Ein Buch mit großen Thesen, treffenden Aphorismen und doch immer wieder wenig überzeugenden Herleitungen. Im Kern plädiert Gruen für die Überwindung der Autoritätshörigkeit, die er als große Gefahr ansieht.
Die Ursache für Autorität (und Gewalt) sei die „Urverzweiflung“ des Menschen, die sich um ausgebliebene oder falsche - als solche getarnte - Liebe im Kindesalter dreht. Das passiere vor allem, wenn Söhne das „Liebesobjekt“ ihrer Mütter werden („deutlich seltener“ seien es Töchter und Väter), welche wiederum frustriert über die ihnen selbst verwehrte Selbstverwirklichung in der Welt der Männer seien. Daher schaffen und nähren diese den Machthunger ihrer Söhne, um dadurch selbst mächtig zu werden. Persönlich fremdle ich mit diesen Bildern der Psychoanalyse. Ganz schön ist aber Gruens Definition für echte Liebe, die er ganz nebenbei liefert:
„Liebe bedeutet, die Individualität eines anderen Wesens zu erkennen und schätzen zu können; Freude zu haben am Wachsen des anderen.“ (S. 49)
„Um Liebe zu akzeptieren, müssen wir uns erst als der Liebe Wert empfinden.“ (S. 55)
Als Liebesobjekt erfährt man keine bedingungslose Liebe, sondern wird je nach der Bewertung des eigenen Handelns durch die Mutter mal mit falscher Liebe überhäuft, mal wird diese entzogen, was zu großen Schäden führt. Erst ab Seite 216 erläutert Gruen noch einmal ausführlicher, wie sich ihm zufolge ausbleibende oder falsche Liebe im Kindheitsalter auswirkt, zu Beginn des Buches fand ich die Erklärungen nicht klar genug. Mangelnde Liebe bedeutet nämlich verlorenes Selbstwertgefühl. Betroffene entwickeln sich dann entweder zu „Psychopathen“ oder „angepassten Menschen“.
Psychopathen versuchen das verlorene Selbstwertgefühl durch Macht zu kompensieren, legen jegliche Schuldgefühle und Scham ab und können sich und andere ins Verderben stürzen. Sie steigen oft zu „falschen Göttern“ auf, Führerpersönlichkeiten, denen Menschen hinterherlaufen.
„Selbsthass führt dazu, andere zu reduzieren, um durch Rache am Menschsein ein eigenes Sein zu erhalten.“ (S. 16)
Angepasste Menschen - zu diesen werden die allermeisten von mangelnder Liebe Betroffenen - folgen den falschen Göttern. Sie erhoffen sich sich von ihnen Liebe und Erlösung für ihre Schuldgefühle und ihr verlorenes Selbstwertgefühl, die diese jedoch nicht geben können. Angepasste Menschen wurden von der Gesellschaft - vorwiegend von ihren Eltern während der Kindheit - nicht zu Verantwortung, sondern lediglich Pflichterfüllung und Autoritätshörigkeit erzogen.
„Eine Gesellschaft, die von klein auf Anpassung fordert, erzeugt Pflicht und nicht Verantwortung.“ (S. 157)
Wozu eine auf Pflicht ausgerichtete Gesellschaft führt, zeigen der Holocaust und die anschließende Verteidigungen von Eichmann und den Angeklagten in Nürnberg. Das angepasste, autoritätshörige Selbst kann sich jedoch schnell gegen das eben noch Verteidigte wenden (wie beim Sturz von Diktatoren wie Gaddafi) und in ihm kann die stets unterdrückte Wut schnell aufsteigen, wenn das „geregelte Sein“ in Frage gestellt wird (zum Beispiel wenn Demonstrierende den Alltag stören). Außerdem müssen diese Angepassten laut Gruen ständig durch äußere Impulse stimuliert werden, so erkläre sich der heutige Drang zum Konsumieren.
Gut gefallen mir auch Gruens Überlegungen dazu, dass Autoritäten nicht gewaltsam überwunden werden können. Hier lassen sich Verbindungen zu William Godwin, einem Vordenker des Anarchismus, herstellen:
„Revolutionen mögen an den Formen der Knechtschaft etwas ändern oder nicht – an der Knechtschaft selbst ändert sich nichts, solange die Autoritätshörigkeit nicht überwunden wird.“ (Auf S. 66 zitiert aus: Der Wahnsinn der Normalität, Arno Gruen, 1989)
„Letztlich werden immer nur alte Götzen gestürzt, um sie durch neue zu ersetzen. Solange Rebellen ihr eigenes Machtstreben nicht aus ihrem Inneren vertreiben, fallt, wie Henry Miller es ausdrückte, nur eine Kirche, um eine andere auferstehen zu lassen.“ (S. 255)
Vieles an Gruens Argumentation stört mich jedoch. Oft springt er in einzelnen Sätzen oder Absätzen noch zu weiteren Themen, die dann aber nicht ausreichend behandelt werden. Vielleicht kenne ich mich nicht ausreichend in der Psychoanalyse aus, aber mir reichen Einzelschicksale nicht aus, um empirisch belastbare Aussagen über das Wesen aller Menschen treffen zu können – wenngleich ich diese spannend finde, und sie sicherlich auf wirkliche Zusammenhänge zwischen Erziehung und späterem Verhalten hinweisen können. Aber Arno Gruen schreibt, als wären seine Thesen bereits belegt, völlig klar. „Liebe ist nichts anderes als…“ oder „Liebe bedeutet…“ sind die Formulierungen, die er nutzt, oft ohne Fußnoten.
„Moral kommt nicht aus abstrakten Begriffen. Sie entwickelt sich aus der Fähigkeit, emphatisch auf Schmerz und Leid im anderen zu reagieren.“ (S. 235)
Und dafür greift er nicht nur auf die Erkenntnisse aus der Therapie eigener Patient:innen zurück, sondern führt über viele Seiten hinweg Zitate aus dem 1965 veröffentlichten Theatertext „Alle Reichtümer der Welt“ von Eugene O‘Neill an und beginnt mit der Psychoanalyse von zwei Hauptcharakteren, als wären deren Personen und Verhaltensmuster nicht völlig frei vom Autor erfunden. Das überzeugt mich wenig. Viel besser hingegen sind seine Exkursionen in die Biographien berühmter Persönlichkeiten wie Lyndon B. Johnson (welcher im übrigen ein schrecklicher Mensch gewesen sein muss) oder Margaret Thatcher (die ebenfalls schlecht wegkommt).
„Menschen die ihr Lebensgefühl aus Unterdrücken, Besitzen und Herrschen beziehen, bestimmen die Geschichte.“ (S. 16)
Wie können wir nun nach Gruen die Autoritätshörigkeit überwinden? Wir müssen bessere Eltern werden, die Individualität unserer Kinder anerkennen und sie bedingungsloser lieben. Wir müssen die männliche Welt zu einer Welt für alle machen, damit Mütter sich selbst verwirklichen können und nicht für die Kompensation auf ihre Söhne angewiesen sind. Und wir müssen aufhören, falschen Göttern hinterherzulaufen; nicht mehr vergeblich nach ihrer Liebe gieren und sie dabei mit unserer Liebe bedenken. Stattdessen sollten wir akzeptieren, dass diese Menschen nicht zu retten sind.
Ich würde diesem Buch gerne fünf Sterne geben können, aber über weite Strecken war es schwer zu lesen und ungenügend hergeleitet - so landet es bei drei. Es ist sehr lesenswert, Leser:innen sollten aber bei den Aussagen kritisch bleiben.