Die Reise nach Berlin, die Hanns-Josef Ortheil 1964 gemeinsam mit seinem Vater unternahm, findet nur ein Jahr nach der "Moselreise" statt. Umfang und Ausdruck des Reisetagebuchs zeigen die erstaunliche Entwicklung, die der Junge in dieser kurzen Zeit durchlaufen hat. Während im Jahr zuvor der Vater noch behutsam und überlegt der Scheu des Elfjährigen vor Fremden entgegensteuerte, treffen wir nun auf einen Jugendlichen, der anderen gegenüber selbstbewusst eigene Urteile formuliert. Hanns-Josef Ortheil hat seine damalige Schüchternheit überwunden und spricht höflich und direkt aus, dass ihm als Kölner der Auftritt des Bundeskanzlers Ludwig Erhard zum 1. Mai in Berlin wenig imponiere. Seine Mutter habe immerhin nach dem Kirchgang mit Altkanzler Adenauer gesprochen.
Vater Ortheil kommt nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder in die Stadt, in der er als junger Vermessungsingenieur mit seiner Frau lebte. Behutsam bereitet er seinen Sohn auf die zu erwartenden Emotionen seiner alten Freunde vor und dass man als Besucher darauf Rücksicht nehmen müsse. Das diplomatische Aushandeln der Wünsche der Besucher, ohne die Gastgeber damit zu verletzen, zieht sich wie ein roter Faden durch den Reisebericht. Die Reise bringt die Kriegserlebnisse des Vaters zur Sprache und endlich das vor dem Sohn sorgsam gehütete Familiengeheimnis: zwei ältere Brüder Hanns-Josef Ortheils sind in den Kriegsjahren ums Leben gekommen. Entschieden wird dabei der Wunsch der Mutter respektiert, mit ihr über dieses Thema nicht zu sprechen. Die sorgfältig geführten Haushaltsbücher der Mutter, die sie damals in Berlin zurückgelassen hat, eröffnen dem Sohn auf den Wegen seiner Mutter Zugang zu ihrem Stadtviertel und ihrem Alltag. Ähnlich wie ihr Sohn seit seiner Kindheit hat auch seine Mutter kleine Skizzen angefertigt und sich täglich Notizen gemacht.
Hanns-Josef Ortheils Berlin-Tagebuch war für mich eine willkommene Ergänzung zum Roman über seine frühe Kindheit "Die Erfindung des Lebens", denn er erklärt das Verstummen der Mutter. Dort wurde das Schicksal der älteren Brüder noch ausgespart, um Mutter und Sohn zu schützen. Alle drei Bände dokumentieren ein besonderes Vater-Sohn-Verhältnis. Biografischer Roman und Reiseberichte kreisen um das zentrale Thema Einfühlung in andere und Perspektivwechsel zur Sicht anderer Personen – eine Fähigkeit, ohne die ein Autor kaum Romane verfassen könnte.
Auf dieser Reise sieht der Vater voraus, dass sein Sohn sich bald ohne seine Fürsorge und Förderung weiterentwickeln wird - und damit das eigene Altern. Der Sohn beschreibt – ungewöhnlich reif für ein Kind seines Alters - mit den Worten seines Vaters die Ankündigung einer Zukunft, die er sich selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen kann. Neben einer sehr unverblümten und treffenden Schilderung eines Besuchs in Ost-Berlin hat mich besonders Hanns-Josef Ortheils Karl-May-Lektüre während der Reise erheitert. Die endlosen Landschaftsbeschreibungen, die den Jungen so gar nicht interessieren, müssen wohl von einem Landvermesser geschrieben worden sein, findet Ortheil – sie werden vom Vermessungsingenieur Ortheil senior besonders geschätzt.