Ob Löwin oder Leu
Wir schossen sie entzweu;
Und auch die Elefanten
Ins Jenseits wir stracks sandten;
Mit dem Pferd aus dem Nil
Fackelten wir nicht viel –
Und trieb uns die Langeweile
So schossen ohne Eile
Wir jeden Vogel aus dem Himmel.
So treibt’s ein Mann mit kleinem Einfühlungsvermögen.
In diesem Jahr habe ich entdeckt, daß sich Karl May besonders gut als Hörbuchkost für längere und kürzere Autofahrten eignet, und so war denn irgendwann Die Sklavenkarawane dran, ein Buch, das May von Oktober 1889 bis September 1890 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Der gute Kamerad veröffentlichte.
An der im Sudan spielenden Geschichte, in der die deutschen Brüder Emil und Josef Schwarz sich mit zwei wahrhaft teuflischen Sklavenjägern anlegen, dürfte den heutigen Leser vor allem wohl die für moderne Ohren rassistisch anmutende Wortwahl stören, aber leider konnte Kalle seinerzeit einfach noch nicht wissen, daß viele Angehörige späterer Generationen Schwierigkeiten mit dem Historisieren haben würden. Die Geschichte selbst zeigt jedoch ungeschminkt, aber doch auch, will mir scheinen, mit einer gewissen Sensationslüsternheit, die Grausamkeiten, die die Sklavenjäger an ihren Opfern begingen – unter anderem das Einkesseln eines Dorfes und das anschließende Töten derer, für die man keinen guten Preis auf dem Sklavenmarkt würde erzielen können. Des weiteren klagt eine der Hauptfiguren mehrmals die in Europa herrschende Denkweise an, nach der die schwarze Bevölkerung Afrikas auf einer niederen menschlichen Entwicklungsstufe sei, wobei freilich auch hier die Einschränkung gemacht werden muß, daß es in Karl Mays Universum erst des wackeren und anständigen Deutschen bedarf, der, mit untrügbarem moralischen Sinne ausgestattet, Ordnung in das die Welt beherrschende Chaos bringt. Damit dürfte Kalle dann wieder eher den ethischen Eliten in unserem Lande aus der Seele sprechen.
Die Geschichte selbst beginnt stark, verliert dann aber leider in ihrem Laufe an Spannung und Tempo, und über das Ende dürfte wohl mancher Leser enttäuscht sein, denn solchen Schurken, wie May sie uns hier vorstellt, würde man doch einen spektakulären Abgang aus dem Universum wünschen. Sehr auffällig waren die häufigen Jagdszenen, die der Verfasser anscheinend auch als eine Möglichkeit ansah, Füllmaterial für manche ansonsten doch recht dürftigen Kapitel zu generieren. Anfangs gibt es eine Löwenjagd, dann muß ein Nilpferd dran glauben, und auch ein Büffel wird gerüffelt, bevor dann schließlich eine ganze Elefantenherde zu Proviant für die Reisenden verarbeitet wird, die allesamt einen guten Magen zu haben scheinen. Bei der Elefantenjagd immerhin kommen dem Protagonisten Zweifel daran, ob er sich als Mensch hier wahrhaft mit Ruhm bekleckere, doch sein Ornithologenfreund Pfotenhauer zerstreut diese Anwandlungen im Nu. Nur Siegfried dürfte bei seiner letzten Jagd in der Rhön mehr afrikanische Tiere erlegt haben als die Helden Karl Mays in dieser Geschichte. Ich kann nur hoffen, daß sie diese auch allesamt brav aufgegessen haben.
Mich hungert es paradoxerweise schon wieder nach dem nächsten Karl-May-Roman.