Die Gespräche fanden während der Dreharbeiten zu einem Film statt, in dem Johannes Agnoli darlegt, wie man als radikaler, das heißt an die Wurzel der Übel des Kapitalismus gehender Kritiker, auch in diesen harten Zeiten überwintern kann, ohne in Resignation zu verfallen. Agnoli zeigt dabei auf, dass »Unzeitgemäßheit« nicht notwendig den Verlust der Aktualität bedeuten muss. »Der Staat ist ein Palast, in den man hineintritt, der aber keinen Hinterausgang hat. Man kann in diesem Palast höchstens nach oben kommen. Man kann sich in die Institutionen hineinbegeben, aber dann bleibt man drin. Viele fühlen sich dabei glücklich. Das ist die Faszination der gesellschaftlichen, der bürgerlichen Machtverhältnisse. Eine Faszination allerdings, unter der wir im Grunde alle leiden.«
Das negative Potential ist ein kurzes Büchlein, das auf mehreren im Jahr 2001 geführten Interviews mit Johannes Agnoli zum gleichnamigen Dokumentarfilm basiert, durch das man man einen ersten Einblick in Agnolis Denken erhält.
Eine dementsprechend wichtige Rolle nimmt die Kritik an Staat und Politik in seinen Ausführungen ein. Er versteht die Theorie zur Abschaffung des Staats als Ausdruck des „Drangs, den objektiven Zwangscharakter der Reproduktionen Gesellschaft zu überwinden“ (11f.). Vom Marsch durch die Institutionen ist nichts zu halten, weil zum einen „der Staat [...] ein Palast [ist], in den man hineintritt, der aber keinen Hinterausgang hat“ (21) und sich dazu die Kapitallogik mühelos in Staatslogik übersetzt. Für ihn ist im Gegensatz zu Reformisten, die noch so revolutionär daherkommen mögen, klar, dass „es nicht um die Humanisierung der Kapitalverhältnisse geht, sondern um deren Überwindung“ (12).
Spannend ist Agnolis Vergleich der unterschiedlichen Bedeutungen des Freiheitsbegriffs in Deutschland und Italien. Während Freiheit in Deutschland mit (Rechts)Staatlichkeit, verbunden sei, gelte für die italienische Gesellschaft das Gegenteil (31).
Subversion, die „stille, untergründige Arbeit gegen eine Ordnung, die man für falsch hält und die man frontal nicht mehr angreifen kann“ (62) bleibe als eines der wenigen Mittel in jetzigen Zeiten, in denen kein revolutionäres Subjekt in Sicht ist. Um dabei nicht zu resignieren, rät er zu seiner mittlerweile bekannten Devise, den gesellschaftlichen Zumutungen mit „Geduld und Ironie“ (17) zu begegnen.
Lesenswerte Interviews mit Johannes Agnoli. Die Interviews bieten einen guten Einstieg in Agnolis anarchistische Staatskritik und seine ‚Subversive Theorie‘.