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Aufklärung: Das deutsche 18. Jahrhundert - Ein Epochenbild

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Ein Zeitalter auf der Suche nach einer neuen Ordnung: Steffen Martus zeigt, wie dramatisch die Aufklärung das Deutschland des 18. Jahrhunderts verändert hat. Seine Darstellung reicht von der Neuordnung der politischen Landkarte um 1700 über die Erschütterung Europas durch das Erdbeben von Lissabon bis zum Vorabend der Französischen Revolution. Eine Epoche, die uns nähersteht, als wir glauben: Man schwärmt von Frieden und Freiheit, aber auch vom „Tode fürs Vaterland“, und ausgerechnet Friedrich der Große, Musterbild des aufgeklärten Monarchen, beginnt einen Siebenjährigen Krieg, der zum ersten Weltkrieg wird. Vor allem aber entdeckt die Aufklärung, dass der Mensch keineswegs souverän, sondern zutiefst unmündig ist: Gefühle und Gewohnheiten wirken mächtiger als die Vernunft.
Steffen Martus zeigt das 18. Jahrhundert in neuem Licht. Er erzählt die Geschichte der Leidenschaften, der Politik, Kultur und Wissenschaft, er schildert den Alltag in den Universitäten, den Städten, bei Hofe und zeichnet eindringliche Porträts von Diplomaten, Dichtern und Gelehrten bis hin zu Kant, der Chancen und Grenzen der Erkenntnis erkundete. Ein einzigartiges Geschichtswerk über jene kritische Epoche, in der unsere Gegenwart beginnt.

1040 pages, Hardcover

Published October 29, 2015

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Steffen Martus

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Profile Image for Gavin Armour.
615 reviews130 followers
July 6, 2016
[Dieser Text bezieht sich auf Steffen Martus: AUFKLÄRUNG: DAS DEUTSCHE 18. JAHRHUNDERT - EIN EPOCHENBILD]

In den momentanen Diskussionen um die Frage, ob das Abendland ernsthaft bedroht sei durch zu viel Zuwanderung aus kulturfremden Regionen, durch Anhänger des Islam, durch kulturelle und religiöse Zuwanderung, die uns fremde und aus Sicht einer säkularisierten Gesellschaft rückständige Aspekte sozialen Lebens re-importiert, wird viel von „der“ Aufklärung gesprochen. Sie wird dabei von den unterschiedlichsten Lagern aufgerufen und ins Feld geführt. Sowohl jene, die im Namen von Menschlichkeit und Empathie zur Öffnung der Grenzen aufrufen, berufen sich auf die Werte des Abendlandes, auf seine Tradition der Toleranz, Weltoffenheit und Liberalität, aber auch die, die genau diese Grenzöffnung ablehnen, die darüber hinaus die politische Kaste unter Generalverdacht stellen, das Land bereits wieder in einer Diktatur sehen, rekurrieren auf den Aufklärungsbegriff nach Kant – daß der Mensch sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien und selbst denkend zum Subjekt werden solle.

Das führt natürlich zu Verwirrung. Kann denn ein jeder sich der Aufklärung „bedienen“, sich auf ihre Werte und Traditionen berufen, ohne sich in Widersprüchen zu verheddern? Da tut es gut, den überhitzten Kopf einen Moment zu beruhigen, sich zurückzulehnen und noch einmal genauer den Gedanken nachzuspüren, die die Aufklärung definieren. Steffen Martus hat das passende Buch zur Lage geschrieben: Ein Epochenbild des 18. Jahrhunderts in Deutschland unter der sammelnden Überschrift ‚Aufklärung‘.

Auf gut 1000 Seiten inklusive Appendix entwirft der Autor ein breites Panorama der historischen Bedingungen, der Sitten und Gebräuche auch und gerade zu Hofe, von der Entwicklung der Städte im reformierten und konfessionell geteilten Deutschland, das damals in dieser Form natürlich nicht existierte. Wie wurden Berlin und Potsdam unter Friedrich II. zu Orten aufklärerischen Denkens? Wie konnte der preußische Monarch zum „aufgeklärten“ Regenten avancieren, inwiefern stimmte diese Bezeichnung in Bezug auf seine unter realpolitischen Bedingungen getroffenen Entscheidungen vor allem im Hinblick auf den großen Konflikt seiner Zeit, den Siebenjährigen Krieg, den Martus in Anlehnung an viele seiner Kollegen als Ersten Weltkrieg bezeichnet? Welches waren die Zentren der frühen, der hohen und der späten Aufklärung? Wie verliefen die Linien zwischen den verschiedenen Schulen und Zentren der Aufklärung in den deutschen Fürstentümern, wie standen sie zueinander, wie hoben sie sich voneinander ab?

Martus unterteilt seine Studien in vier große Abschnitte, wobei er groben zeitlichen Festlegungen folgt.

Die Anfänge der Aufklärung verortet er zwischen den Jahren 1680 und 1726. Anhand einer genaueren Betrachtung höfischen Zeremoniells und der Entwicklungen unter dem einstmaligen brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., der sich im Jahr 1700 in Königsberg – und damit außerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – zum König krönen ließ, und der Bedeutung, die dessen Selbstermächtigung für das Europa der Fürsten- und Königshäuser hatte, gelingt es, dem Leser nicht nur spannend erzählt die Geschichte jener Jahre in jenem zerrissenen Vielstaatenwerk, das einst ‚Deutschland‘ genannt werden sollte, zu vermitteln, sondern auch die Sollbruchstellen und Verwerfungslinien aufzuzeigen, sowie zu erläutern, welchen kommunikativen Wert das Zeremoniell hatte. Vom fürstlichen, höfischen Zeremoniell ist der Weg nicht weit zu jenen Zentren der Gelehrten wie Halle und Göttingen, wo die frühe Aufklärung sich manifestierte, wo ihre frühen Vertreter lehrten wie Christian Thomasius oder Christian Wolff, der die „gründliche Vernunft“ dem reinen Glauben vorzog und dennoch auf eine Welt vertraute, die von Gott perfekt gestaltet worden ist. Martus kann gerade anhand der Verkreuzung des höfischen mit dem universitären Leben verdeutlichen, inwiefern die Aufklärer auf die Gunst der jeweiligen Landesherren angewiesen waren, wie eng oft Denken und momentaner Brotgeber miteinander verbunden waren und wie oft das eine auch am andern scheitern konnte. Allerdings zeigt das Buch auch, wie sich einzelne Fürsten, die mit der Zeit gehen wollten und sich durchaus Wettbewerbe lieferten, wer die aufgeklärteste Universität zu bieten hatte, gegenseitig die Gelehrtenn abspenstig zu machen suchten und wie diese wiederum manches Mal alles daran setzten, ihren gegenwärtigen Gönner zu verärgern, um anderen, lukrativeren Angeboten folgen zu können. Das ist einerseits lustig, da es einen durchaus nüchternen Blick auf die hohen Herren des Zeitalters wirft, zugleich erzählen gerade diese anekdotisch erscheinenden Geschichten überdeutlich, wie sich Denken, Macht und Abhängigkeit bedingen.

So schön sich uns die Erkenntnisse der Aufklärung heute anmuten, so sehr wir sie uns heute als homogenes Denken und Erfahren vorstellen – keineswegs war „die Aufklärung“ eine international einheitliche Denkbewegung und schon gleich keine der reinen Vernunft folgende Veranstaltung. Auch waren „die Aufklärer“ keinesfalls allesamt Atheisten, und erst recht waren sie nicht frei von Eitelkeiten. Wie stark manchmal freies Denken oder bestimmte Denkschulen von der Gunst des einen oder anderen Potentaten abhängig waren, arbeitet Martus gerade hier gut heraus und es gelingt ihm, gerade daran den Wettbewerbscharakter, der bspw. unter den einzelnen Universitäten herrschte, zu verdeutlichen. Auch, wie stark Zank, Streit und Hader, Eifersüchteleien und Eitelkeiten oft das Denken und Handeln einzelner beherrschten, wird so für den Leser fassbar.

Der zweite Abschnitt, den der Autor zeitlich auf die Jahre 1721 bis 1740 datiert und unter dem Titel „Aufklärung ohne Grenzen“ zusammenfasst, befasst sich mit eben jenen Thesen, Entwicklungen und Denkbewegungen, die wir heute sowohl philosophisch wie historisch am engsten mit der Aufklärung verbinden: Die Skepsis gegenüber der institutionalisierten Kirche und Religion, Bildung als Mittel, den Menschen zu einem Subjekt werden zu lassen, bürgerliche Werte als Entstehungsbasis einer neuen Schicht, weibliche Emanzipation – hier vor allem die „Gottschedin“, Johann Christoph Gottscheds Gattin, die relativ gleichberechtigt an der Seite ihres Mannes wirken konnte - , natürlich dessen Wirken und natürlich das Buch und die Zeitschrift als Medien der Stunde. Hier postuliert Martus am ehesten das, was klassisch unter Aufklärung verstanden wird.

Der dritte Abschnitt – „Aufklärung im Widerstreit“ – umfasst den Zeitraum ab 1740 bis ca. 1763 und bringt dem Leser noch einmal deutlich nah, wie eng Denken und politische Wirklichkeit gerade in Bezug auf den Krieg, den die Aufklärer mit einer erstaunlichen Blut- und Gewaltlust begleiteten und kommentierten, miteinander verknüpft waren. Hier werden aber auch die großen Dispute – die Anhänger Wolffs gegen jene Thomasius`, der „Dichterkrieg“ zwischen Leipzig/Gottsched und Zürich/Bodmer & Breitinger, die Verachtung auch angehender Dramatiker wie Lessing oder Goethe für Gottscheds starre Theaterreform und engen Ansichten zur dramatischen Form (die Goethe immerhin derart relativierte, indem er zugab, daß er Gottscheds Theater-Lexikon immer in Griffnähe habe) – verhandelt, anhand derer Martus aufzeigen kann, mit welcher Verächtlichmachung, Verbissenheit und mit welchem Willen zur Verletzung unter den unterschiedlichen Schulen der Aufklärung vorgegangen wurde. Interessant, mit welcher Lust und Vehemenz schon damals die soziale Existenz anderer, ihre Reputation als Denker, ihr Ruf als Gelehrte angegriffen und teils zerstört wurde. Hier, in diesem Abschnitt, werden dem Leser aber auch widerstreitende und die Aufklärung begleitende, ihr zum Teil widersprechende Strömungen des Geistes- und Kulturlebens beschrieben. Der Pietismus findet ebenso Erwähnung und wird in Bezug zur Aufklärung gesetzt und erklärt, wie der Sturm und Drang.

So, wie der erste Abschnitt – und gerade dies ist eines der ganz großen Verdienste des Buches – dem Leser unmißverständlich verdeutlicht, wie die Aufklärung aus dem Barock und seinen ersten empirischen Versuchen, aus den Überlegungen des Humanismus und schließlich auch den Verwerfungen der Reformation – nicht von ungefähr waren die deutschen Höfe, die die Aufklärung als universitäres Unterfangen wie als philosophische Form förderten, allesamt protestantisch, das erzkatholische Habsburgerreich unter Maria Theresia zog da bedeutend später und auch dann nur bedingten Willens nach – hervorging, daß sie kein einheitliches Projekt war und auch nicht als Entität zu begreifen ist, so verdeutlicht der dritte Abschnitt auch noch einmal, daß die Aufklärung durchaus Neben- und Gegenströmungen zu gewärtigen hatte und auch in „ihrem“ Jahrhundert keineswegs unangefochtener oder alleiniger Star am denkerischen Himmel war.

Der vierte und letzte Abschnitt befasst sich verstärkt mit den Gedanken Kants und – Überraschung – zeigt den deutschen Sonderweg des Idealismus´. Kant, der die bis heute im deutschen Sprachraum griffigste und gängigste Definition dessen, was Aufklärung sei, gegeben hat, war selbst alles andere als ein Aufklärer. Im Gegenteil: Nicht nur wollte er eine „metaphysische Wende“, die das gesamte Denken noch einmal neu startete und auf eine neue, sachliche und der reinen Vernunft vertrauende Grundlage stellen sollte, sein Denken steht auch zu bestimmten aufklärerischen Ansichten und Thesen in direktem Widerspruch. Doch kann Martus auch und gerade in diesem abschließenden Abschnitt deutlich aufzeigen, wie stark aufklärerisches Denken gerade dort ist, wo es sich an sich selber reiben muß, wo es mit seinen eigenen Waffen des Denkens, der Vernunft, in Frage gestellt wird. Die Kraft des Aufklärungsprojekts, wie wir es heute oftmals verstehen, drückt sich gerade in diesen Disputen und Streitereien aus.

Natürlich ist es nicht möglich und auch nicht Sinn und Zweck, in einer Rezension minutiös aufzuzeigen, was das besprochene Buch beinhaltet. So sei gewiß, daß die hier aufgeführten Vorzüge des Buches nur einen Bruchteil dessen darstellen, was dieses Werk ausmacht. Es gelingt Martus, dem Leser wirklich eine Epoche nahe zu bringen und darin deren hauptsächliches Denken. Das ist manchmal schwere Kost, scheut er sich eben nicht, die wesentlichen Denkbewegungen nachzuvollziehen und zu erläutern, manchmal ist es auch einfach lustig, wenn der Autor sich an einer der großen sozialen Errungenschaften der Aufklärung beteiligt – dem gnadenlosen Klatsch und Tratsch, der nicht nur in der Waschküche bleibt, sondern auch schriftlich fixiert zu den tollsten Verwerfungen führt – und damit all die großen Dichter und Denker zu Menschen mit allzu menschlichen Eitelkeiten und Bedürfnissen eindampft. So werden aus historischen Figuren Menschen, die sich in den Möglichkeiten ihrer Zeit bewegten, die diese Möglichkeiten ständig erweiterten, die die Chancen nutzten und Europa damit eine der wenigen wirklich großen geistigen Wenden der Geschichte bescherten.

Oft wird behauptet, es habe gar keine deutsche Aufklärung gegeben, die großen Namen – Locke, Voltaire, Diderot, Pope u.v.m. – seien französisch und englisch, wenige Deutsche hätten echte Aufklärungsarbeit geleistet. In gewissem Sinne könnte man das so stehen lassen. Das ließe zwar Lessing als wesentlichen Dramatiker der (deutschen) Aufklärung außen vor, würde Klopstock oder Mendelssohn und viele andere diskreditieren und vor allem außer Acht lassen, daß Sanssouci und der Hof Friedrich II. Voltaire eine Heimat boten, als der sie dringend brauchte, doch es würde insofern greifen, als daß viele deutschen Denker von Weltrang – Goethe, Schiller, Kant, Hegel et al. – nicht zwingend der Aufklärung zuzurechnen sind. Doch ist es wesentlich, gerade in der aktuellen Auseinandersetzung um die Deutungshoheit dessen, wofür ‚Aufklärung‘ zu stehen habe, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, daß die ‚Aufklärung‘ in England, Frankreich, Deutschland, der Schweiz oder dem Habsburgerreich relativ unterschiedliche Formen ausgeprägt hatte und die deutsche Aufklärung nicht zuletzt deshalb so wichtig ist, weil sie, gerade einmal ca. 30 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, im Spannungsfeld der Konfessionen und der konfessionellen Entwicklung und in diesem Zusammenhang auch auf das Judentum als stark unterdrückte Religion Maßstäbe der Auseinandersetzung setzte und maßgeblich dazu beitrug, sozialen Frieden zu generieren und zu garantieren.

Steffen Martus gelingt es, all diese Aspekte in seinen Text einfließen zu lassen, nur selten zu kurz zu greifen und dennoch ein derart spannendes Buch vorzulegen, daß man sich gar nicht mehr von dieser Epoche trennen, sie nicht mehr verlassen möchte. Wie einen guten Roman kann man dieses Buch lesen, man wird unterhalten und dennoch belehrt. Und genau so sollte es sein!
Profile Image for Wedma.
438 reviews11 followers
September 7, 2017
Klappentext: „Ohne die Aufklärung im 18. Jahrhundert sähe unsere Welt anders aus. In beeindruckender Fülle zeichnet Steffen Martus das Bild eines doppelgesichtigen Zeitalters: Es ersehnt den Frieden und führt mit patriotischer Zerstörungswut Krieg; es betreibt mit Hingabe wissenschaftliche Experimente und schwärmt zugleich für Okkultismus und Geisterseherei. Lessing, Herder oder Kant propagieren den selbstbestimmten Menschen, müssen aber feststellen, dass dieser sich vor allem von seinen Gefühlen leiten lässt. Ein einzigartiges Werk über die Epoche der Vernunft, die ebenso eine Epoche der Leidenschaft war.“
„Aufklärung“ von Steffen Martus ist ein gutes Werk, das die Leser über einige Aspekte des dt. 18. Jahrhunderts in Kenntnis setzt, insb. was Geschichte, Politik, Philosophie, Kirchliche und manche gesellschaftliche Angelegenheiten angeht. Dem Autor ist es gelungen, diese „Doppelgesichtigkeit“ der Aufklärung vor Augen der Leser zu führen.
Auf rund 876 Seiten reinen Textes, in vier Teilen geordnet:
Teil I 1680-1726: Die Anfänge der Aufklärung: „Im Fürstenstaat: die höfische Gesellschaft und ihre Projekte“, „In der Gelehrtenrepublik: die Universität als Staatsprogramm“, „Zwischen Stadt und Reich: Hamburger Patriotismus“.
Teil II 1721-1740: Aufklärung ohne Grenzen, darunter: „Die Natur der Aufklärung“, „Weibliche Aufklärung“, „Die radikale Aufklärung des Buchmarkts“, usw.
Teil III 1740-1763: Aufklärung im Widerstreit: „Politik für Newtonianer?“, „Jeder gegen Jeden“ , darin: „Thomasianer und Wolffianer“, „Scherzende und empfindsame Aufklärung“, „Strukturen der Empfindung“, darin „Demographie und Heiratsfurcht“, „Regieren mit Herz: Friedrich II. und Maria Theresia“, „Das ‚Spiel des Zufalls‘: der Siebenjährige Krieg“.
Teil IV 1763-1784: Das Ende eines „Zeitalters“?: „Zeitverwandte“, darin „Winckelmanns Griechen“, uvm, „Individualität der Aufklärung“, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“
erzählt der preisgekrönte Professor aus Berlin seine Version der dt. Aufklärung. Dabei stützt er sich u.a. auf die Werke der bedeutenden Gelehrten dieser Zeit, sowie auf zeitgenössische Zeitungen. Er fängt mit Kant’schen „Entdeckung der Unmündigkeit“ in der Einleitung an und schließt auch mit Kant und seinen Problemen und Auseinandersetzungen mit Herder ab.
Besonders gut gelungen fand ich die Ausführungen über: die Buchmarktentwicklung und seine Monetarisierung, auch über die Ursachen der aufsteigenden Popularität der Schauerromane, über die Diskussion zu Urheberrechten, denn „Der Buchhandel der Aufklärung funktionierte im Prinzip ohne Urheberrecht. Der Autor verkaufte sein Werk einem Verleger, der es fortan als sein Eigentum betrachtete.“ S. 736; über die Entwicklung und Rolle der Städte wie Hamburg, Leipzig, Frankfurt im politischen und gesellschaftlichen Geschehen jener Tage. Auch die philosophischen Aspekte, z.B. Wolffianer vs. Newtonianer vs. Thomasianer, später Kant vs. Herder sind sehr gut ausgearbeitet und zugänglich präsentiert worden. Einige Politiker wie Friedrich I., Friedrich II. sind auch ausführlich beschrieben worden, ferner Maria Theresia im Vergleich zu Friedrich II.
Die Entwicklung der Bildung, der Medizin sowie Frauenaufklärung, nicht nur die med. Aspekte, sondern auch Frauen als begeisterte Leserinnen, sind ebenfalls recht griffig dargeboten worden.
Zum Schluss gibt es Ausführungen über die Erbauung von Sanssouci und die Rolle der Gärten: „Die Idee, den Garten als Ort politischer Einstimmung zu nutzen, knüpfte problemgeschichtlich an die Diskussion um die ‚Ästethik‘ an.“ S. 753. „Der Landschaftsgarten oder auch der ‚Englische Garten‘, wie er im 18. Jahrhundert in ganz Europa reüssierte, galt lange als Symbol sozialer oder politischer Liberalität.“ S. 757.
Einiges aus den Kapiteln „Die Individualität der Aufklärung“ und „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ fand ich recht aufschlussreich. Hier geht es anfangs wieder um Bücher, Leser und Autoren, weiter um Kriminalität, u.a. Kindesmorde, die damals nicht gerade selten vorkamen. Hier wurde u.a. der Fall von „Susanna Margaretha Brandt, das mutmaßliche Vorbild für das Gretchen aus Goethes Faust…“ S. 772, beschrieben. Oder auch der Fall mit dem Müller, der seinen Geschäften nicht nachgehen konnte, da das Wasser für königliche Karpfenteiche abgegraben wurde. Vor Gericht wurde der Müller schuldig gesprochen, da er seine Zahlungsunfähigkeit angeblich seiner Trägheit zu verdanken hatte. „Friedrich reagierte scheinbar im Namen des gesunden Menschenverstands, der bekanntlich nur selten wie der Justizapparat urteilt.“ S. 780. „… die regionale und lokal gewohnten Gesetze wurden gesammelt, kodifiziert und in die Hand des Staats gelegt, materiell aber wenig verändert. Daher wurden keine gleichen Rechte für gleiche Menschen formuliert, sondern weiterhin Gesetze, die je spezifisch für Elemente einer ständisch gegliederten Gesellschaft von Ungleichen, von Adligen, Bürgern und Bauern, Frauen und Männern, Mündigen und Unmündigen, galten.“ S. 781.
Am Ende geht es näher um Kant und seine Probleme u.a. wegen der Kritik der reinen Vernunft. „Während Kant zu Beginn seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? mit Blick auf den Einzelnen den ‚Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit‘ gefordert hatte, rief er im weiteren Verlauf seiner Argumentation das Kollektiv auf die historische Bühne und sprach am Ende im Plural vom ‚Ausgang der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit‘. … Nur wer die eigene Unmündigkeit und Unzulänglichkeit einsieht, die Abhängigkeit von unendlich vielen Freundlichkeiten, Zuwendungen und Hilfestellungen, vermag s ich auf eine produktive Art von seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien…“ S. 881.
Martus schließt mit: „Die Aufklärung geht uns heute als zwiegesichtige Epoche an. Wir können von ihr lernen, wie tief und historische Umbrüche berühren….Uns überfordert die Aufgabe, große Ideen strikt zu realisieren… Das sanfte Licht der Aufklärung zeigt etwas anderes: wie man sich an unklare Verhältnisse und unruhige Zeiten gewöhnen kann.“ S. 887.
Anmerkungen auf 70 S., Literatur auf 50 S., Personenregister 10 S., Zeittafel 8 S. runden das Ganze ab.
Fazit: Es ist ein gutes Werk über die dt. Aufklärung 1680-1784 mit Schwerpunkten Geschichte, Politik und Philosophie, das mit kaum so einem hohen Unterhaltungsfaktor erzählt wurde, wie man es heute in einigen Sachbüchern sieht. Über manche bedeutende Person, ihr wirken und Denken, wurde seiten- oder auch kapitellang, wie z.B. über Winckelmann, oder auch Wieland, berichtet. Insg. ging es eher in die Breite, da ein umfangreiches Bild dieser Zeit angestrebt wurde, dennoch fehlen größtenteils solche Aspekte wie Malerei, Musik, Wirtschaft, einige gesellschaftliche Aspekte. Aber insg., wenn man ein Neuling auf dem Gebiet ist und sich für diese Epoche interessiert, wird man hier erstmal gut bedient.
Das Buch ist schön gestaltet: Festeinband in Hellbraun, Umschlagblatt, Lesebändchen in Dunkelrot. Es wiegt 1180gr, ist 5,5cm dick, aber da es gebunden ist, lässt es sich gut lesen.
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