Das war ein Wow! Ich mag diese Mischung aus unwahrscheinlichen Abenteuergeschichten und Midlife-Existenzkrise sehr. Tonfall, Humor und Gedanken sind mir nahe und bringen etwas zum Klingen. Es gibt Gänsehaut-Momente. Zugleich ist das Buch leicht lesbar, spannend und unterhaltsam.
Da liegt Weltenbummler Jonas frierend zur Akklimatisierung für den Aufstieg am Basislager des Mount Everest, denkt ein bisschen an seine verlorenen Liebe und an seine Kindheit mit Freund-fast-Bruder Werner, bei dessen reichem Opa er aufwächst. Und hoppla entpuppt sich der liberale Mentor als brutaler Mörderboss. Vom Berg-Abenteuer übers Familiendrama zur Gangsterstory auf 80 Seiten!? Hui, das beginnt rasant und steigert sich in immer unwahrscheinlichere Wendungen und Binnen-stories. Es werden Zahnärzte getötet, Schweine in die Luft gesprengt, eine Mutter gibt einfach ihren Sohn her, es gibt eine geheimnisvolle Burg mit verschlossenen Türen und vieles mehr.
Doch das Unwahrscheinliche hat Ernst und Tiefe, ist nicht störend, sondern amüsant und ok. Zum einen, weil es der ganzen Geschichte etwas Parabelhaftes verleiht - es geht um Grundsätzliches, um Gedankenspiele zu Leben, Lernen, Sinn, Moral. Was sind die Erkenntnisse, die zählen? Wie lauten die Lektionen, die relevant sind? Git es Kontexte, in denen Gewalt gut ist? Wo verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse? Zischen Leben und Tod? Zwischen Freiheit und Liebe? Zwischen Glück und Leere? Was macht ein Mensch, der alle Möglichkeiten hat? Wohin strebt man, wenn man alles haben kann?
Zum anderen passen all die Unwahrscheinliche zur Figur Jonas. Der lehnt sich gegen die Beschränkungen von Vernunft auf und fordert das Leben heraus. Und sucht die wahren, die impulshaften, die einzigartigen Momente - und darin sich selbst. Er sucht und sucht, stürzt sich in alle denkbaren Extreme, provoziert die Gefahren in allen Winkeln der Welt, realisiert kostspielige verrückte Träume mithilfe geheimnisvoller Helfer, ebenso wie eigenbrötlerische Rückzüge. Und findet die Liebe, die alles verändern könnte. Natürlich leidet er unter unerklärlichen Fieberschüben.
Die Kapitel wechseln zwischen der Mount-Everest-Story und den Rückblicken auf Kindheit, Jugend, alle Erlebnisse, die Jonas dort hin geführt haben und sind durchzogen von seinen Überlegungen. Das macht nicht nur die Komposition sehr abwechslungsreich. Es hat auch immer wieder schöne, stille Passagen wie diese:
"Er starrte lange in die Dunkelheit.
Man wird älter und älter, und man wartet. Etwas wird passieren, etwas Großes. Das Leben, das man führt, steuert zweifellos auf einen Höhepunkt zu, hinter dem die Versöhnung liegt, die Läuterung, das Glück - unausweichlich und unabänderlich. Eines Tages wird alles gut. Das Heute ist fehlerhaft, das Morgen wird vollkommen sein.
Man wird älter und älter und wartet noch immer. Kämpft noch immer, mit der Welt und mit sich selbst, und das Erhabene, es will nicht kommen. Die Versöhnung mit sich und mit der Welt lässt auf sich warten, das Glück ist nicht perfekt, die Besserung nicht in Sicht. Mitunter scheint alles unmerklich abwärts zu gehen.
Man wartet weiter.
Und fühlt eine dumpfe Sorge aufsteigen.
Sorge wird zu Angst, Angst wächst zu Entsetzen, Entsetzen schlägt um in Trauer, Trauer verwandelt sich in Unglaube."
Was also, wenn das Leben sich trotz aller Möglichkeiten, trotz aller Mühen, trotz aller fieberhaften Aktivitäten nicht per Beschluss mit Sinn, mit Glück füllen lässt? Wenn Glück etwas bleibt, das man nicht herbeiführen kann, sondern das einem in Form von Liebe widerfahren und wieder entgleiten kann?