Immer eine Wohltat einen Menschen zu lesen, der fachliche Kompetenz mit gesundem Menschenverstand verbindet. Etymologie von Herr/Frau/Dame sehr erhellend und lustig. Dagegen bin ich mir nicht sicher, was der Wettbewerb der Übersetzer zeigt. Da gab es also einen Text von Graham Greene, den es zu übersetzen galt, und da kamen eben sehr schlechte Übersetzungen heraus, ich muss allerdings zugeben, dass die abgedruckte als Beispiel einer Katastrophe gemeint, einen gewissen Charme dennoch hat.
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August 2024
Ein Grund warum ich bei Goodreads bin, ist der, das unabsichtliche Wiederlesen von Büchern zu vermeiden. Nun fiel mir dieses Buch in die Hände, und als ich eventuelle Lektüre überprüfte, hatte ich schon die ersten fünfzig Seiten gelesen. Und dann las ich eben doch weiter.
Und das Wiederlesen hat sich gelohnt. Geschrieben in den 80er Jahren (teils sind die ursprünglichen Texte noch älter) und das las sich 2005 noch immer frisch. Und selbst jetzt noch im Jahre 2024. Der Artikel über Sprache und Sexismus könnte nahezu unverändert noch heute erscheinen. Nur, dass man heute von Gendern sprechen würde. Und auch das grauenhafte (für mich grauenhafte) Studierende gab es damals noch nicht.
Was sich, glaube ich, zum Glück, geändert hat ist der Befindlichkeits-Jargon. Den gibt es zwar noch, aber längst nicht mehr so übel wie in den 80er Jahren.
Der Artikel über die Übersetzungsverbrechen ist ebenfalls noch uneingeschränkt gültig. Außer da, wo Zimmer von Maschinenübersetzungen spricht. Immerhin ist er vorsichtig genug, zu sagen, dass es humane Übersetzer „auf absehbare Zeit“ weiter geben müsse. Wobei das Beispiel, das er gibt etwas gemein ist: „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad“. In a cool reason since a wheel mill goes, glaubt er, würde eine Maschine übersetzen. DeepL liefert heute, ohne weiteren Kontext immerhin: in a cool ground, there goes a mill wheel. Und als Alternative sogar das richtige(re) valley statt ground. Lediglich goes wird nicht zu turns. Nicht so schlecht. Was hätte Zimmer dazu gesagt?
Fun-Etymologie: das blasse sehr hieß ursprünglich schmerzhaft (versehrend) „und war sozusagen das ätzend des Althochdeutschen.“ (S. 20)
"Wenn ich das Wort Sprachkritik höre, kommt mir immer ein Bild vors Auge. Ein Mann schlummert im Löwenzahn am Bahndamm, ein Zug kommt vorbei und weckt ihn, und er springt erbost auf, schüttelt die Faust, ruft ihm etwas zu, das der Lärm verschluckt, indes der Zug schon immer kleiner wird."
So herrlich anschaulich und ohne Berührungsängste schreibt Dieter E. Zimmer über "Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch". Auch wenn das erwähnte "neu" schon über 25 Jahre alt ist, die Beobachtungen sind auch heute noch interessant zu lesen (und vielleicht gerade, weil sich nun die Tendenzen bewerten lassen, die Zimmer damals erkannt hat).