(English version below)
Es gibt eine gewisse Tradition in deutschen Poesie, in der undurchsichtige, undeutliche Bildungen verwendet werden, die wir als “dunkle Poetik” nennen dürfen. Ich denke, diese Tradition beginnt mit Hölderlin, und wie ein trüber Fluss durch die Duinen Elegien Rilkes bis zur Gegenwart strömt. Ingeborg Bachmann ist eine gegenwärtige Vertreterin dafür, und sie gab uns ein Spur ihrer Method:
Wie Orpheus spiel ich
auf den Saiten des Lebens den Tod
und in die Schönheit der Erde
und deiner Augen, die den Himmel verwalten,
weiß ich nur Dunkles zu sagen.
Wenn wir nicht schon geahnt hätten, dass Bachmann bei der Seite Hölderlins war, verkündete sie uns es klar in ihrem Gedicht “Große Landschaft bei Wien”:
Asiens Atem ist jenseits.
Rhythmischer Aufgang von Saaten, reifer Kulturen
Ernten vorm Untergang, sind sie verbrieft, so weiß ichs
dem Wind noch zu sagen.
In Die gestundete Zeit verbindet Bachmann drei Traditionen. Die erste ist die dunkle Tradition unklarer Bilder. Aus dem Titelgedicht dieses Bandes:
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Man könnte vieles über diese Zeilen und wie sie funktionieren sagen, aber nichts, über was sie bedeuten, oder warum sie gewählt worden sind.
Die zweite ist die klassische lyrische Tradition. Die Anerkennung dieses Tendenzes in ihrem Werk verdanke ich ihrem leidenschaftlichen Verfechter Marcel Reich-Ranicki, der auf die lebhafte Klarheit hinweist, mit der sie selbst unklare Bilder evoziert, und der dies als Teil einer Linie sieht, die von Sappho stammt.
Die dritte ist die surrealistische und expressionistische Poesie des Zusammenbruchs nach dem ersten Weltkrieg, und darin hat Bachmann vielleicht in Georg Heym einen geistlichen Vorfahren, dessen Lyrik in Gedichten wie "Ophelia" mir an sie erinnert:
Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
Wie Heym ist Bachmann mit der Zerstörung des Krieges beschäftigt und wandert durch ein Ödland, das hoch aufgetürmt ist mit dem, was Eliot “a heap of broken images” (ein Haufen gebrochener Bilder) nannte.
In Bachmann sehe ich ein Genie, das diese drei Tendenzen zu einer eigenen kristallinen, ganz eigenwilligen Ausdrucksweise wirkungsstark vereint. In ihrer sorgfältigen Erforschung einer zerbrochenen Gegenwart geht sie wahrheitsgemäß mit den Tatsachen ihrer Zeit um, während sie in ihrer oft untertriebenen Entwicklung tiefer Strömungen des deutschen Denkens eine Art Kontinuität wach hält, die den Nachkriegsleser tröstet, indem sie sie mit der lebendigen Vergangenheit vereint, ohne atavistisch vor der schrecklichen Gegenwart zu fliehen. Ich weiß nicht, welchen besseren Trost ein anständiger Mensch in 1953 hätte suchen können.
Ehrlich gesagt ist der “dunkle” Stil von trüben Bildern nicht mein Geschmack. Andererseits, als ich Dante las, erkannte ich zum ersten Mal, wie stark als Leser ich auf klare, deutliche Bilder reagierte. Ich selbst habe keine starke persönliche oder ästhetische Reaktion auf Bachmanns Werke, aber ich erkenne ihren Mut und ihre technische Meisterschaft an.
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There's a certain German poetic tradition that involves using opaque, indistinct imagery which we might call a dark poetics. I think of this tradition as beginning with Hölderlin, and it runs like a murky river down through Rilke's Duino Elegies and into the near-present to find a modern representative in Ingeborg Bachmann, who gives us this clue to her method:
Wie Orpheus spiel ich
auf den Saiten des Lebens den Tod
und in die Schönheit der Erde
und deiner Augen, die den Himmel verwalten,
weiß ich nur Dunkles zu sagen.
If we did not already sense that Bachmann was of the party of Hölderlin, she clearly announces it to us in her "Große Landschaft bei Wien":
Asiens Atem is jenseits.
Rhythmischer Aufgang von Saaten, reifer Kulturen
Ernten vorm Untergang, sind sie verbrieft, so weiß ichs
dem Wind noch zu sagen.
In Die gestundete Zeit, Bachmann combines three traditions. The first is the dark tradition of unclear imagery. From the titular poem of this volume:
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
There are many things we can say about these lines, and how they function, but not, I think, what they mean or why they were chosen.
The second is the classical lyrical tradition. I owe the recognition of this tendency in her work to her ardent champion, Marcel Reich-Ranicki, who points out the vivid clarity with which she evokes images which are themselves unclear, and sees this as part of a line coming down from Sappho.
The third is the surrealist and expressionist post-World-War-I poetry of collapse, and in this perhaps Bachmann has a spiritual ancestor in Georg Heym, whose lyricism in poems like "Ophelia" reminded me of her:
Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
Like Heym, Bachmann is preoccupied with the devastation of the war, and wanders through a waste land piled high with what Eliot called "a heap of broken images."
In Bachmann, I find a genius who combines these three tendencies into her own crystalline, totally idiosyncratic manner of expression, and to powerful effect. In her careful exploration of a broken present she deals truthfully with the facts of her moment, while in her often-understated development of deep currents of German thought, she keeps alive a kind of continuity that comforts the post-War reader by connecting them to the living past, without taking atavistic flight from the awful present. I do not know what more solace a decent human being could have sought in 1953.
In all honesty, the "dark" style of murky images is not to my taste. On the contrary, when I read Dante I first recognized how deeply I respond as a reader to clear, distinct images. I do not myself have a strong personal or aesthetic response to Bachmann's work, but I recognize its courage and technical mastery.