Ein wunderbarer Künstlerroman, den ich ohne zu zögern auf das Regal meiner Lieblingsbücher stellte.
Hülle, Schale, Haut bzw. Häutung, Maske sind korrespondierende Begriffe, die zum Verständnis dessen führen, worum es dem Bildhauer Tang Unhyon (und Han Kang als Schriftstellerin) geht - er will in das Innere blicken, herausfinden, was hinter der Fassade vor sich geht. Bildhauer ist dabei ein irreführender Begriff, der dem Deutschen geschuldet ist. Tang schafft Skulpturen mittels Gipsabdruck vom lebenden Objekt, die er später mit Gips oder anderen Materialien ausgießt und farblich, strukturell oder oberflächlich nachbearbeitet. Seltener modelliert er auch mit Ton.
Hände sind dabei ein Hauptbestandteil seines Werkes, Körperhüllen ein anderer. Die Hand als Spiegelbild der Seele, als zweites Gesicht, erlaubt einen besseren Blick in das Innere als das Gesicht, bei dem wir gewöhnt sind, uns eine Maske aufzusetzen, um das Innere zu verbergen. Die Anzahl der Finger ist dabei eine Normalität, von der eine Abweichung für Aufsehen und Zurückweisung führt. Ein Unfall, bei dem Finger verloren gehen, ein genetischer Fehler, der zu einem überschüssigen Finger führt. Kalte und warme Hände, lebhafte und leblose Hände, schöne und hässliche Hände sind wiederkehrende Motive.
Die Personen in diesem Roman sind alle nicht ganz "normal", entsprechen auf die eine oder andere Weise nicht der Norm. Der Onkel, der ein Tunichtgut ist; die Mutter, die ihre Kinder nicht liebt; der Vater, der seine Frau nicht liebt; das Mädchen, das von ihrem Stiefvater missbraucht wird und sich fortan einen Panzer anfrisst, als adipöses Monster unter den Reaktionen der Umwelt leidet; die Schönheit, die sich mit der Aura des Erfolgs umgibt, dabei aber genauso verletzlich ist wie das Monster.
Eingepasst in die Rahmenhandlung aus Prolog und Epilog, in der Han von der Schwester eines vermissten Bildhauers ein Manuskript bekommt, in der Hoffnung, dass sie darin einen Hinweis auf seinen Verbleib entdecke, bildet dieses Manuskript den Hauptteil des Romans. In drei Teilen erzählt Tang sein Leben. Teil 1 behandelt dabei seine Jugend und das Studium, Teil 2 das frühe Modell L., dem "Monster", Teil 3 E., der Innenarchitektin.
Außer Tang, dessen Name und Vorname Unhyon bekannt wird, haben alle anderen Personen keine Namen. Die Mitglieder seiner Familie gar keine Namen (außer der Schwester Hae-sook), nur Bezeichnungen wie Vater, Mutter, jüngere Schwester usw., die anderen Personen nur Initialen eines Mononyms. Bei koreanischen Namen hätte ich ohnehin immer das Problem, dass mir die Referenzwerte fehlten und die Namen als unisex erscheinen, keinen Hinweis auf das Geschlecht der Person geben. Interessanterweise sind die Initialen besser zu erinnern als die eigentlichen fremdländischen Namen. Für kulturell Näherstehende mag das anders sein, haben die Namen ja oft Bedeutungen und sind mit Assoziationen behaftet, die mir hier ganz fehlen.
L. und E. sind diametral unterschiedliche Personen, aber bei allen Unterschieden in ihrem Erscheinen und ihren Reaktionen sowie Strategien zur Verschleierung des Inneren sind beide gleichermaßen verletzlich. Tang liebt sie beide, sofern ihm das überhaupt gelingt. Dabei gibt er in seiner Güte und ruhigen Art und wird genommen, aber er bekommt auch - künstlerisch, aber nicht als Mensch. Oder doch? Aus irgendeinem Leiden, einer Seelenqual, ist sein Verschwinden jedenfalls nicht zu erklären, es scheint keine zu geben.
Irgendetwas in diesem Roman räsoniert in mir, obwohl ich mit keiner Person irgendetwas Spezifisches teile. Das Leiden von L. nimmt mich mit, das Leiden von E. lässt mich kalt. Unhyons Erkenntnisse und Lebenslehre aus Teil 1 kann ich gut nachvollziehen, seine Art als Erwachsener ist mir fremd. Ein geheimnisvolles Werk, das mir speziell gut gefällt.