»Das ist kein Buch, das ist das Leben.« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Soll er eher etwas Autobiographisches schreiben oder doch lieber einen DDR-Roman? Der namenlose Ich-Erzähler aus Mai, Juni, Juli streift durch eine deutsche Metropole, es ist Mitte der 80er Jahre und alle reden von Pop, Sex und Seele. Er will ein »großer Schriftsteller« werden, aber noch kommt er schlecht aus dem Bett und leidet an Depressionen. Es vergehen Wochen, Monate, und schon wieder ist ein Tag verloren, weil er kein Schreibmaschinenpapier zur Hand hat. Doch immerhin weiß er, was alles nicht vorkommen keine verdammt gute Literatur, keine Monomanie, keine Exzesse, kein Tiefgang, keine geschmäcklerische Yuppie-Schreibe. Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gehört Mai, Juni, Juli zu den »anderen Klassikern« – den Büchern, die nicht im Kanon von Marcel Reich-Ranicki auftauchen, aber eine tiefe Spur im Gedächtnis einer heutigen, jüngeren Generation hinterlassen haben. Nicht zuletzt, weil es am Anfang dessen steht, was später unter dem Label Pop-Literatur subsumiert wurde, eine Abrechnung mit der nicht enden wollenden deutschen wütend, respektlos und ein wenig großkotzig.
Gerade in der zweiten Hälfte aufgrund der hochnotkomischen Mischung von gezielter Provokation durch das Gegenteil von Political Correctness, absurden Charakteren und völlig unzusammenhängenden Trivialitäten, die aber mit dem Gestus des staatstragend Wichtigen in epischer, detailverlieber Breite ausbuchstabiert werden ein köstlicher Genuß.
Aber: Auch wenn dieser 1987er Lottmann als Geburt der Popliteratur gesehen wird, von heutiger Warte aus - an die tatsächlichen Großwerke an der Pop-Wurzel, wie das nochmal 15 Jahre ältere "Die Vollidioten" von Henscheid, reicht er nicht näherungsweise.
Eine schöne Wiederentdeckung allemal dennoch - vor allem für diejenigen von uns, die sich an die 1970er und 1980er Jahre noch erinnern, an ihre ebenso peinlichen, wie im besten Sinne frei drehenden Momente und Facetten, die Lottmanns Alter Ego dieses Buches an sich selbst und der Welt leidend durchlebt.
Liest sich wie der Vorgänger der späteren Popliteraten. Also... Schön, sich da ein bisschen Literaturgeschichte herzuspinnen. Aber ich möchte das nicht lesen. Jemand, den man heute wohl "Slacker" nennen könnte, vertreibt sich halt übellaunig, latent notgeil, aber von seiner eigenen Großartigkeit überzeugt, den Tag und schreibt das alles auf. Dauernde Kopfschmerzen, hilflose Anmachversuche usw inklusive. Die ganzen Quertritte und Anspielungen gegen die BRD, die DDR usw. sind halt sehr aus ihrer Zeit. Lesen sich fast 40 Jahre später also eher belanglos, weil sie meist nur Andeutungen in Halbsätzen sind und man als Leser eigentlich den Kontext mitbringen müsste - was man so viele Jahre später eben nicht mehr tut.
Literaturgeschichtlich vielleicht spannend, aber anno 2026 nichts mehr, was man lesen müsste.