(Vorweg: Ich habe dieses Buch tatsächlich in der französischen Originalfassung gelesen und bin deswegen unglaublich stolz auf mich.)
Paris 1858. Ida de Barancy ist schön, jung und sorglos. Für ihren aufwendigen und mondänen Lebensstil kommt ein 'guter Freund' auf, der sie als Geliebte aushält. Wenn sie - selten genug - nach ihrer Herkunft oder der ihres achtjährigen Sohnes Jack gefragt wird, erzählt sie die verschiedensten wilden Geschichten, die man allesamt nicht glauben muss. Die Jesuiten jedenfalls tun es nicht und weisen daher Jack, den Kokottensohn, als Schüler ihres renommierten Internats ab.
So kommt Jack im 'Gymnase Moronval' unter, einer dubiosen Einrichtung, die sie sich darauf spezialisiert hat, Zöglingen aus den französischen Kolonien nicht nur Schulbildung, sondern auch Pariser Esprit und vor allem eine einwandfreie metropolitanische Aussprache des Französischen zu vermitteln. Das ist umso kurioser als der Direktor Moronval mit seinem starken kreolischen Akzent selbst nicht einmal in der Lage ist, das "r" zu p'ononcie'en (wir kennen das vom Piratenausguck bei Asterix).
Moronval hat einen Freundeskreis von Bohémiens, verkrachten Künstlern, "Ratés" - "Gescheiterte" nennt Daudet sie. Sie veranstalten Soiréen für Vorträge und zum Austausch; bei einer dieser Veranstaltungen ist Ida eingeladen, und sie verliebt sich sofort in den verkannten Dichter d'Argenton, der am Gymnase als Literaturlehrer sein Brot verdient. Ida trennt sich für ihn vom 'guten Freund' und zieht gemeinsam mit d'Argenton aufs Land, in ein kleines abgeschiedenes Häuschen in Etiolles vor den Toren von Paris, wo d'Argenton in idyllischer Zweisamkeit auf Inspiration und Produktivitätsschub wartet.
Jack indes bleibt im Gymnase und ist dort unglücklich. Er erkennt, dass er weg muss, und bei der Beerdigung eines Mitzöglings büxt er aus. Entlang der Boulevards und am Seineufer, über die Vorstadtchausseen, Felder, Gräben, gelangt er ganz allein und zu Fuß bis nach Etiolles, wo er seine Mutter weiß. Einen wunderbaren, unbeschwerten Sommer lang darf er dort bleiben, er streift mit dem Waldhüter durch die ausgedehnten Forste und erhält sporadisch Unterricht von d'Argenton und dem benachbarten Landarzt Rivals.
Unter eifrigem Zutun der 'Gescheiterten' wird Jacks Zukunft diskutiert. Man ist sich einig, dass Adel und Bürgertum abgedankt haben, und die Zukunft alleine den Arbeitern gehört. Deshalb soll Jack - zu seinem eigenen Besten, versteht sich - Arbeiter werden. Der Eifersucht d'Argentons kommt das entgegen. So verdingt sich Jack mit nicht einmal dreizehn Jahren als Lehrling in einer Eisenschmiede und Maschinenfabrik an der Mündung der Loire, weit weg von Paris.
Das harte Fabrikleben macht dem Jungen zu schaffen, der aufgeweckt und intelligent ist, aber eher empfindlich und von schwacher Konstitution. Er leidet unter dem gnadenlosen Takt der Arbeitstage, der Last der körperlichen Arbeit und den derben Scherzen der anderen Arbeiter, die in ihm immer den verweichlichten Außenseiter aus der Stadt sehen. Als er fälschlich beschuldigt wird, bei seinem Zimmerherrn Geld gestohlen zu haben, scheint die Welt zusammenzubrechen.
Doch noch einmal fügt sich alles. Jack beißt die Zähne zusammen und beendet die vierjährige Lehre. Man ist sich allerdings einig, ein guter Schmiedearbeiter wird er nie, da ist die Arbeit als Heizer auf einem Dampfer weniger anspruchsvoll - und besser bezahlt dazu.
So kommt Jack in die Hölle des Kesselhauses, dessen Gluthitze sich nur überstehen lässt, wenn man die Nerven mit Schnaps betäubt. Drei Jahre hält Jack die Tortur durch, dann sinkt sein Schiff, und er wird, abgemagert und halbtot, zu seiner Mutter gebracht.
In Etiolles erholt sich Jack und kommt langsam wieder zu Kräften. Die meiste Zeit verbringt er beim benachbarten Arzt, in dessen Enkeltochter Cécile er sich verliebt. Cécile ist - was sie nicht weiß - ebenfalls illegitim, ihre verstorbene Mutter ist einst einem Heiratsschwindler aufgesessen. D'Argenton drängt darauf, den Rivalen (und kräftigen Esser) Jack wieder loszuwerden.
Schließlich hat der Arzt Rivals die Idee: Jack soll als Mechaniker in einem Pariser Vorstadtbetrieb seinen Lebensunterhalt verdienen und abends Medizin studieren. Dann kann er in wenigen Jahren Rivals Landpraxis übernehmen und Cécile heiraten. Dieses Studium nach der Arbeit sei hart und anspruchsvoll, aber er kenne Beispiele, dass es machbar sei. D'Argenton gibt inzwischen mit seinen Kumpanen eine Zeitschrift heraus, in der jeder der 'Gescheiterten' zu seinem Steckenpferd etwas beitragen darf und die deswegen auch nicht einen einzigen Abonnenten gewinnen kann. Büromiete und Redaktionsgehälter zahlt d'Argenton von der Zuwendung, die der 'gute Freund' Jack zudachte und Ida bis zu Jacks Volljährigkeit anvertraut hat.
Jack aber stürzt sich in sein neues Leben, die Woche über arbeitet und lernt er, und an den Sonntagen kommt er nach Etiolles, um Rivals und Cécile zu besuchen. Alles erscheint perfekt, als auch noch seine Mutter bei ihm einziehen will, nachdem sie sich von d'Argenton getrennt hat.
Doch das Schicksal nimmt seinen unerbittlichen Lauf: D'Argenton schafft es, mit einem sentimentalen und selbstmitleidigen Gedicht auf Ida, das er in der Zeitschrift breit platziert, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und sie zur Rückkehr zu bewegen. Durch eine Intrige erfährt Cécile das Geheimnis ihrer Herkunft und wendet sich voll Scham (angeblich aber aus erkalteter Liebe) von Jack ab. Ohne Sinn im Leben und ohne die beiden ihm wichtigsten Menschen, erkrankt Jack prompt an Lungenfieber und stirbt schließlich - kaum zwanzig Jahre alt - im öffentlichen Krankenhaus von Paris.
Daudet hat seinen Roman dem bewunderten und verehrten Kollegen Flaubert gewidmet. An dessen hauchfeine psychologische Zeichnungen reicht er nicht heran. Wo es komisch zugeht, ist Daudets Humor eher wenig subtil, seine Spottlust konfrontativ und pauschal. Dass die karikierten Negativfiguren (mit Ausnahme des Antagonisten d'Argenton, muss man fairerweise einräumen) gerne Juden sind, oder wenigstens dunkelhäutig oder sonstwie fremd, wirft aus heutiger Sicht auch kein gutes Licht auf den Autor.
Aber Daudets Stärke ist in diesem Buch ohnehin nicht der Humor - im Gegenteil: Wo Flaubert seine Helden sozial nie ganz fallenlässt und immer dem gehobenen Bürgertum verbunden bleibt, führt uns Daudet gnadenlos in die Welt der Verdammtem dieser Erde, die in jener Hochphase der industriellen Revolution ein erbarmungswürdiges Dasein gefristet haben.
Die Figur der eigensüchtigen, schlechten und doch innig geliebten Mutter Ida hat mich fasziniert. Ein wenig erinnert sie an Scarlett O'Hara: Ida ist genauso schön, kapriziös und sorglos und gedankenlos egoistisch - nur eben am Ende weit weniger lebensklug und vor allem viel, viel schwächer, und diese Schwäche wirft ihr Daudet vor und die wendet sich am Ende auch gegen sie.
Wegen seiner realistischen Schilderung der Lebensumstände kleiner Leute hat man Daudets "Jack" immer wieder mit Charles Dickens verglichen; mir hat sich aber eher der Vergleich mit Thomas Hardy aufgedrängt. Wie in dessen "Tess von den d'Urbervilles" geht es um soziale Schranken und wie bei Tess ist der Strudel in den Abgrund so klar vorherzusehen wie unentrinnbar. Es lässt einen schaudern.
Mir ist schleierhaft, weshalb Daudet und sein "Jack", in Deutschland jedenfalls, so viel weniger Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden haben als etwa "Madame Bovary" oder "Die Elenden". Dieses Buch gehört bei all seinen kleinen Schwächen zu den Großen seiner Zeit.