Am Abend, bevor Alexander Klein mit seiner vierköpfigen Familie in Urlaub fahren will, ist alles wie immer vor einer Urlaubsreise: Ehefrau Mona ist total entnervt, die halbwüchsigen Kinder zicken sich an, und Alex ist vom Job so erschöpft, dass er schon fast keine Lust mehr hat, überhaupt wegzufahren, vor allem, wenn er dran denkt, dass auch noch seine Schwester und seine Eltern mitkommen. Wieso er sich zu dieser irrsinnigen Neuauflage seiner Kindheitsurlaube hat breitschlagen lassen, weiß er selbst nicht mehr so genau, als er sich mit einer Flasche Rotwein und einem alten Fotoalbum auf dem Sofa niederlässt.
Vom Rotwein ist nicht mehr viel übrig, als Alex aufwacht. Und auch von seinem Leben ist nicht viel wiederzuerkennen. Oder doch ... es ist sein Leben vor dreißig Jahren, in dem er wach geworden ist. Als dicklicher, pickliger Teenager quält er sich auf einmal wieder mit seiner älteren Schwester und seinen Eltern mitsamt Oma in einem vollgestopften Ford Sierra mit Fließheck genau wie Horden anderer Urlauber auf der stauverstopften Brennerroute gen Süden. Die Unterkunft ist ewig weit vom Meer entfernt (und wird von Mama und Oma erst mal kräftig geputzt), der Strand ist voll, das Wasser dreckig und das Essen, das Mutter Klein tagtäglich in der Ferienwohnung auftischt, genauso deutsch wie des Vaters vorsintflutliche Ansichten über die Italiener.
Für Alex ist vorwiegend Fremdschämen und Langeweile angesagt, bis er am Strand etwas tut, das niemand aus der Familie bisher gewagt hat, und sich an einer italienischen Essensbude eine Piadina kauft. Dabei lernt er nicht nur den gleichaltrigen Andrea kennen, mit dem er sich anfreundet, sondern verliebt sich auch Hals über Kopf (pubertärer Hormonrausch lässt grüßen) in dessen hübsche Tante Maria, die aber mindestens fünfzehn Jahre zu alt für ihn ist.
Der Einstieg ist höchst amüsant. Die Zeitreise in die 80er Jahre hat einen hohen Wiedererkennungswert für alle, die diese Zeit der abscheulichen Klamotten und grauenvollen Haar- und Barttrachten live erlebt haben, und es gibt zudem einiges an Situationskomik, die die Lachmuskeln reizt, vor allem, wenn Alex mal wieder vergessen hat, dass er äußerlich kein Mittvierziger mit Marketingtalenten mehr ist.
Allerdings flacht der Witz mit der Zeit erheblich ab, und der Versuch, ein Gagfeuerwerk nach dem anderen zu zünden, bleibt oft ein Rohrkrepierer. Vieles, was da beschrieben wird, ist eher peinlich als lustig und wäre ohne den Filter durch Alex' Perspektive, der mehr als einmal zusammenzuckt, wenn sein Vater mit dem ebenfalls deutschen Nachbarn über Land und Leute lästert, manchmal regelrecht unerträglich gewesen. Es fehlt ein wenig an einem roten Faden, der die Episoden deutscher Urlauberbräsigkeit zusammenhält.
Im letzten Viertel nimmt die Handlung etwas mehr Fahrt auf, was dem Lesespaß sehr zuträglich ist, und es kommt sogar zu so etwas wie Völkerverständigung, wenn auch mit Hindernissen. Das Ende überrascht dann noch mal mit einer unerwarteten Wendung und versöhnt mit dem schwächelnden Mittelteil.
Herrlich gelungen ist dem Autorenduo auf jeden Fall, Italienisch mit deutschem Akzent aufs Papier zu bannen. Man kann es förmlich hören, wie der Signore redet, der eine Weile "bei de MAN - mache Motore für die Schiffe!" in Deutschland gearbeitet hat. Und auch der Nostalgiefaktor stimmt. Die vielen kleinen Details aus den Achtzigern von der Musik über die Klamotten bis zu Sunkist im Tetrapack sind wunderbar eingefangen und laden förmlich dazu ein, mal in den eigenen Urlaubserinnerungen zu kramen, ob es da nicht auch beige "Männerhotpants" und broteschmierende Mütter vor der Abfahrt gegeben haben könnte. Oder Legwarmers, Nena-Poster, Vokuhilas oder ... Schlimmeres?