Ein Mann und seine lebenslange Sehnsucht nach dem Süden. Der große Roman von André Heller
Ein »fleißiger Taugenichts« ist der knapp nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien geborene Julian Passauer. Im Dachgeschoss von Schloss Schönbrunn wächst der Sohn des stellvertretenden Direktors des Naturhistorischen Museums auf, umgeben vom Teehändler und »Hauswüstling« Hugo Cartor, dem philosophierenden »Warzenkönig« Grabowiak oder dem ehemaligen Weltklasseschwimmer Graf Eltz, einem begnadeten Geschichtenerzähler. Vaters lebenslange Sehnsucht nach dem Süden setzt sich in Julian fort. Auf einer ausgedehnten Schiffsreise umrundet Julian Afrika, er beginnt ein Studium, bricht es ab und wird schließlich professioneller Pokerspieler. Erst in der Villa Piazzoli am Gardasee scheint er zur Ruhe zu kommen und begegnet den Frauen seines Lebens. Und doch zieht es ihn wieder weiter – nach Süden.
Zeitweise netter Balsam für das kakanophile Herz, aber dieses Buch weiß nicht recht was es sein will. Es pendelt irgendwo zwischen Herzmanovsky-Orlando und Joseph Roth für arme. Maxim Biller würde es vernichten.
Anfangs habe ich mich mit Andre Hellers Schreibstil etwas schwer getan (etwas altmodisch - elegant), nach einer kurzen Eingewöhnungszeit lief es dann noch recht annehmbar, teilweise witzig und nicht alltäglichen Weisheiten. Natürlich fehlt es diesem Roman an Spannung, dennoch eine leichte, entspannt zu lesende Lektüre.
Ich habe nichts gegen Intellektualität. Ich habe auch nichts dagegen, diese dann und wann zum Einsatz zu bringen. Auch (oder vielleicht sogar: besonders) dann nicht, wenn man sein Herzblut in einen Roman steckt. Manchmal aber ... ja, manchmal sollte man seine Virtuosität im Umgang mit Worten ein wenig zaghafter einsetzen. Es gibt eben ein "Zuviel". Und in einer Geschichte, die eigentlich von einem "zu Wenig, mitten im Überfluss" erzählt sollte die Eleganz wenigstens hie und da auch ohne den Prunk auskommen, den ausufernde Sprachbilder und Aneinanderreihungen teils nicht mehr geläufiger oder benutzter Phrasen und Worte bedeuten.
André Heller erzählt im "Buch vom Süden" die Geschichte des Julian Passauer. Als Spross einer gut situierten Familie (der Vater ist Museumsdirektor in Wien) wächst er kurz nach dem Weltkrieg in einem von seiner eigenen Kleinheit gelähmten Österreich auf. Wir durchleben sein Erwachsenwerden, seine ersten Kontaktaufnahmen zum anderen Geschlecht und schließlich sein Aufblühen und Verwelken als Lebemann erster Güte. Der Wunsch nicht nur im Süden, also in unmittelbarer Nähe zu Mittelmeer und Zypressen, zu leben; sondern sich gewissermaßen vollständig mit ihm und seinen ihm zugeschriebenen Attributen zu identifizieren ist der Mittelpunkt der sprachlich ausgefeilten Erzählung. Und nicht nur das. Überhaupt sind es die Lebensentwürfe eines Menschen einer uns schon längst nicht mehr verständlichen Welt, von denen Heller in seinem Buch zu berichten weiß.
Julian ist ein Taugenichts. Sein Vater ein nicht ganz einfacher, von seinen dramatischen Erlebnissen während des Weltkriegs gebeutelter Mann. Seine Mutter, die ein gefühlsbetontes, zweites Leben führt, eine andere Frau als Julian ahnt. Er selbst ist erst unwissentlich Schüler eines ungewöhnlichen Mentors, ehe er zum Mündel eines noch ungewöhnlicheren Lehrers wird. Und dann lebt er sein Leben mit drei Frauen, die unterschiedlicher und gleicher nicht sein könnten.
Es ist nicht unbedingt ein ständiges Bergauf in Julians Leben. Für mich, als Leser, allerdings fühlte sich die eine oder andere Passage des Textes an wie ein Berglauf. Hellers Betrachtungen (und seine Art über das Leben, das Universum und den ganzen Rest zu sinnieren) durchtränken jede Zeile des Buches auf eigenwillig reichhaltige, manchmal übertrieben schwere Weise. Als Wiener kann ich viel von dem Nachvollziehen, was er schreibt. Die Stadt vererbt ihren Kindern nicht zuletzt eine gewissermaßen unabschüttelbare Schwermut, die wie eine Milchglasbrille vor unseren Gesichtern die Farben oft unnötig eintrübt und die Welt vor unseren Augen verwischt als würde es beständig regnen.
Dass aber nicht nur Julian, der dieses Erbe quasi für Außenstehende erklären soll, sondern auch alle anderen von diesem Wesenszug geprägt sind; das ist freilich eine der größten Schwächen des Romans. Für mich zumindest. Egal um wen es sich handelt und welche Einstellung ihm zu eigen ist; wannimmer die Sichtweise einer Figur beschrieben wird tut Heller das mit seinen Worten. So entsteht der Eindruck, die zweifelsfrei elegante Sprache vermischt sämtliche Zutaten des Buches zu einem festen Klumpen, der zwar zum Protagonisten, nicht aber zu den meisten anderen Charakteren passt.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich verständlich machen konnte, was mir "Das Buch vom Süden" ein wenig verleidet hat. Vielleicht bin ich auch zu kritisch. Auch ist mir klar, dass es eben ein Buch der Sehnsucht, Nachdenklichkeit und Langsamkeit sein soll. Aber zumindest an einigen Stellen hätte es an ein wenig mehr Vielfalt im Stil wachsen können.
Was das Buch allerdings gut macht, ist einen Einblick in Leben und Denkweise jener Generation von in Wien geborenen zu bieten, die eben kurz nach dem Weltkrieg zur Welt gekommen waren. Es bietet eine gelegentlich rührselige Sicht auf eine Welt, die nur durch wenige Jahre von unserer getrennt doch Welten entfernt ist.
Und darüber hinaus kann man auch vielen Ausdrücken begegnen, die heute aus der Wiener Alltagssprache verschwinden. Nicht, dass ich den meisten davon eine Träne nachweinen würde. Aber konserviert gehören sie schon.
HELLER, André: „Das Buch vom Süden“, Wien 2016 André Heller ist ein Träumer und ein Phantast. Seine Shows, Ausstellungen und Museen sind ein Beispiel dafür, dass er ein Querdenker ist. Genauso ist dieses Buch angelegt. Seine Hauptperson – Julian – glaubt auch an Geister und hat die ausgefallensten Träume und anscheinend kommen gerade ihm „ausgefallene Menschen“ unter. Er sammelt auch immer Eindrücke, die nicht Allgemeingut sind. Er vergleicht das mit einem Menschen, der „ein guter Futterverwerter ist“: „Mir geht es ja auch mit freudigen Eindrücken so, ich speichere sie in irgendeinem Winkel meines Wesens und benütze sie in kleinen Portionen als Ursache, später froh zu sein.“ (Seite 266) In diesem Buch gibt er viele seiner Eindrücke, die in ein Raritätenkabinett passen würden wieder. Er behält sie nicht für sich: „Meine Launen muss vor allem ich ertragen.“ (Seite 147) Im Grunde genommen ist es auch ein Geschichtsbuch, in dem Zeitzeugen zu Wort kommen. Der Direktor des Naturhistorischen Museums in Wien, der mit seiner Familie im Schloss Schönbrunn wohnt und aus der Sicht dieser Familie wird die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben. Der Sohn wächst in Wien heran und zieht dann in die Welt hinaus. Zentrales Thema ist auch seine Beziehung zu drei verschiedenen Frauen. Das Buch geht mit Seite 325 zu Ende und der Autor besinnt sich auch an das Ende des Lebens indem er es in einem Wunsch so ausdrückt: „Ich möchte in Würde und ohne Qualen die Jahre nützen können, in denen ich das meiste Wissen besitze und mir die umfangreichste Erfahrung zur Verfügung steht.“ (Seite 324). Denn „die Zeit vergeht ja gar nicht, sondern nur wir vergehen.“ (Seite 218)
Ich mag dieses Buch, das von den Kritikern sehr gemischte Noten erhalten hat. Es ist eben ganz eindeutig André Heller, der hier erzählt, mit der für ihn so typischen poetischen und fein nuancierten Sprache. Das muss man mögen, sonst wird man mit dem Roman nicht viel anfangen können.
Ich persönlich habe mich total in die Geschichte von Julian Passauer vertieft. Das Buch ist wie eine Achterbahnfahrt: mal lustig und leichtfüßig, mal nachdenklich und tiefgründig. Heller erzählt so lebendig von Wien, dass man fast den Geruch von Kaffeehäusern und den Klang von Wiener Schmäh in der Nase hat. Aber er scheut sich auch nicht, die Schattenseiten der Geschichte anzusprechen. Die Kapitel über die Erfahrungen seines Vaters und einiger seiner Freunde während der Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg sind herzzerreissend. Heller schafft es aber, dieses dunkle Kapitel der Geschichte auf eine sehr persönliche und eindringliche Weise zu schildern, ohne dabei ins Pathos abzugleiten.
Was ich besonders mag, ist Hellers Humor. Er nimmt sich selbst und die Welt nicht zu ernst. Und dann gibt's da noch diese unglaublichen Beschreibungen der Natur, die einen den vom Protagonisten (und wohl auch von Heller) so geliebten "Süden" (Italien, vielleicht Marokko), richtig spüren lassen.
"Das Buch vom Süden" ist eine Reise durchs Leben eines etwas anderen Mannes, voller Höhen und Tiefen. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und gleichzeitig unterhält. Ich kann es jedem empfehlen, der Lust auf eine etwas andere Lektüre hat.
Ein vielversprechender Beginn, auf den ersten Seiten wird die Sehnsucht nach dem Süden auf so überzeugende Weise gepaart mit der Sehnsucht nach der verlorenen Grösse des k.u.k. Reichs, das man das Kommende dann kaum erwarten kann. Das ist dann aber zunächst eine lange Sammlung kleinerer Anekdoten um das Schloss Schönbrunn und seiner Bewohner in der Nachkriegszeit. Die sind zwar grossteils sehr amüsant, poetisch, auch zum Teil sehr berührend (wie der Auftritt von Hermann Leopoldi, den er, einen alten Kameraden erblickend, mit dem Buchenwald Lied schliesst), aber letztendlich fehlt diesem Heller'schen Potpourri der rote Faden und die Konstanz. Man wird am die gute alte Tante Jolesch erinnert, beginnt die aber bald schmerzlich zu vermissen. Vor allem verspürt man hier dann doch eine gewisse Sehnsucht nach dem Süden, der hier völlig aus dem Werk zu verschwinden scheint. Die Sehnsucht nach dem Ende hat mich dann jedenfalls vorzeitig übermannt und die Motivation weiterzulesen verlassen.
Ich hatte einen Roman erwartet und habe viel zu konstruierte Geschichten bekommen. Sonst bin ich dem schrulligen zugewandt - das war mir zu viel. Dieses Buch zu beenden war ein Kraftakt.
Ein beglückendes Buch voller Weisheit und Leichtigkeit des Seins.
Nur an einem ist Heller spektakulär gescheitert: einen Roman zu schreiben.
Aber vielleicht ist diese Klassifizierung ja auch dem Verleger zuzuschreiben. Eine Kategorie für traumhafte Sprachgewebe wie dieses von André Heller, dem Magier der zarten Stimmungen, gibt es sowieso noch nicht.
Dringliche Leseempfehlung für alle, besonders diejenigen von uns, die sich von vermeintlichen Zwängen und Drängnissen zunehmend gehetzt und getrieben, fremdgesteuert fühlen. Der moderne Taugenichts Julian Passauer zeigt, daß es auch anders geht. Ginge. Wenn wir wollten und es zuließen.
Ein Buch voller ergreifender, unverfälschter und tragisch-schöner Geschichten aus dem Wien des 20ten Jahrhunderts, das den Leser zurück versetzt in ein authentisches Leben einer Familie in Schönbrunn. Der zweite Teil enthält unter Reiseberichte und malerische Landschaftsbeschreibungen des Südens, mit obligatorischen Geschichten über das Leben, die Liebe und den Tod. Sehr zu empfehlen ist das von Autor gelesene Hörbuch!