. Der Roman hat ein interessantes Setting (bei der Wiedervereinigung ist die DDR übrig geblieben) aber einen in meinen Augen eher zähen Plot, relativ flache Charaktere und ein abstruse Ende (Achtung: in den Reviews bei Amazon hat einer mächtig gespoilert). Leider sind mir mehr Typos aufgefallen, als mir lieb ist.