Zwei Mädchen in einem Dorf auf einer abgelegenen Insel. Sie wachsen auf in einer archaisch wirkenden Welt, in zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, umgeben von abgekämpften, rebellierenden Arbeitern, skurrilen Außenseitern und eigensinnigen Wirrköpfen, die in der harschen Realität ihren Weg gehen. Jahre später treffen sie sich als junge Frauen wieder: Die eine als Studentin auf der Suche nach ihrem Weg ins Leben, die andere als rätselhafte, mit den Männern spielende Schönheit.
Ich bin mir unsicher mit diesem Rating, denn wenn ich ehrlich bin, habe ich den Plot dieses Romans immer noch nicht ganz verstanden. Teil 1 und 2 leuchteten mir ein, doch Teil 3 lässt viele Fragen offen, die mir immer noch im Kopf herumschwirren, obwohl ich bereits vor zwei Tagen mit dem Buch fertig war und mich also schon einige Zeit mit diesen Fragen beschäftigt habe. Das ist auch der Grund, warum ich bei 4 Sternen bleibe und nicht höher bewerte. Das Buch beschäftigt sich mit der (sehr speziellen) Freundschaft zweier namenloser Mädchen, die auf den Faröer-Inseln aufwachsen. Auch dieser Aspekt allein hat mir gefallen, da ich in die Kulturen, Strukturen, Lebensweisen dieser Inselbewohner*innen bisher keinen Einblick bekommen habe. Vieles scheint zu Beginn fremd, wird aber oft aus den Augen eines Kindes beschrieben, sodass man genug versteht, um zu folgen, aber auch viele Fragen offen bleiben, die beschäftigen, die einen weiterlesen lassen. Was die 4 Sterne für mich vor allem ausmacht ist die Erzählweise. Es wird zwischen Erzählperspektiven + Figuren gewechselt, wir bekommen Einblicke in verschiedene Figuren und ihr Innenleben, alle mit vielen Geheimnissen, vielen Gefühlen und vielen unaussprechlichen Gedanken. Dies wird dann jeweils gemischt mit der Aussensicht der Protagonistin, welche diese Figuren aus der Ferne beobachtet. So strickt Michelsen geschickt eine Geschichte dieses Dorfes, dieser Inselkultur. Ich habe das Buch auf Deutsch gelesen, kann also nicht viel dazu sagen, wie der Text in seiner Originalsprache (Faröisch) wirkt. Dinge werden in einer sehr poetischen Sprache beschrieben. Metaphern sind häufig und scheinen viele Dinge perfekt zu erklären. Wenn die Autorin schreibt: "Ich schlich mich davon und starrte auf den Horizont, über den ich nur in verschwommenen, beschwingten Tagträumen hinauskam" (S. 50) oder "heisse, weiche Tränen gefroren zu stechenden Glassplittern, die erst wieder auftauten, als niemand in der Nähe war" (S. 97) oder "Diese gefrorenen Sternschnuppen greifen mich an, ich spüre, wie die Funken die weisse Gleichgültigkeit aufreissen. Ich muss diesem dunklen Feuer der Gefühle entkommen" (S. 147) verstehe ich die Protagonistin auf einer ganz neuen Ebene. Es ist die Erzählung einer schreibenden Protagonistin, die auf ihr Leben zurückschaut und dieses auf verschiedenen poetischen Ebenen beschreibt. Für mich lohnt sich das Lesen dieses Buches vor allem für die Sprache, für den Schreibstil. Obwohl ich das Gefühl habe, das in letzter Zeit in viele Reviews zu schreiben, habe ich wirklich schon lange nicht mehr in einer Sprache gelesen, bei der mein Herz so aufgegangen ist, wie bei diesem Roman. Auch der Einblick in die faröische Lebensart hat es mir sehr angetan.
eine meiner Lieblingsstellen: "Die Sterne sind alle einsam, genau wie die Menschen. Das Einzige, was sie miteinander verbindet, sind die Linien, welche die Menschen zwischen ihnen gezogen haben, um gewisse Muster zu erhalten. Dieser ewige Drang, sich in alles einzumischen, was rein und vollkommen ist. In Wirklichkeit frösteln die Sterne vor Einsamkeit. Leben ihr ganzes Sternenleben mit unzähligen anderen zusammen und sind doch einsam. Nur wenn zwei Sterne vom Kurs abkommen, berühren sie einander ein einziges Mal. Dann siegt der grössere, der kleinere zerbricht. Genau wie bei den Menschen. In winzige Einzelteile." (S. 131)