Lehrer? Deren Zeit läuft ab. Gelernt wird heute eigenständig, beweglich, kreativ, weder Lehrern zuliebe noch nach Schablonen. So etwa klingt der Sirenengesang der "neuen Lernkultur". Wie sehr dieser Weg in die Irre führt, zeigt die Streitschrift des Philosophen Christoph Türcke. Mit der Rolle der Lehrer stehen zugleich entscheidende politische und pädagogische Grundeinstellungen zur Debatte. Wenn die Lehrer für den Erhalt und das Ethos ihres Berufs wirklich kämpfen, können sie eine Orientierungsdebatte auslösen, die an die Grundfesten der neoliberalen Welt rührt. Es geht um weit mehr als einen Schulstreit. Alles, was in Sach- und Fachkompetenzen nicht aufgeht, soll in der schönen neuen Lernwelt keinen Ort mehr haben. Menschen aber nur auf ihre Kompetenzen hin anzusehen, das heißt, sie wie Maschinen anzusehen. Lehrer zu Kompetenzbeschaffungsgehilfen zu reduzieren heißt, sie zu entwürdigen. Das müssen sie sich nicht bieten lassen. Sie sind zu ihrer Selbstdegradierung und -abschaffung nicht verpflichtet, wohl aber zur Rückbesinnung darauf, was Lehren eigentlich ist.
Christoph Türcke, Professor der Philosophie, tätig in Leipzig, beschreibt in seinem Buch Lehrerdämmerung die philosophischen Zusammenhänge und ideellen Grundlagen für die aktuelle Bildungsausrichtung an deutschen Schulen. Seit vielen Jahren herrscht dort die Kompetenzorientierung vor, es sollen weniger konkrete (Lern-)Inhalte als vielmehr Strategien vermittelt werden. Man liest beispielsweise nicht mehr des konkreten Themas wegen, sondern überprüft beständig durch inhaltliche Fragen die Lesekompetenz. Individuelle Förderung, Binnendifferenzierung, Dezentralisierung usw. sind weitere Begrifflichkeiten.
Türckes Buch zielt dabei nicht darauf ab, was diese Form der "Lernkultur" für Konsequenzen für die Schülerinnen und Schüler hat, sondern betrachtet die Rolle des Lehrers in diesem System. Er wird in seinen Augen degradiert vom "Zeiger" und Eröffner von neuem Wissen und interessantem Lernstoff hin zu einem bloßen Bereitsteller von Arbeitsmaterial und zum Lernassistenten. Die Schülerschaft erarbeitet sich alles selbst mit Hilfe von Arbeitsblättern, der Lehrer nimmt sich zurück und steht nur helfend zur Seite, sofern dies gewünscht ist. Damit wird die Chance vertan, durch mit Begeisterung und Hingabe (frontal durch Lehrervortrag - böse!) vorgestellte Sachverhalte für die Schülerschaft attraktiv zu machen, sodass ihr Lernwille überhaupt geweckt wird.
Natürlich wird auch das Thema Inklusion angerissen: Er erläutert die Herkunft des Begriffes, die Entstehung des politischen Drucks, die Schule des gemeinsamen Lernens einzuführen, und gibt einen kurzen Abriss der Problematik des Status Quo. Absolut einleuchtend für Lehrende in dem aktuellen Zustand der Inklusion an Schulen ist, dass dieses "Einschließen" aller in einen Raum plus die Individualisierung des Lernprozesses, bei dem jeder nach seinem Stand lernt und arbeitet, besonders dazu beiträgt, den Schwächeren (ergo den Inklusionskindern) vor Augen zu führen, dass sie nie das erreichen können, was andere ihnen voraus haben. Kinder vergleichen sich ständig mit anderen, Enttäuschung und Frustration sind also in Zeiten der Inklusion in dieser Form vorprogrammiert.
Man könnte jetzt noch viele Aspekte aus Türckes Buch anführen, die in sprachlich und rhetorisch ansprechender Form, Zusammenhänge aufzeigen. Doch was ist seine Botschaft? Lehrer sollen sich dagegen auflehnen, zu bloßen Lernbegleitern degradiert zu werden, und statt dessen einen eigenen Berufsethos entwickeln... Wie der ganz konkret aussehen könnte, bleibt offen.
So schwanke ich in meiner Wahrnehmung dieses Buchs zwischen Zustimmung über fehlgeleitete Entwicklungen, zielloses Kompetenzgeschwafel und scheiternde Inklusion und gleichzeitiger Skepsis, ob in der Refokussierung auf die starke, und ja, auch autoritäre Lehrperson im Mittelpunkt wirklich die Lösung allen Übels liegt.